JOHANNA OF LONDON: Chinesisches Neujahr und hippes Dim Sum

Erstellt am 01.01.08 von Johanna Wagner - 2 Kommentare
letzter Kommentar von Hansjoachim am 20.02.08
Kategorien: Foodies International, À la Saison
Zao Jun? Chinesische Küchengötter? Soho und Chinatown? Pünktlich zum chinesischen Neujahr läßt uns Johanna teilhaben an ihrer Suche nach authentischem chinesischem Essen.
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JOHANNA OF LONDON: Chinesisches Neujahr und hippes Dim Sum 1
Foto: www.sxc.hu

Obwohl heuer bereits am 7. Februar das Chinesische Jahr 4706 eingeläutet wird, finden die offiziellen Feierlichkeiten zum Jahr der Ratte in London erst am darauffolgenden Wochenende statt. Die chinesische Diaspora machte die britische Hauptstadt zum europäischen Hotspot für Einwanderer aus dem Fernen Osten und ist nicht nur die älteste chinesische Gemeinde in Europa, sondern mit geschätzt 500,000 in Grossbritannien (20% davon im Großraum London) auch eine der 15 größten im Ausland. Auch wenn sie hier bei weitem nicht die prominenteste ethnische Gruppe darstellen, wird dem Chinesischen Neujahr doch weit mehr Aufmerksamkeit geschenkt als beispielsweise dem indischen Diwali, das zwar omnipresent ist, aber bei weitem nicht mit demselben Pomp gefeiert wird.

Nicht nur in Chinatown und Soho finden zum Jahreswechsel abwechslungreiche Events statt: neben der farbenfrohen Parade am Sonntag Mittag vom Strand zur Shaftesbury Avenue oder dem weitaus familiengerechteren Festival am Trafalgar Square über das Feuerwerkspektakel am Leicester Square stellen auch zahlreiche Attraktionen ihre Veranstaltungen unter das Zeichen der Ratte: Chinesisches Theater mit Tintoretto als Bühnenbild in der National Gallery, Workshops im National Maritime Museum, Drachentanz und Karaoke im Docklands Museum und spezielle Tours für Kinder im Londoner Zoo – sogar das Royal Opera House nimmt mit einer Vorstellung der namhaftesten chinesischen Hip-Hop-Rap Bands auf etwas unerwartete Weise an den Festlichkeiten teil.

Die Menschenmassen konzentrieren sich jedoch am Sonntag auf die Umzüge in Soho, genauer gesagt die Gerrard Street, in der der beliebte Drachentanz von einem Chinalokal zum anderen zieht – dabei bedroht der Drache unter viel Lärm und Gepolter das Restaurant und lässt sich nur durch ihm vorgworfenes Essen (meist nicht mehr als ein mickriges Salathaupt) vom Eindringen abhalten. Aber auch andere Neujahrs-Traditionen haben in London Einzug gehalten: werden in China zur Jahreswende üblicherweise Kinder mit Geld beschenkt, so “erkaufen” sich hier Chinesen in ihrem Stammlokal mit Trinkgeldern in roten Kuverts die Gunst der Kellner fürs nächste Jahr – und man munkelt, dass es sich dabei oft um ganz stattliche Summen handelt.

Übers Jahr verteilt kann ich meine Ausflüge nach Chinatown an den Fingern einer Hand abzählen – doch die Einkaufstouren, die sich dann anbieten, sind den Weg und die Drängelei allemal wert. Die sich in der Gerrard Street liegenden Supermärkte wie New Loon Moon bieten nicht nur chinesische Ware an, auch Ingredienzien aus anderen asiatische Küchen, wobei vor allem Vietnam, Korea, Malaysien und Indonesien stark vetreten sind. Neben diversen Grundnahrungsmitteln (Reis auch im handlichen 50-Kilo Sack) kommt man auch wegen der äusserst preiswerten Gewürze, Fertigsaucen, Knabbereien und ungewohnten Konserven (zB falsche Ente oder Schaf, gebratenes Gluten und eingelegte Bananenblüten). Ausserdem findet man hier jede Menge exotisches Obst und Gemüse (Drachenfrucht, Yam, Knoblauchblumen, Rambutan etc) und im Loon Fung Markt gibt es sogar einen Fleischer mit diversen Delikatessen wie Schweinsohren und –herz, Hühnerkrallen und Froschschenkeln. Ausgesprochen groß und vor allem unerwartet preiswert ist die Auswahl an Tees und Küchenutensilien: Bambuskörbe für Dim Sum in allen erdenklichen Grössen und Formen, Türme von Woks und etwas kitschigem Chinaporzellan – nur die Pflaumenweinstamperl mit der sich entkleidenden Dame am Boden des Glases habe ich noch nicht entdecken können.

An die etwas abrupte chinesische Art muss man sich erst gewöhnen, das gilt für das Personal ebenso wie die Kunden in den Shops und den umliegenden Restaurants – für viele eingesessene Chinesen ist man eben doch nur ein geduldeter Eindringling. Davon darf man sich aber nicht den Spaß verderben lassen. Wie die Chinesen startet man am besten in der Far-East Chinese Bakery, einer unscheinbaren und etwas schmuddeligen Bäckerei in der Gerrard Street. Wenn man sich, unbeeindruckt vom Gezische der Dame des Hauses beim Eintreten, an einem der wackeligen Tische im Inneren Platz nehmen traut, genießt man hier bei einem Red Bean Bun und einem Glas Tee für knapp ein Pfund People-Watching erster Klasse und fühlt sich sofort in eine ganz andere, fremde Welt versetzt. Nach den Strapazen des Einkaufs gönnt man sich dann auf einem der zahlreichen Klappsessel in der Fussgängerzone eine chinesische Nackenmassage, bevor man schwer bepackt wieder nach Hause gondelt.

Für die umliegenden Restaurants in Chinatown konnte ich mich allerdings nie begeistern. Das kann natürlich daran liegen, dass ich seit meinen Studententagen in Wien die Nase voll von Glutamat-geladenen Mittagsmenüs für umgerechnet drei Euro hatte - die schmecken ja doch alle wie aus der Maggi-Tüte und werden wohl allesamt vom selben Großlieferanten bezogen. Da hungert man lieber, so arm kann man gar nicht dran sein.
Erst Jahre später habe ich mich dann dazu überwunden, dem Problem auf den Grund zu gehen. Bei genauerem Hinsehen merkt man, dass in den Dutzenden Lokalen in der Gerrard Street auch gar keine Chinesen zu sehen sind – zumindest keine einheimischen. Wie in anderen Großstädten sind die Lokale in Chinatown bis auf ein paar verirrte Touristen fast leer… also lag ich instinktiv wohl richtig, aber wo um alles in der Welt kommt man an authentische chinesische Cuisine?

Alan Yau-sei-Dank gibt es mittlerweile schnelle asiatische Küche in fast jedem Borough, aber auch mit seinen exklusiveren Lokalitäten hat der junge Entrepreneur ein goldenes Händchen bewiesen: Hakkasan ist der erste Edelchinese Londons - hier geben sich die betuchten Londoner bei Peking Ente mit Beluga Kaviar ein Stelldichein, dafür glänzt das Lokal auf der Liste der 50 besten Restaurants der Welt mittlerweile auch auf Platz 19.

Den grössten Gefallen hat er mir allerdings mit der Eröffnung von Yauatcha gemacht: das erste Restaurant, in dem Dim Sum nicht wie üblich nur zum Nachmittagstee, sondern rund um die Uhr serviert wird. Kein Wunder, dass dieses hippe Lokal schon bald zum beliebtesten Dim Sum Tempel wurde, besonders abends und am Wochenende werden die Tische daher im 90-Minuten-Takt abgefertigt. Der Tearoom im Erdgeschoss serviert die gepriesenen chinesischen Knödelchen mit einer Unzahl an Grüntees, gefolgt von asiatisch inspirierter Haute Pâtisserie (auch zum Mitnehmen), die zumindest ästhetisch Pierre Hermé den Rang ablaufen könnte. Im Keller geniesst man die innovativen Cocktails und Ice Teas von der Aquariums-Bar und bestellt kreative Dim Sum dampfgegart, gebraten oder gebacken (besonders zu empfehlen ist Reh im süssen Teigmantel, Jakobsmuschel mit Kumquat und die ewig populären Cheung Fun Rollen). Auf jeden Fall die hausgemachten Trüffel mit nach Hause nehmen, vor allem Kaktus & Limette und Aprikose & Wasabi (“…wenn ich nur aufhören könnt!!”)

Wer keinen westlichen Komfort oder hippes Dekor braucht (und auch mal mit unfreundlichem Service leben kann) folgt Horden von hier ansässigen Chinesen in eines der Royal China Restaurants – hier bekommt man authentische kantonesische Küche, fast wie in Hong Kong. Wem’s nicht scharf genug sein kann, der muss weiter nach Norden pilgen: das Angeles kann stilmässig zwar noch viel dazulernen – und beim Anblick dss verwestlichten “all-you-can-eat” Buffets in der einen Hälfte des Lokals muss man beide Augen zudrücken. Dafür findet man im anderen Teil fast ausschliesslich chinesische Gesichter, die bei doppelt-gegartem Schweinebauch und dem regional typischen Hotpot der hier ausgezeichneten sichuanesischen Küche fröhnen.

So richtig versöhnt mit der chinesichen Küche hat mich aber Hunan, ein kleines, unscheinbares Lokal im Stadtteil Pimlico, das mehr wie ein nettes franzoesisches Bistro anmutet als ein Chinarestaurant. In diesem kleinen Familienbetrieb gibt’s keine Speisekarte, sondern man einigt sich auf ein “set menu”: Mutter und Tochter befragen die Gäste in gebrochenem Englisch nach Vorlieben und kulinarischen Tabus, hinten in der Küche schwingt der Vater (Mr. Peng) den Kochlöffel und bringt einen sensationellen Gang nach dem anderen hervor. Bei meinem letzten Besuch waren das mehr als 15 verschiedenen Gerichte, von einem Süppchen im Holzbecher über diverse kleine Happen, knuspriges Schweinsfilet a la Sichuan im Papier gebacken, Sesamhuhn im Salatwrap und Tempurafisolen bis hin zu dampfgegartem Wolfsbarschfilet mit viel Ingwer … und kein einziges Reiskorn in Sicht, ein wahres Freudenfest für die Geschmacksnerven!

Und apropos Traditionen: der Küchengott ist einer der wichtigsten Götter in China und sein Bild ist in fast jeder Küche präsent. In vielen Regionen werden Zao Jun am dritten Tag des achten Mondmonats (heuer der 2. September) Opfer dargebracht – traditionellerweise süsser, klebriger Reis… damit würden sich seine deutschen Kollegen bei küchengötter.de wohl kaum zufrieden geben – aber wie wär’s mit Knusprigen Bauernbällchen in hausgemachter süss-saurer Sosse? Schmeckt fast so gut wie bei Mr. Peng (ist ja auch von dort abgeschaut)…

Shopping in Chinatown:

Far-East Chinese Bakery
13 Gerrard Street, W1

Loon Fung
42-44 Gerrard Street, W1

New Loon Moon Supermarket
9 Gerrard Street, W1
UBahn jeweils: Leicester Square

Restaurants:

Angeles
405 Kilburn High Road, NW6
Tel: 020 8328 3255 und 020 7625 2663
UBahn: Kilburn

Hakkasan
8 Hanway Place, W1
Tel: 020 7927 7000
UBahn: Tottenham Court Road

Hunan
51 Pimlico Road, SW1
Tel: 020 7730 5712
UBahn: Sloane Square

Royal China
Lokale in Baker Street, Queensway, St. John’s Wood, Canary Riverside.

24-26 Baker Street, W1
Tel: 020 7487 4688
UBahn Baker Street

13 Queensway, W2
Tel: 020 7221 2535
UBahn: Queensway oder Bayswater

Yauatcha
15, Broadwick St, London, W1
Tel: 020 7494 8888
UBahn: Oxford Circus oder Piccadilly Circus

 

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Gepostet am 07.02.2008 - melden?
Klasse Tipps!
Vielen Dank für die vielen Tipps. Leider ist die London Book Fair immer erst im März oder April und das Neujahrsfest schon lange wieder vorbei. Sei`s drum das eine oder andere Restaurant werde ich auf jeden Fall ausprobieren. Für mich ist es allerdings schon seit Jahren ein Mysterium, warum die Küche deutscher Chinarestaurants so gar nichts mit dem zu tun hat, was man in London, New York oder Boston bekommt. Als ich zum ersten Mal "crispy roasted duck" in London gegessen hatte, war ich ganz beinahe fassungslos. Wie von einem anderen Stern, es hatte so gar nichts mit dem Wokgepampe zu tun, das ich bisher gekannt hatte. Die Bauernbällchen sind übrigens super! Habe ich gestern gleich ausprobiert.
Gepostet am 20.02.2008 - melden?
Chinesisch essen in Deutschland

Ich war 15 Jahre mit einer Chinesin befreundet und habe den "richtigen" Geschmack kennen gelernt. In den Restaurants wird hier für das Auge chinesisch gekocht, aber europäisch gewürzt. Es soll ja auch der Oma schmecken die mit den Kindern essen geht. Wenns schmeckt wie zu Hause, kommt sie vielleicht wieder. Ich habe hier in Frankfurt meinen Stamm Chinesen. Wenn ich komme, geht er selbst in die Küche und würzt richtig. (Liu in der Hanauerlandstrasse).

Hansjoachim


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