Was Starköche, Lebensmittelhändler und Foodproduzenten in diesem Jahr treiben, erzählen uns Sebastian Dickhaut und Nicole Stich. Was wir damit anstellen? Kommt in Teil 2.
And the Oscar goes to…
Jamie Oliver!
Beide sind gut vorbereitet:
Hollywood hat mit „Ratatouille”, „No Reservations” und zuletzt „Julie & Juliet” das Genre
„Chef-Blockbuster” geschaffen, Jamie Oliver hat sich mit seinem
Amerika-Kochbuch und seiner Co-Autorin-to-come Jennifer Aniston ganz oben auf
der Empfehlungsliste eingetragen – für den nächsten großen Kochfilm.
Arbeitstitel: From Jamie to Oliver – how to become everybodies chef.
Hauptrolle: na wer wohl?
Und die goldene Zitrone für…
Derweil haben sich unsere
Fernsehköche an die Devise „Nehmen was kommt” gehalten und werben für
Dosensuppen (Schuhbeck), Industriewurst (Poletto) oder Tankstellenleberkäse (Wiener) , Dinge, die Ihre Gäste wieder an den Herd zurück schicken würden.
Zugleich haben sie aus „Lanz kocht” eine Werbesendung in eigener Sache gemacht,
die in diesem Jahr auch auf den Speisekarten der Bahn läuft – unter dem Motto „Spitzenköche
für Afrika” unter der
Schirmherrschaft von Eckhart Witzigmann. Nachdem man dort im letzten Jahr
Sterneköche dafür bezahlt hat, Klopse und Eintöpfe zu servieren, sind wir
gespannt.
Rettet die Gast-Wirtschaft
Von all dem haben die
regionalen Kochstars viel gelernt – auch, wie man’s nicht macht. Und so können
wir 2010 den Lieblingskoch unseres Viertels/Dorfes/Landkreises vielleicht öfter
im Regionalblatt oder –radio entdecken, jetzt auch Kochkurse bei ihm buchen
oder ihn beim neuen Fressfest in der nahen Kleinstadt auf der Bühne bewundern,
dazu ein paar Klassiker seiner Küche in Gläsern oder Döschen kaufen – aber nur
bei ihm. Also dort, wo er auch immer noch für uns kocht. Denn deswegen macht er
(oder sie) das alles – damit wir bei ihm essen und er für uns kochen kann. So
soll es sein.
Klein wird fein
So wie beim Ausgehen setzten
verunsicherte Genießer auch beim Einkaufen wieder mehr auf das kleine Nahe
statt große Namen: Die Adressen von Bäckern und Metzgern, die ihr Handwerk
beherrschen und gute Zutaten aus der Umgebung verwenden, sind für sie heiße
Ware (vor allem, wenn sie sich auch noch flott verkaufen können – mehr dazu in
Teil 2 in den nächsten Tagen). Regionale Super- und Wochenmärkte werden noch
interessanter für sie. Oder sie kümmern sich gleich selbst um die Basics –
bauen Gemüse im eigenen (Schreber)garten an, mieten sich für eine Saison
einen Acker, übernehmen den von der
Schließung bedrohten Dorfladen oder bilden Genossenschaften mit gleich
gesinnten Genießern, Lebensmittelhandwerkern und Bauern.
Regional wird global
In der großen Stadt wächst
weiter die Sehnsucht aufs kleine Land – aber presto bitte. Und so boomen kleine
Delis und Läden, in denen man sich feine Spezialitäten aus aller Welt auf den
Teller laden kann wie Apps aufs I-Phone. Berlins Tip-Magazin titelt seinen
Gastro-Teil im ersten Heft 2010 mit einem Cafe, in dem es „Marmelade aus
Mallorca, Landbrot aus Italien, Süßbuttercroissants aus Frankreich und
Leberkäse aus dem Allgäu” gibt, „und wenn jemand ein Gurkenbrot möchte, bekommt
er das auch”. Darauf folgt die Wiederentdeckung des Djuvec-Reis und eine
Doppelseite über Macarons. In New York wird derweil „Austrian cuisine” als
neuer Trend geortet – als gastfreundliche Verfeinerung der schon länger
trendigen deutschen Küche mit all den tollen Brezeln, Bieren und Würsten. Die
Welt des Essens bleibt also unübersichtlich.
Groß macht sich fein klein
Das alles ist den Großen der
Lebensmittelwelt nicht entgangen. Nachdem MacDonalds mit seinen McCafes sich
ein bisschen heimeliger gibt, soll nun das weltberühmte goldgelbe Logo grün werden – wenn auch erst mal außerhalb Amerikas. Und
nac dem die Molekularküche wieder dahin zurückkehrt, wo sie herkommt (ins Labor
der Lebensmittelchemie), sieht sie sich dort mit ganz neuen Dingen befasst –
zum Beispiel mit dem bald erhältlichen Mars-Riegel frei von künstlichen
Zusatzstoffen. (Früher hätten die Moleks den einfach frittiert.) Auch in Tiefkühltruhen
und auf Tütensuppen werden wir noch mehr „ohne”, „bio” oder gar „fair trade”
lesen, aber eins sei Euch gesagt: Es gibt kein richtiges Essen im falschen
Laden. Was vielleicht auch die Antwort darauf ist, warum es immer noch keine
Lebensmittelkette gibt, die fürs Essen das ist, was Ikea fürs Wohnen und
H&M fürs Anziehen ist.
Download your lunch
Global
oder regional, groß oder klein, grob oder fein oder alles zusammen – wie soll
man denn da bitte den Überblick behalten, vor allem, wenn man gerade tierischen
Hunger hat? Mit dem Handy zum Beispiel. Wir stellen uns das so vor: Wir geben
dort ein „Hab’ Lust auf Gulasch!” Sofort bekommen wir ein Lieblingsrezept
geliefert (natürlich von den Küchengöttern) samt Einkaufsliste und GPS-Tipp, wo
wir den mürbsten Wadschinken mit dem idealsten ökologischen Hufabdruck in
unserer Nähe bekommen, aber leider informiert uns das Fitness-Coach-App
zugleich, dass wir damit wegen der Leberkässemmel gestern unsere Nährwertbalance
ziemlich zum Wackeln bringen (und latent allergisch gegen Paprika sind),
weswegen wir twittern, dass wir jetzt zum japanischen Veganer gehen, woraufhin
wir drei Empfehlungen unserer Follower googeln, von denen zwei positiv gequypet
sind und wir dann zu dem gehen, der mehr Freunde bei Facebook hat - der dann
aber zu hat, weil der Koch sich ins Zen-Kloster zurückgezogen hat. Verdammte
Technik. Dann eben wieder Leberkäs vom Schorsch.