Mein Ausgehen begann mit Eisgehen. Und mein Eisdealer war natürlich der oben an der Parkstraße. Die Eisdiele und ich - eine deutsch-italienische Liebesgeschichte.
Becher mit Waffel auf Vespa - Eisessen mit Stil. Fotos: Dickhaut
Wer zieht heute seinen Mantel noch in der Diele aus? Keiner,
weil keiner mehr Diele sagt. Aber in die Eisdiele, da geht man schon noch hin.
Auch wenn man dann eher zum Sacletti, ins Cafe Seidl oder zum Tichy geht.
Leute, die einfach nur irgendwo ein Eis holen, brauchen jetzt eigentlich gar
nicht weiter lesen. Denn hier geht’s um eine Passion, die schon beginnt, bevor
man überhaupt lesen kann. Und die man danach nur noch schwer erlernen kann: Eis
essen gehen. Mit Betonung auf „gehen”.
Mein erster Eisdealer hieß Dolomiti. Wie es sich für jede
Kleinstadt gehört, gab es auch in meinem Geburtsort zwei Eisdielen, die die
Bevölkerung in zwei Lager teilte. Die eine lag am Fuß der Parkstraße, die vom
Grün der Kurwiesen flankiert sanft den Hügel hinaufstieg. Dort lag die andere,
„unser” Dolomiti. Es war nämlich so, dass beide Dielen der Stadt in der Hand
der selben Familie lagen, die wie der größte Teil der deutschen Eisdealer aus
den Dolomiten stammte, angeblich sollen die sogar fast alle aus dem selben Dorf
kommen.
Unten oder oben? Kein Frage für uns
Unten, da gingen eher die Kurgäste samt Schatten hin, denen
der Weg den Hang hinauf zu lungenpfeifig war. Oben, da waren wir, für die „ins
Dolomiti gehen” immer nach oben hieß, ohne das man es dazu sagen musste. Und
„wir”, das waren erst mal mein Mutter und ich, später auch mal meine
Geschwister und ich. Meinen Vater bringe ich mit dem Dolomiti nur als Eiskurier
in Verbindung, der am Sonntag nach dem Mittagessen mit dem vergoldeten
Messingeimer aus der Cocktailbar losfuhr, um ihn mit Eiskugeln füllen zu
lassen, die dann auf der Rückfahrt zu einer Masse wurden, die wir gemeinsam
auslöffelten.
Auch eine schöne Geschichte, aber mit Eis essen gehen hat
sie natürlich gar nichts zu tun. Wahrscheinlich fuhr mein Vater sogar in die
untere Eisdiele, wer weiß. Als ich meine erste Freundin hatte, gewann das Eis
essen gehen dafür eine neue Dimension. Wir liebten es beide, und wie es sich
für Verliebte gehört, verstanden wir uns stumm dabei. Klar, dass oben oder
unten schon beim ersten Eisgehen keine Frage war, auch klar, dass ich von ihr
Spaghetti-Eis lernte und sie von mir Amarena-Becher.
Italienisches Design? Nicht in der Eisdiele
Denn das war auch klar: Waffel auf die Hand war uns meistens
zu wenig. Wir gingen lieber vorne an der Theke vorbei in den typisch langen
Schlauch hinein, dem die Eisdiele wohl ihren Namen zu verdanken hat. Dort
erwartet einen bis heute dieses typische Maßmobiliar von der Stange, das einen
ähnlich wie das typische moderne Brauereimobiliar Münchner Wirtshäuser in
seiner Hässlichkeit eine ganz bestimmte Lokaltemperatur versetzt: helles
Furnier, pastelliger Grobstrick, viel Gold und Milchglas winden sich durch die
Dielen, um jeden Winkel zu füllen und zu nutzen, der von grellgelbem Licht
perfekt ausgeleuchtet wird.
Man sagt mir, dass italienische Wohnzimmer ähnlich aussehen,
was ich aber als Freund des italienischen Designs nicht glauben will –
wahrscheinlich sollen sich die Leute einfach nicht zu lange an den kleinen
Tischen aufhalten, vor allem nicht verliebte junge Leute wie wir damals. Aber
auch nicht diese älteren männlichen italienischen Verwandten, die so gerne in
der Nähe der Theke einen Tisch mit zwei drei Freunden besetzten, um aus kleinen
Tassen etwas zu trinken, was erst später von großer Bedeutung für mich werden
sollte. Denn diese Männer hielten erstens den Rest der Familie von der Arbeit
ab und nahmen zweitens Plätze ein, auf denen sich mit zahlenden Gästen viel
mehr versilbern ließ.
Sind Espressobars die neuen Eisdielen? Für mich schon.
Heute treffe ich sie wieder in den Espressobars, die für
mich nun die neuen Eisdielen sind. Tatsächlich gibt es da ja auch Parallelen,
zumindest bei den echten: Sie sind auch klein und eng, man bleibt nicht lange
und draußen gibt’s weder Kännchen noch sonst was. Denn so wie man einen
Espresso an der Theke oder allenfalls am Stehtisch in Schrittweite davon
trinken sollte, so sitzt man in einer richtigen Eisdiele nicht draußen, denn
dann wäre sie ja ein Eiscafe. Draußen in der Eisdiele (klingt ja schon falsch)
gibt’s nur Waffel oder Becher und höchstens ein paar wenig einladende Tischlein
an der Straße (richtige Eisdielen liegen immer an der Straße, nicht an Plätzen
oder gar in Fußgängerzonen), an die man sich aber nicht mit Waffel oder Becher
setzt.
So, jetzt habe ich aber genug erzählt, der Kellner schaut
und fragt schon, ach übrigens war das ein ganz wunderlicher Moment, als einmal
morgens aus der (von einer alleinstehenden Dame bezogenen) Wohnung gegenüber
meiner Freundin der von allen umschwärmte junge Dolomiti-Theken-Mann herauskam.
Ähnlich wie beim örtlichen Pfarrer dachten wir, dass so ein Mann eigentlich
nichts anderes als seinen Dienst tut und ansonsten auch keinen Schritt aus der
Eisdiele heraus macht. Entsprechend peinlich war ihm das auch...
Waffel oder Becher, drinnen oder draußen? Erzählt mal.
Ok, jetzt muss ich aber wirklich, erzählt Ihr doch einfach
mal weiter – wo und wie Ihr Euer Eis esst und welche Sorte Eure liebste ist
(meine: Haselnuss) oder welcher Becher oder ob ihr’s lieber in der Waffel auf
die Hand mögt (ich nicht so). 1 Kugel 1 Euro, draußen oder drinnen, oben oder
unten, italienisch oder amerikanisch, und über meine neue Liebe Affogato haben
wir noch gar nicht gesprochen. Also?
Mein heutiger Eisdieler - fürs Dolce Vita gibt's die Espressobar.
Meine damalige große Liebe hat mir den leckeren Bananensplit gezeigt. Den genehmige ich mir heute immer noch ein paar Mal im Jahr. Wenn's mal schnell gehen soll und es ein Eis auf die Hand gibt, dann muss es unbedingt Vanilleis mit Schlagsahne sein. Ist zwar schwierig beim Laufen zu essen, aber ohne Sahne geht gar nicht:)).