Wer im Almdorf Seinerzeit landet, verliert bald das Gefühl fürs Dies und Das und lässt den roten Faden laufen. Da ist es gar nicht so leicht, ihn wieder aufzunehmen.
Wo
ist eigentlich meine Uhr? Ach, die hab' ich gestern irgendwann
ausgezogen, um gleich in den Alpenrhythmus zu kommen. Jetzt tippe
ich mal auf morgens kurz vor zehn und darauf, dass sie an der
Rezeption meinen Zettel gefunden haben, den ich ihnen in der Nacht
vor die Lärchenholztür gelegt habe, mit einem kleinen Felsen drauf,
gerade schwer genug, damit die Katzen in nicht wegkullern können.
Es war gestern nämlich für Almhüttenverhältnisse
doch recht spät geworden. Zum einen, weil Hüttenwirt Johann Landschützer einen echten Edelveltliner, grün, aus seinem imposanten
Weinkeller geholt hatte, dessen stattliche 15 % „man überhaupt
nicht merkt“. Das fand auch die charmante Signora von der Agentur
in Italien, die dieses Dorf hier in ihrer Heimat bekannt machen will
und die der Wirt kurzerhand an meinen Tisch gesetzt hatte.
Keine
Frage, dass wir nur über Kochen und Essen redeten, vom
japanischen Pizzabäcker (perfekter als die Originale, was ich so
natürlich nicht sagte) bis zu unserem Saiblingsfilet, das
frisch aus dem See um die Ecke kam und so italienisch-japanisch
wie nur was war: ohne Schnickschnack darauf konzentriert, sein Bestes
zu zeigen. Und so schmeckte der saftig und knusprig zugleich
gebratene Fisch so schön nach sich selbst, dass ich an diesen
wilden Barramundi beim Fischladen an der Bucht von Sydney denken
musste, warum auch immer. Dazu Zucchini so bissfest und bittermild
wie es sich gehört, mit Sonne vollgeschmorte Tomaten, Pellkartoffeln
besser als von Oma - nun wussten wir wieder, warum diese
Allerweltszutaten so beliebt in aller Welt sind. Hüttenküchenchef
Andreas freute das, denn darum geht es ihm: der Welt zu zeigen,
dass das Gute nah liegt. Was der Kärntner unter anderem als Koch
in einem deutschen Fusion-Restaurant in Sydney kennen gelernt hat. So dass er natürlich auch diesen Fischladen kennt.
Alles mit der Ruhe
Äh,
wovon sprachen wir ursprünglich? Richtig, die Zeit. Ich tippe
auf zehn, weil ich das als Frühstückszeit auf dem Zettel
mit dem Fels notiert hatte und es jetzt in meiner guten Stube unter
mir knallt, knackt und klappert, klares Zeichen dafür, dass
gerade mein Ofen eingeheizt und mein Jogeltisch gedeckt werden. Als
dann unten MEINE Tür ins Schloss fällt, bleibe ich erst mal
liegen, lausche aufs Ofenknacken und die lange, tiefe Stille
dazwischen. "Es ist diese Ruhe", werden die Glonings am
nächsten Tag auf die Frage antworten, was sie hier im Almdorf
Seinerzeit am meisten beeindruckt hat.
Almdorf
Seinerzeit? Gleich, wir haben ja Zeit. Die Glonings? Das sind die,
ohne die ich nicht hier wäre. Daniela Gloning war im Januar
unter den Ur-Küchengötter als die Gewinnerin eines langen
Almdorfwochenendes ausgelost worden. Und außer ihrem Mann David
durfte ich noch mit in die Kärntner Nockberge - um allen davon
zu erzählen.
Bin ich ein Alpen-Weichei?
Sprechen
wir aber erst noch ein bisschen über die Ruhe. Damit ist nicht
nur diese Almgipfelstille hoch über dem Tal gemeint; es ist
vor allem die Ruhe mit der man sich da aufs Hier und Jetzt einlassen
kann - ich zum Beispiel darauf, dass ich für zwei Tage eine wunderschöne Almhütte samt Aussichtsterrasse, Grabgarten und Hauskatze für mich habe und dafür weder in einen
unerforscht unwirtlichen Alpenwinkel kraxeln noch mich ums
Essenschleppen und -machen kümmern muss. Und bevor jetzt
Reinhold Messner und der ganze Alpenverein "Weichei!"
brüllen, stehe ich erst mal auf, geh auf den Balkon und strecke
mich der Welt entgegen. Keiner brüllt. Und selbst wenn, sobald
die mit mir nach unten gehen und in dieses Frühstücksidyll
(im Bild oben) treten würden, wären sie so still und ruhig,
wie ich es jetzt für die nächsten drei Stunden bin, die ich
mit Rumnaschen, Bücherlesen, Aus-dem-Fenster-schauen und
Am-Ofen-lehnen verbringe.
Kaum
zu glauben, dass damals niemand so recht an die Idee von Karl Steiner glauben wollte, den Menschen ein kleines Almdorf nach seinerzeitigem
Vorbild mit Service heutiger Art hinzustellen. Zum Glück
hatte der Mann da seinen Energieplatz schon gefunden – die Fellacheralm hoch droben über Patergassen bei Bad Kleinkirchheim, wo einst jemand ein Hotel
hinbauen wollte, vorher aber den Grund beim Kartenspielen verloren
hatte, bis
der dann zu Karl Steiner kam inklusive Hotelbaugenehmingung am Rande des
Nockberg-Naturschutzgebietes – die hatte man damals einfach
vergessen wieder zu streichen. Ein Glück auch, dass der künfitge Dorfpatron durch
den Verkauf seiner Baumarktkette genug Geld auf der Seite hatte, um
seine Idee auf den Weg zu bringen. So öffneten sich hier 1995 die ersten Almhütten aus
heimischen Hölzern mit Kachelofenherz zu einem kleinen Traumdorf
für die ganze Welt. Die Grundidee: internationalen
Globetrottern und Gutverdienern den Weg zurück zur guten
alten Natur gerade eben so weich zu pflastern, dass er nicht gleich
in die Wellness-Hölle oder nach Disneyland führt.
Vom Abenteuerurlaub zum First Class Resort
Ursprünglich
war das ein wenig als Abenteuerurlaub gedacht, in dem man selbst sein
Feuer machen und Essen kochen sollte. Tatsächlich wollen auch
heute noch manche weltgereiste Manager in der kleinsten Hütte
wohnen, um dort am Morgen persönlich den Holzherd fürs
Rührei zu schüren (wenn es sein muss, sogar im Backrohr).
Inzwischen ist das Almdorf aber auch für Araber, Amerikaner oder
Australier auf ihrer „grand hotel tour“ durch Europa ein
beliebter Rastplatz, Gäste aus 23 Nationen kam 2007 hier an.
Deswegen sitzt man nun zumindest in der hölzernen Badewanne
zentral geheizt, es gibt eine Hand voll noch komfortablerer Jagdhütten
und Chalets inklusive Champagnerfalltür, dazu hat
in diesem Jahr der Gründer den Betrieb in die Hände
eines Mannes vom Fach gelegt. Allerdings ist Johann Landschützer als Berater des
Almdorfs schon lange von dessen Grundidee infiziert und hat so die Aufgabe auch deswegen übernommen, damit es kein Edeltouristenkonzern in sein Portfolio
einreihen kann.
Die etwas andere To-Do-Liste
So
kann ich jetzt echtes, weil schlichtes Almhüttengeschirr an die
Spüle stellen (wo sich seiner eine gute Fee später annehmen
wird), mich ein wenig an der Antenne des Transistorradios auf der
Anrichte versuchen und ganz alleine noch ein paar Scheite im
Kachelofen nachlegen, um mir dann auf der Eckbank zu überlegen,
was ich heute noch so anstellen werde:
1. Mir
gleich aus den Resten vom Frühstück ein Omelette braten.
2. Danach
mit einer der Almdorfkatzen auf dem Bauch Mittagsschlaf halten.
3. Anschließend
einen Wanderversuch wagen, der an einem Bergbach endet, dem ich
„Moon River“vorsinge (sorry, Almgötter).
4. Zurück
im Dorf ins Haus der Sinne gehen, wo Meister Peter in dunklen Tiefen
über prasselndem Feuer ein Sud aus 90 Almwiesenkräutern
zieht, mit dem er mich in einen Lärchenholzzuber steckt und dann
zwischen Heu bettet, bevor er und die ganze Welt sich in Luft auflösen.
5. Am Abend bei Bruder Horst in der
Holzknechthütte landen, wo vorne das Panoramafenstersims zum
Catwalk für die Almhauskatzen wird und der Horst hinten sein
sechsgängiges Hüttenmenü inklusive auf den Punkt gebratener Steaks auf einer Ofenflamme
zubereitet.
6. Es am Ende gerade noch auf die Eckbank
meiner Hütte schaffen und kurz grübeln, ob ich morgen
überhaupt noch was frühstücken kann und wie ich das
eigentlich alles erzählen soll.
Schließlich aber: Ruhe. Jetzt.
Hier.
Das Almdorf Seinerzeit liegt auf der Fellacheralm bei Patergassen in Kärnten und ist das ganze Jahr geöffnet. In insgesamt 28 Almhütten, Jagdhäusern und Chalets kann man sich ab 290 Euro pro Nacht (eine Almhütte z. B. reicht gut für 4, maximal für 6 Personen) rundum verwöhnen oder einfach nur gehen lassen - Frühstück und Abendessen inklusive. Erstklassige Regionalküche mit modernem Einschlag gibt es im nur für die Dorfbewohner reservierten Gasthaus Fellacher, in dessen Weinkeller auch Gourmet-Menüs serviert werden. Deftige Almkost wird im Zwei-Personen-Restaurant Holzhackerhütte serviert - und auf Wunsch kommen die Köche auch in die eigene Hüttenküche.
www.almdorf.com
Hallo Sebastian,
super geschrieben, alles genau getroffen! Die Tomaten zum Saibling - ich schwelge immer noch :-) Es war wirklich ein ganz großartiges Wochenende, noch einmal herzlichen Dank an alle Beteiligten! Das Almdorf kann man sehr guten Gewissens jedem ans Herz legen.
Liebe Grüße,
Daniela