Aber nicht so, wie es sich gehört - denn ich bin ein Weinanalphabet. Seit Jahrzehnten schon. Und habe bis heute keine Lust, das zu ändern. Wohl bekomm’s!
Doch,
ich verstehe Wein. Zum Beispiel kann ich schmecken, ob er gut oder schlecht
ist. Damit ist jetzt nicht der unter Pop-Sommeliers* beliebte Satz
gemeint: „Jeder Wein ist gut, wenn er einem schmeckt, egal zu was.” Das wird
gerne gesagt, um sich auf Augenhöhe mit dem Gast zu begeben. Aber so weit, dass
schon alles egal ist, bin ich noch nicht. Ich bin: Weinanalphabet. Das heißt,
ich verstehe Wein, kann ihn aber nicht lesen (das Etikett; die Weinkritik) und
noch weniger darüber schreiben.
Gründe
dafür gibt es einige. Fürs Verstehen: Ich bin in einer Weingegend aufgewachsen,
meine Eltern hatten dort ein Lokal, ich mag kein Bier, Schmecken ist mein Job. Da liegt aber auch das
Problem: Als Koch hatte ich genug damit zu tun, mich aufs Essen zu
konzentrieren und beim Schreiben darüber geht es mir ähnlich – kein Platz für
Wein auf der Festplatte. Anfangs habe ich versucht, meinen Weinanalphabetismus
zu verbergen. Habe die Sprüche abgeschrieben, die Kennern so frustrierend
flüssig bei den Profiproben von der Zunge gehen; habe Leute zum Restauranttesten eingeladen, nur damit sie
für mich trinken; ging das nicht, habe ich den zerstreuten Spezialisten
geschauspielt. Was irgendwann auch nicht mehr ging.
Heute
bin ich offensiver Passivtrinker** und lasse andere lesen wie schreiben.
Und wenn wir in ein Lokal mit Anspruch an mich gehen, hole ich diesen Zettel
raus: „Wir kommen, um zu essen. Dazu trinken wir gerne etwas. Das kann auch
Wein sein. Keine Flasche pro Kopf, weil wir dann unaufmerksam werden. Und der
Wein soll uns nicht mehr beschäftigen als das Essen - beim Bestellen, beim
Servieren, beim Bezahlen. Wenn das Ihren Gewinn schmälert, machen Sie ruhig Ihr
Essen teurer. Wenn es das verdient hat, freuen wir uns drauf.” Und nehme erst
mal ein Wasser.
*Pop-Sommelier: Weinkellner, der „anything goes” ruft, wenn ich einfach nur an die Hand
genommen werden will
**Passivtrinker: trinkt Gutes aus Durst, aus Lust, weil’s schmeckt und redet oder schreibt nicht
drüber (Ausnahmen bestätigen die Regel)
... lieber Sebastian; wenn man schon Wein trinker ist, sind Weinanalphabetismus und Sprücheklopfen die zwei Extreme, in die niemand verfallen muss, schon gar nicht jemand wie Du und andere Küchengötter, die Wert auf Geschmack legen. (Lese mal das ganze was Du geschrieben hast mal so, dass Du alle "Wein" mit "Essen" austauschst!) Sicher kann jeder sagen ob ein Wein ihm schmeckt oder nicht (aber nicht, ob er gut ist oder schlecht!), und sicherlich ist Wein für die wenigsten unter uns das wichtigste beim Essen, aber mit ein paar Buchstaben kann ein Wein doch das Essen viel reicher machen.