Nachdem die Welt noch steht, schauen unsere Autoren Nicole Stich und Sebastian Dickhaut wieder nach vorne und sagen: Macht einfach. Und das bitte nicht zu perfekt.
Was nehm ich denn bloß? Wie wär's mit Salz und Pfeffer - da kommt man schon weit mit.
Achtung, hier kommt ein blöder Spruch, aber lest bitte trotzdem erst Mal weiter: “Eigentlich haben wir ja gedacht, dass wir uns das Thema für diesmal sparen können, wegen Weltuntergang.” Ja, wir wissen dass das so ziemlich der abgestandenste Bürowitz des Jahres war, ganz besonders in mit Jahresrück- und -ausblicken beschäftigten Redaktionsbüros. Aber ehrlich gesagt haben uns die beiden großen Trends der letzten Zeiten schon ein bisschen mulmig fühlen lassen, dass es wirklich bald rum ist mit uns.
Zum einen die Neue Nordische Küche. Nachdem die Molekularköche sämtliche Techniken durchgespielt haben, um aus jedem Lebensmittel alles Mögliche und Unmögliche zu machen, wandten die neuen Nordköche das dann auf Zutaten an, die noch wenige von uns auf dem Speisezettel hatten - Rinden, Moose, Flechten. Als Filmfans mit einem Faible für Endzeit-Science-Fiction sind uns da gleich ein paar tolle Szenarien eingefallen, in denen die letzten Überlebenden sich eine Reduktion Double aus Waldbrandholz gekrönt von einem Schaum aus vom Stein Gekratzten kochen.
Bitte nichts werfen
Nur leider hat die doofe Volksküche das alles ebenso ignoriert wie das Volk den Weltuntergang, weswegen die Nordic Cuisine inzwischen wie zuvor schon die Molo-Küche auf den großen No-no-Müllplatz der Foodtrends gelandet ist. Womit wir beim zweiten heißen Alteisen der Foodies 2012 wären: das Wegwerfen. Ganz böse. Nachdem es durch Bio allen Tieren und Pflanzen gut geht (zumindest bis sie gegessen werden) und durch Fairtrade auch allen armen Bauern und durch die städtischen Tafeln allen armen Essern, waren nun die Händler dran, sich zu bessern - weil die doch alles wegschmeißen, wenn der Untergangs-, äh, Ablauftag nur am Horizont aufblitzt.
Das ist ja nun mal ein Trend, den man sich sofort ins Haus holen kann: aufessen statt wegschmeißen. Merkwürdig nur, dass er vor allem in Häusern heimisch wurde, in denen die Ansprüche an Qualität sehr hoch sind, man geht nur in die besten Restaurants, in denen garantiert frisch gekocht wird, und für ein gutes Brot fährt man auch schon mal durch die halbe Stadt. Weswegen in diesen frischsten und höchsten Küchen nach jedem Service die Hälfte aussortiert wird und der Bäcker nebenan sein Brot den Hasen geben kann.
Perfekt? Lieber praktisch.
Wir wollen damit nicht sagen, dass jeder nur noch Currywurst und Discountsemmeln essen soll - aber höchste Qualität heißt eben auch starkes Aussortieren. Vielleicht versuchen wir 2013 einfach mal, im Genießen ein bisschen weniger perfekt zu sein, so wie es auch dieser Apfel mit der Delle da ist, der schmeckt trotzdem noch.
Und vielleicht versuchen wir einfach genereller nicht so perfekt und durchgeplant im Leben zu sein, dann brauchen wir nicht das Essen als Ersatzreligion, in der jede Mahlzeit zum Gebet an die Natur wird und jeder Griff zum Schokoriegel vom Foodmulti gleich eine Todsünde ist und in dem jedes Lokal, das “art- und Co2-gerecht, saisonal und regional” auf der Facebook-Seite stehen hat, eine Kathedrale ist.
Das klingt jetzt strenger, als es gemeint ist, drum lassen wir mal eine Kollegin ran, Helen Rosner von Saveur: “Ich glaube nicht, dass das mit dem saisonalen Kochen ein Trend ist, der vorbei ist. Ich finde viel mehr, dass es Standard ist ab einer gewissen Restaurantklasse, und das Köche nicht über den Klee gelobt werden sollten, weil sie dreimal im Jahr ihre Karte komplett frisch machen. Denn das macht sie nicht zu Köchen des Marktes, es macht sie nur nicht zu Mövenpicks*.” Okay, eigentlich hat sie Applebee’s gesagt und der Vergleich ist ein bissl schief mir ist nur kein besseres hiesiges Beispiel für eine solche Restaurantkette eingefallen. Euch vielleicht? Wir würden da nur noch gern hinzufügen - wir brauchen nicht unbedingt, dass unser nächstes Lokal auf Facebook, Twitter usw. sich ständig frisch macht. Für den Anfang würde schon reichen, wenn auf seiner Website gleich vorne Adresse, Telefonnummer und Öffnungszeiten stehen. Und nicht im Impressum.
Macht. Pures Brot, Kuchen am Stiel, Filterkaffee. Probiert.
Und letztendlich zählt, dass Wirt, Koch und Kellner was können, nicht die Technik oder die Produkte. Deswegen sagen wir Ihnen: Macht einfach, und dass so einfach wie es für Euch und uns geht. Macht Brot mit Mehl, Wasser und Salz statt mit allem möglichen Zusatzstoffen, schiebt ein Gericht in den Holzofen statt zig Töpfe übers Hightech-Kochfeld, esst Kuchen am Stiel statt Torte von Tellern, trinkt Kaffee, der durch Filter tropft, statt Tee, in dem Bubbles schwimmen. Um mal einige Trends und Ex-Trends genannt zu haben. Probiert alles aus und lasst es, wenn’s Euch nicht taugt. Wie unsere gemeinsame Freundin, die ihren Vorstandsjob ohne äußere Not gekündigt hat, daheim ab und zu großartige Brote bäckt und es sich erstmal gut gehen lässt und daher nicht im Leben dran denkt, gleich ein Cafe aufzumachen, was viele schon prophezeien. Einfach machen und dann weiter. Das Abenteuer ist näher als man glaubt. Und morgen kann’s das schon gewesen sein.
Drum geh ich jetzt zum Discountbäcker. Der hat einen guten Darjeeling im Beutel und flauschige Donuts, wie ich nach ein paar Versuchen mit Irrtum (der Espresso! die Brezn!) gemerkt habe und das Besitzerpaar ist so herzlich, cool und professionell, wie man’s im Cafe Trend kaum werden kann.
*Siehe auch Kommentare dazu
Nachdem ich mich auf den Artikel gefreut habe um mich mal auf den neuesten Stand zu bringen, bin ich jetzt ein wenig irritiert um es so auszudrücken?! Discountbäcker? Geht gar nicht ... die Brötchenteiglinge kommen was weiß ich wie weit woher und mit Bäckerskunst hat das nicht mehr viel zu tun. Da geht der echte, alt eingesessene Bäcker (dem wir unsere Brotvielfalt vielleicht zu verdanken haben) um die Ecke bankrott weil er mit derlei Industrieware preislich nicht mithalten kann. Da nützt es auch nichts wenn die Franchisenehmer nett sind, da unterstütze ich lieber meinen Bäcker der sich noch die Mühe für mich macht jeden Morgen selbst in der Backstube zu stehen. Vielleicht bin ich da zu verstaubt, aber das musste ich jetzt mal los werden....oder hab ich Euren Kommentar in der Hinsicht falsch verstanden? Nix für Ungut und Euch alles Gute fürs neue Küchengötter-Jahr!! Susanne