Der Mensch muss essen – und drüber reden. Kochen und Genießen hat sich zum Trend schlechthin gemausert. Nicole Stich und Sebastian Dickhaut blicken zurück und nach vorn.
Bio ist alles, alles ist bio
Warentest war gestern, heute ist Ökotest gefragt – und manche schauen im Laden aufs Bio-Siegel wie früher aufs Preisetikett. Bio ist geil - aber nicht um jeden Preis. So musste die Basic-Kette 2007 ihre Pläne stoppen, mit Geld von Lidl ihre Bio-Supermärkte im großen Stil über ganz Deutschland zu verteilen, weil Kunden und Lieferanten rebellierten. Es fehlt ohnehin an Bio-Nachschub, da die nachhaltig wirtschaftenden Öko-Bauern von dem Boom derzeit überrollt werden.
Unsere Befürchtung 2008: Irgendwann kommt er, der erste Bio-Skandal… Wir hoffen dann aber auf Verbraucher, die ihr Bewusstsein für Qualität und Geschmack jenseits von Schlagzeilen und Siegel-Versprechen entwickeln.
Regional wird das neue Bio
Die In-Foodies in USA und GB zählen beim Essen nun Kilometer statt Kalorien – was aus der Nähe kommt, belastet die Umwelt beim Transport weniger, so die Rechnung der „green eaters” (auch wenn sie mit dem Family-Truck alle Farmer der Umgebung abklappern). Was für Europäer mit ihren gewachsenen Regionalküchen nicht mehr die große Sensation ist. Dafür können wir auf unseren Bauernmärkten eine immer größere Vielfalt entdecken – wer braucht Flugananas, wenn er zwischen zwanzig Apfelsorten wählen kann?
Unser Tipp 2008: Unterstützung von regionalen Erzeugern und Wiederentdeckung der deutschen Traditionsküche finden wir prima – so lange „buy local” nicht „kauft deutsch” heißt und uns Gebiete jenseits vom Tellerrand verbietet.
Limonade wird erwachsen
Vor ein paar Jahren gab’s Bionade nur rund um die Rhön, dann in Hamburger In-Bars – und heute in jedem Speiswagen und Getränkemarkt. Mit über 2 Millionen Flachen täglich kam die Brau-Limonade aus Ostheim bei uns 2007 gleich hinter der Cola. Das „offizielles Getränk für eine bessere Welt” hatte nicht nur seine gute Story (Fast-Pleite-Brauer tüftelt im Familienbadezimmer die Geheimformel für Welterfolg aus), sondern traf auch den richtigen Geschmack – den von kaufkräftigen jungen Eltern, die in Ikea-Stadtvierteln kein Bier mehr trinken wollen. In diesem Jahr wird’s Bionade auch bei McDonald’s und in den USA geben.
Unsere Prognose 2008: Ein bayerischer Wirt kurz vorm Rauchverbot-Bankrott erfindet die Kauschogiirette - aus fair gehandeltem Naturkautschuk und 99-prozentigem Trinidad-Rohkakao in den Geschmacksrichtungen Chili, Roibosh und Weihrauch.
Es schäumt so schön
Molekulare Gastronomie ist einer der am meisten strapazierten kulinarischen Begriffe des letzten Jahres. Wird sie von Meistern ihres Fachs zelebriert, dann können deren Schäume, Gelees und Stickstoffträume Geschmacksexplosionen auslösen. 2007 sind dazu in Deutschland mehrere Kochbücher erschienen und einige der Wunderpulver für die Molekularküche auf den Markt gekommen. Aber auch wenn das bei Kerner so einfach ausschaut – nur als Effekthascherei ist das so fad wie die Wunderkerzen auf der Traumschiffeisbombe.
Unsere Meinung 2008: Mehr Fun als Food, trotzdem eine Bereicherung der Restaurant-Kultur. Aber bis in die Rezeptsammlungen deutscher Haushalte wird sie es nicht schaffen – gut so.
Der Koch wird zum Medium
Je älter das Jahr, desto öfter stolperte man beim Zappen von einer Fernsehküche in die nächste. Seltsame Kantinen-Rettungs-Konzepte wurden geboren, Promis (?) hüpften durch ihre unbenutzte Designerküche und in Kerners Küche war Platz für Vieles (zum Glück nicht noch für Frau „Heim an den Herd” Hermann). Weniger wäre da manchmal mehr gewesen – was zwei Flops auf hohem Niveau bewiesen: Tim Mälzers neue Show ging baden, weil man zu viel wollte und zu wenig Mälzer gab. Und als sein Schmeckt-nicht-Nachfolger, Sashimi-Meister Steffen Henssler, dem Gala-Chefredakteur Spinat-Bechamel-Lasagne in der Jenaer Glasform hinstellte, war klar: gute Formate und Charaktere müssen zueinander passen. Wobei es nicht nur im Fernsehen kochte: Hollywood brachte mit „Ratatouille” und „Mostly Martha” die feine (europäische) Küche in die Kinos und über YouTube & Co. ließen sich die wildesten Kochshows der Welt entdecken. Und dann war 2007 noch das Jahr der neuen Kochportale im deutschsprachigem Netz.
Wir empfehlen zum Start ins neue Jahr: Speed Cooking, Beat Box Cooking, Die Deutsche Kochschau und natürlich küchengötter.de.