Deutsche Küche

Wir Deutschen sind, so behaupte ich, die waren Weltmeister, wenn es darum geht, asiatisch, indisch, afrikanisch, südamerikanisch, amerikanisch und polynesisch zu kochen.

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Kommentare
Liebstöckel


Beim Kochen sind wir die wirklichen Multikultis. Das »Gutbürgerliche«, das Regionale der Deutschen Küche findet sich eher immer seltener. Ist deutsche Küche so langweilig? Oder bietet die deutsche Küche nicht viel Abwechslung? Oder kennen wir schon alles? - Ich glaube nicht.


 


Da haben wir im Südwesten die Badische, Pfälzer, Saarländer Küche, im Süden die Schwäbische und die Bayerische Küche, in Hessen die Süd- und Nordhessische Küche, das Rheinland mit der Rheinischen Küche, im Nordwesten die Hamburger, Niedersächsische, Bremer, Schleswig-Holsteiner und Westfälische Küche, der Nordosten punktet mit seiner Mecklenburgischen, Pommerschen, Brandenburger und Berliner Küche, und schließlich die Sachsen-Anhaltische, Thüringer und Sächsische Küche, wobei bei letzterer die »Arzgebirgsche« Küche wiederum eine Besonderheit darstellt. Das ist dort, wu de Hasen Hosen hasen unn de Hosen Husen hasen - do sin se dorhamm! - Ganz zu schweigen davon, das in den grenznahen Bundesländern die Österreichische, Tiroler, Französische, Elsässer, Flämische, Schlesische und Böhmische Küche auch das Sagen haben.


 


Ein gewaltiges Spektrum, ganz zu schweigen davon, dass ich bestimmt einige vergessen habe, man verzeih. - Es brauch ein Leben, um sich durch die deutsche Vielfalt durchgekocht zu haben. Da muss ich nicht unbedingt weit in die Welt hinaus, zumal viele andere Nationen da viel eigener mit ihrer Koch-Tradition sind.


 


Wir sind ziemlich fantasievoll beim Zubereiten von Gerichten wie Currys, Tajinen, Nasi Goreng u. Co. Nicht zu vergessen hier natürlich der einsame Spitzenreiter, das US-amerikanische Muffin in z.Zt. stolzen 551 Varianten, wobei ich die englischen Cupcakes gar nicht mit dazu gezählt habe. Bei heimischen Gerichten ist unsere Kreativität eher gebremst. - Nein, nichts gegen globale Kochvielfalt, auch nichts gegen die Crossover Küche, dem »Fusions-Food«, wie das so hübsch neudeutsch heißt, das nicht. Wer aber einmal an der Ahr bei einem Winzer vor dem Haus aus dem Ofen warmen Zwiebelkuchen gegessen und dazu einen Federweißer getrunken hat, weis, was ich meine.


 


Es kommt also nicht von ungefähr, dass unter den über 50.000 Rezepten der Küchengötter-Datenbank ein Kunschthäwwel-Flääsch mit Quellkartoffeln nicht zu finden ist, denn annerschdwu iss annderschd unn hald nett wie in de Palz, und deshalb fange ich damit als Brandenburger nächste Woche an.


nika
Danke

für Deinen herrlichen Beitrag. Dein Kunschthäwwel-Flääsch mit Quellkartoffeln stellst Du doch hoffentlich mit einem Foto in der Rubrik: was kocht und brutzelt in unseren Küchen ein, oder? Ich würde mich darüber freuen, zumindest optisch einen Eindruck von dem Gericht zu erhalten.

muffinqueen
Bremser

Da ist viel Wahres dran:) Auf den Zwiebelkuchen mit - wie er bei uns heißt - Bremser freue ich mich auch schon. Ich werde dieses Jahr auch mal die hessische Variante mit einer Quarkzwiebelschicht auf Brotteig probieren. Das Lieblingsgericht meines Vaters sind "Hefaklöß mit Ferserli", in deren Genuss ich jedoch noch nie gekommen bin, da meine Mutter eben aus Hessen kommt und keine Ahnung hat, wie man es zubereitet...

Kochmamsell
Auch Danke ...

... für deinen Bericht, lieber Liebstöckel. Ich freue mich schon auf weitere Ausführungen.

Belledejour
Variationen auf deutsch

Meine Kochbücher spiegeln dies schon wider in einigen eigenen Rezepten.

Wird alles des öfteren mal gekocht und gegessen. Hier eine Auswahl:

1. Sauerfleisch ( norddeutsche Küche)

2. Labskaus (norddeutsche Küche)

3. Braunkohl und Pinkel (norddeutsch)

4. roter Heringssalat (norddeutsch)

5. Butterkuchen (norddeutsch)

6. Franzbrötchen (norddeutsch)

7. rheinische Muuzen (Rheinland)

crazycook
@ Liebstöckel

Fast alles richtig, aber die wahren Weltmeister der multikulti Küche sind wir nicht, die Holländer sind da weitaus besser und die Engländer sind auch nicht schlecht. Rezeptsammlungen von den Küchengöttern und anderen Genussportalen stellen auch keine verlässliche Aussage über die wirkliche Situation regionaler Kochgepflogenheiten und schon gar nicht der deutschen Küche dar. Dazu posten viel zu wenig Mitglieder Rezepte aus den unterschiedlichen Regionen in Kochforen und Dein erwähntes Rezept „Kunschthäwwel-Flääsch“ hat schon deswegen einen geringen Erfolgscharakter, da die darin verwendeten Zutaten nicht auf den ersten Blick erkennbar sind. Außerdem sind die Angebote der unterschiedlichen Restaurants nicht unbedingt vergleichbar mit dem was „zuhause“ gekocht wird. Am häuslichen Herd haben öfters schnell zuzubereitende Gerichte Vorrang (vielleicht aus regionalen Produkten) die auch dann noch mit Küchengeräten wie dem Thermomix gekocht werden. Soll es noch einfacher sein , kommt die Pizza aus der Kühltruhe oder der eine oder andere Restaurantbesuch beim Italiener, Griechen, Chinesen etc. wird geplant. Die wenigsten stellen sich zuhause hin und kochen aufwändig, nach alten überlieferten Rezepturen. Zudem hat sich das Geschmacksempfinden durch die Verwendung von zuviel Zucker und Fett bei der Kindernahrung in weiten Bereichen der Bevölkerung geändert. Z.B. werden Innereien fast gar nicht mehr gegessen, obwohl sie früher ein fester Bestandteil in den regionalen Küchen Deutschlands waren. Ich erkenne Dein Engagement für regionale Küche durchaus an, dennoch wird einem überzeugten gestandenen Bayern „Labskaus“ „Hamburger Aalsuppe“, „Gröner Heini“, Schnüsch“ oder eines der zahlreichen Gildegerichte des Nordens nicht unbedingt schmecken, bzw gut gelingen.

Gespannt bin ich darauf was Du uns aus dem Brandenburger Land Unbekanntes auftischt. 

Liebstöckel
@ crazycook

Vielen Dank für Deinen ausführlichen Beitrag, mit dem ich völlig konform gehe. Da Du die Englische und Niederländische Küche anspricht - vielleicht geht diese »Uneigenständigkeit« auch auf ihre Kolonialgeschichte zurück. England und Indien, Niederlande und Indonesien? - Keine Ahnung.

 

Mit der Bezeichnung von Gerichten ist das so eine Sache: Spontan denke ich da an einen Bayerischen Leberkäse, den ich sehr mag. Hat weder etwas mit Leber noch mit Käse zu tun. Und mit Böfflamott weis der Tiefkühlpizza-Esser eh nichts anzufangen, stimmt’s?

 

Die veränderten Lebensgewohnheiten. - Ganz persönlich finde ich es sinnvoller, den ganzen Sonntagvormittag in meiner Küche zu stehen, um dann mit der Familie oder mit Freunden Essen zu genießen, als, wie eine Studie belegt, täglich drei Stunden der wachen Zeit am Smartfon herumzufingern. Das macht in Summa 21 Stunden die Woche. - C’est la vie. Als unverbesserlicher Idealist halte es in Sachen Essen immer noch mit dem Zitat: » Tradition ist nicht das Halten der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme.« Und was die Kinder betrifft, kenne ich dies life Woche für Woche bei dem Kleineren meiner beiden Enkel: Nutella for ever.

 

Stimmt, das Thema »Innereien« wäre auch einmal interessant. Jene sind, im Gegensatz zu unserem französischen Nachbarn in der Allgemeinheit ziemlich in Vergessenheit geraden. In Sachsen aufgewachsen, gab es bei Muttern oft »Saure Piepen« (Kutteln). Habe ich allerdings nie gemocht und auch jetzt im Alter verlangt es mich auch nicht danach. Aber jetzt hast Du mich darauf gebracht, das ich Kalbsleber mit Röstzwiebeln und Apfel auch wieder einmal gern essen würde.

 

Ein ziemlich eigenständiges Brandenburger Gericht kommt dieses Jahr bestimmt noch einmal auf den Tisch: »Stielkotelett vom halbwilden märkischen Sattelschwein mit Bockbiersauce« Das Tier ist weltweit einmalig, wird im Freien gehalten und stressfrei (mit Sondergenehnigung) geschossen. Vom Geschmack her kann das Tier es durchaus mit dem berühmteren Ibérico aufnehmen.

 

Ich denke, so könnten wir stundenlang eine recht vergnügliche Unterhaltung führen.

Schließlich wünsche ich Dir gute Besserung, lieber crazycook. - Schnabeltassenkost is(s)t grausam ...

 

Regionalküche

Ja, es gibt viel Originelles und Originales aus den einzelnen Regionen.Leider passen viele dieser Gerichte nicht mehr unbedingt zu unseren Anforderungen an die Ernährung. Zu ihrer Zeit mussten sie eine körperlich schwer arbeitende Bevölkerung sättigen. Oft mit einfachen Zutaten. Dazu waren viel Fett und viele Kohlenhydrate erforderlich. In der rheinischen Region, in der ich lebe, denke ich spontan an "Himmel un Äd", das ist Kartoffelbrei mit Apfelmus und ( bestenfalls) eine Blutwurst dazu oder eine Scheibe "Panhas" . Das ist ähnlich wie Blutwurst, nur als Laib geformt. Habe als Kind mal gesehen, wie das hergestellt wird und niemals essen können. Oder ich denke an "Döppekoche", ein Kartoffelauflauf mit viel Speck und/oder Mettwürsten. Die rheinischen "Rievkooche" sind auch nicht gerade mit geringen Kalorienzahlen ausgestattet. Dann gab es "Hämmchen", das sind gekochte Haxen oder Eisbein. Mir dreht sich heute noch der Magen um. Es gab viel Fleisch mit viel Fett, aber wenig Gemüse, denn das war teuer. Wer kein Selbstversorger war, hatte es damit schwer. Ich denke nur gerne an den Rheinischen Sauerbraten meiner Mutter zurück, ( vom Rind, nicht vom Pferd! ) oder an ihren einfachen Rinder-Schmorbraten. Ich trauere der Regionalküche nicht unbedingt nach, aber sie hatte ihre Zeit. Und heute kann man das eine oder andere durchaus etwas "verschlankt" zufriedenstellend abwandeln.

WOLLBAER
The Times They Are A Changing

Mit dem Essen ist es, wie mit der Mode oder wie es Bob Dylan 1964 in seinem Album

 

THE TIMES THEY ARE A CHANGING

https://www.youtube.com/watch?v=e7qQ6_RV4VQ

 

besang.

 

Die Zeiten und die Familienstrukturen änderten sich. Neue Einflüsse von Reisen kamen hinzu, durch den Kontakt zu ausländischen Mitbürgern und durch die veränderten Lebensbedürfnisse. Weniger Kalorien, mehr Rohgenuss oder Lebensmittel, die uns unbekannt waren füllten dieses Vakuum.

 

Wären die alten Speisen und Gerichte so gut, wie sie angepriesen werden, dann nähmen sie noch heute Platz UNO in der Küche unseres Landes ein. Es ist wie mit der Mode, ein ständiger Wechsel und der Japp nach Frische. Es ist wie mit der alten Schreibmaschine, die mein Arbeitszimmer ziert. 1948 gebaut und voll funktionsfähig aber benutzt wird der PC als Schreibmaschine.

 

LG Rolf

 

Ps: Der Schopftintling ist übrigens, wenn er jung ist ein ausgezeichneter Speisepilz.

Gaston
Alte Rezepte

Ich sammle ja Kochbücher, dabei habe ich auch alte Kochbücher, teils fast 100 Jahre alt. Ich finde die Küche ändert sich mit der Zeit. Manches altes hat seinen Reiz, z.B. selbst Sauerkraut machen. Aber viele Dinge haben sich auch überholt, die Regionalität ist etwas am Verschwinden, weil wir heute auch alles von überall zu jeder Zeit haben können. Die regionale saarländische Küche war auch vor allem durch deftige Gerichte geprägt, ähnlich wie z.B. im Ruhrpott. Hier waren vor allem die Kartoffeln groß. Ob bei Gefillde, also mit Leber gefüllte Kartoffelklöse, oder Hoorische, das sind reine Kartoffelklöse, bis hin zu Dibbelabbes, welches auch ein Kartoffelgericht aus der Pfanne ist. Die Deftigkeit kommt von der schweren Arbeit unter Tage und in den Eisenwerken. Bis auf die Gefillde mache ich selten was von früher, auch die Gefillde habe ich etwas modernisiert, ich mache sie ein zwei mal im Jahr für die ganze Familie, dann aber mit Rinderhackfleisch und aus ca. 25 Kilo Kartoffeln. Sie zu machen ist fast ein dreiviertel Tag Arbeit. Das Rezept kann ich euch bei Interesse mal einstellen.

Gruß

Gaston

Aphrodite
Ich würde niemals behaupten,...

... dass die deutsche Küche langweilig ist. Zu viel, zu fett. Das war einmal. Deutsche Küche ist Lifestyle. Gut recherchiert soll folgendes Buch sein: Kulturgeschichte der Deutschen Küche von Dr. Peter Peter. Dass in Deutschland nicht ausschließlich deutsch gekocht wird, hat ebenso Tradition. Es muss alles probiert und ausprobiert werden. Erfindergeist würde ich dazu sagen. Und warum sollte dies vor der Küche halt machen? Jedem das, was er mag.

 

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