Ein Buch über Übergewicht und Diäten, das kein Diätbuch sein soll – geht denn das? Ich habe es probiert und mir die „Nudeldicke Deern“ geschnappt ...
Anke Gröner liest die Nudeldicke Deern (Credit: Eyes On Media - Tobias Körtge)
Wir Küchengötter haben mit Diäten nicht
wirklich etwas am Hut. Wir genießen lieber. Und schwimmen damit immer ziemlich
gegen den Strom. Vor allem natürlich, wenn die Bikini-Saison kurz bevor steht.
Umso schöner ist es, auch einmal Gleichgesinnte zu treffen. Auf dem Papier, und
in natura.
Wer noch nie etwas von Anke Gröner gehört
hat, sollte diesen Namen lieber nicht mehr aus dem Gedächtnis streichen. Denn
sie könnte in vielen Momenten, wenn vermeintlich mal wieder die Wahl zwischen
Sahnesauce und Salat getroffen werden muss, Engelchen und Teufelchen von
unseren Schultern scheuchen und uns so manch eine Weisheit ins Ohr flüstern.
Und das schreibe ich nun nicht, weil ich
unbedingt für dieses Buch werben möchte. Ich selbst bin sehr skeptisch und mit
manch einem Vorurteil an das Werk herangegangen. Aber ich wurde eines Besseren
belehrt. Anke Gröner schafft es mit ihrem Buch „Nudeldicke Deern“, den heutigen Schlankheitswahn und unser Verhältnis
zu Essen mit anderen Augen zu beleuchten. Nämlich mit denen einer Frau, die
nicht dem modernen Schlankheitsideal entspricht und jahrelang mit sich und
ihrem Übergewicht gehapert hat. Auf charmante Art berichtet sie darin von einem
Food-Coaching, mit dem sie – „der Esstrottel“ – erst einmal essen gelernt hat
(mit 40!). „Ich habe gelernt, Freude am Essen zu empfinden. Ich habe gelernt,
wie einfach ich glücklich zu machen bin, in dem ich etwas Gutes kaufe, ohne
viel Firlefanz und 28 Zutaten zubereite und dann: esse. Genieße. In mich
reinhorche, was ich gerade alles schmecke und rieche, wie es sich auf der Zunge
anfühlt und wie lange ich danach satt bin.“ Anke Gröner bringt genau das auf
den Punkt, was so viele von uns aus den Augen verloren haben: Essen sollte ein
Genuss sein. Verbote und strenge Regeln haben bei der Nahrungsaufnahme nichts
zu suchen (giftige Pflanzen möchte ich an dieser Stelle bitte ausschließen).
Dabei gibt sie alles andere als die Jagd auf jedes beliebige Lebensmittel frei.
Anke Gröner schreibt über den Sinn und Unsinn von Fertiggerichten, Aromen und
den Rest der Palette von Lebensmittel-Zusatzstoffen. Back to the roots –
sozusagen. Essen fängt beim Einkauf an. Am besten bei der bewussten Auswahl
regionaler und saisonaler Produkte.
Ohne Rücksicht auf Verluste (und mit einem
liebenswerten Humor) nimmt Anke Gröner Diäten auseinander und rechnet eiskalt
mit ihnen ab. „Das Tolle an den Methoden, ums Verrecken irgendwie schlank zu
werden: Es gibt immer wieder neue. Seit 2009 wirbt ein amerikanischer Chirurg
mit dem Tongue Patche – einem Gewebe, das vorübergehend auf die Zunge
implantiert wird und das, Achtung, da muss man erst mal drauf kommen, das Kauen
sehr schmerzhaft macht. Super Idee. Auch hier kann man sich nur durch flüssige
Nahrung ernähren, und ich leg schon mal das Snickers und den Pürierstab raus.“ Dabei
belegt sie übrigens all ihre Aussagen mit Studien und Quellenangaben. Zugegeben,
ich stimme nicht in jedem einzelnen Punkt mit ihr überein, an manch einer
Stelle mag sie es sich etwas zu leicht machen, doch am Ende des Buches
überwiegt mein Nicken.
Letzte Woche erlebte ich Anke Gröner dann
live bei einer Lesung der „Nudeldicken Deern“ im Hukodi. Sebastian Dickhaut
verwöhnte uns mit einem Nudelmenü (bei dem es keine „normalen“ Nudeln gab).
Und Anke Gröner las eine Stunde aus ihrem Buch, das alles andere als ein
Diätbuch sein soll, und auch keines ist. In meiner Vorstellung hatte ich eine vorlaute,
selbstbewusste Frau erwartet, die ihre liebgewonnen Pfunde provozierend zur
Schau stellt (mit dieser Formulierung wandere ich gerade auf dünnem Eis – warum
sollten Pfunde provozieren?). Tatsächlich erlebte ich dann aber eine recht
stille Frau (ich bin mir aber sicher, dass sie auch laut kann), die furchtbar aufgeregt
war vor ihrer Lesung, was sie gleich noch ein Stück sympathischer machte. Die
Lesung war ein voller Erfolg, das Nudelmenü ein Genuss. Mit interessantem
Nachgeschmack. Erwische ich mich aktuell beim unzufriedenen Blick in den
Spiegel, denke ich an Anke Gröners Worte zur Körperakzeptanz. Überlege ich, ob
ich wirklich zur ganzen Packung Sahne für die Nudelsauce greifen soll, denke
ich an Anke Gröners Worte zu Genuss. Klar, immer rein damit, schließlich mag
ich es so am liebsten. Und ohne schlechtes Gewissen isst es sich eh am besten.
Am Ende will man es dann doch noch einfach
wissen: Hat sie abgenommen? Ja, das hat sie. Doch die verlorenen Pfunde sind
neben dem gewonnen Genuss ganz schnell zur Nebensache geworden ...
Anke Gröner hat Anglistik und Geschichte
studiert und anschließend als Texterin in diversen Werbeagenturen gearbeitet.
Seit 2008 ist sie als freie
Texterin tätig und lebt in Hamburg. Sie gehört zu den bekanntesten deutschen Bloggerinnen. Ihr Buch
„Nudeldicke Deern“ ist bei Wunderlich (Rowohlt) erschienen.
Blick auf die Lesung (Credit: Eyes On Media - Tobias Körtge)
Eine etwas andere Lesung: Anke Gröber saß in der Tür, während nebenan schon gekocht wurde (Credit: Eyes On Media - Tobias Körtge)
Ein Nudelmenü für die Nudeldicke Deern (Credit: Eyes On Media - Tobias Körtge)
Laut Menü die Hauptsache des Abends: Dampfnudeln (herzhaft gefüllt) (Credit: Eyes On Media - Tobias Körtge)
Sebastian in seinem Element (Credit: Eyes On Media - Tobias Körtge)
Anke Gröners Nudeldicke Deern (Credit: Eyes On Media - Tobias Körtge)
Typisch für München Giesing? Bei der Lesung schaute überraschend ein Schlumpf vorbei ... (Credit: Eyes On Media - Tobias Körtge)
Und eine schöne Besprechung, vielen Dank. Wie traurig, dass es heute bereits eine ungeheure Provokation ist, sein Dicksein als in Ordnung zu bezeichnen. Oder auch nur darauf zu verweisen, dass Dicksein keine Krankheit ist.