Sterneköche

Habt ihr Erfahrungen mit den Restaurants der deutschen Sterneköche?

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Kommentare
Flicka

Liebe User,


nachdem neulich wieder mal die Prämierungen von Michelin und Gault Millaut vergeben wurden, frage ich mich: wer geht in diesen Restaurants der Haute Cuisine essen? Auch die Küchengötter-User und -Betreiber? Ich habe, seit ich mich zunehmend für gute Küche interessiere, durchaus schon mit dem Gedanken gespielt, mal einen dieser Tempel aufzusuchen. Was mich davon abhält, ist die Unterstellung, dass ich dort sofort als nicht zu der üblichen Klientel zugehörig erkannt werden würde und ich mich unwohl fühlen werde. Beherrsche ich die Etikettenregeln? Welche Fettnäpfchen lauern dort? Vom nötigen Kleingeld, das man mitbringen muss, sehe ich mal ab. Für solch ein Experiment würde ich es zusammenkratzen ... - Eines jedenfalls ist mir bei den Presseberichten klar geworden: der Süden und der Westen und Hamburg und Berlin sind die Regionen der Extraklasse, in meinem näheren Umkreis ragt das Aqua heraus, im Osten ist offensichtlich noch viel Nachholbedarf. Aber andererseits hat sich viel in Deutschland getan, auch bei Köchen und Köchinnen ohne Stern lässt es sich zunehmend gut speisen. Ich bin gespannt, was ihr zu berichten habt.

Belledejour
Nur zu @ Flicka

gerade in den besternten Küchen kann man sich wohlfühlen.

Ich als Nahrungsmittelallergikerin weiss, wenn ich mich dort anmelde, dass alles für mich extra gekocht wird und es trotzdem identisch mit den anderen Gerichten ist. Wir haben uns in den letzen Jahren so etwas  zu besonderen Anlässen immer gegönnt.Angefangen bei Jörg Müller auf Sylt über Mariko Kotaska in Köln und auch bei Hans Stefan Steinheuer in Bad Neuenahr waren wir sehr zufrieden, ohne dass es dort abgehoben war. Die Sterneköche betreiben oft auch ein Tagesrestaurant, dass preislich unter deren Gourmetrestaurant liegt, aber die Gerichte kommen natürlich aus derselben Küche. Daher bitte keine Scheu und einfach mal hingehen. Das Beispiel ist hier zu sehen.

 

Rinquinquin
Trau Dich !

 

Liebe Flicka, auch in besternten Restaurants wird nur mit Wasser gekocht. Deshalb solltest Du die Bezeichnung Tempel gleich vergessen. Wieso soll man Dich als unwürdig für deren Kreationen ansehen? Du bringst doch das Geld, damit das Restaurant weiter leben kann. Die übliche Klientel? Du wirst Dich wundern.

Etikettenregeln? Einfach alles auf Dich zukommen lassen, andere Leute beobachten und das Besteck nach und nach von aussen nach innen benutzen (ich erwähne das deshalb, weil ich schon bei vielen Leuten gesehen habe, wie sie gerade bei dem Besteck immer ins Schleudern kommen). Alles andere ergibt sich von selbst. 

Restaurants mit einem Stern oder Krönchen aufwärts sind zwar ein Grund für den Koch, sich zu freuen und sich anzustrengen, aber das ist keine Berechtigung für das Personal zum Abheben. Dazu muss ich erwähnen, dass in Frankreich alles viel entspannter zugeht.

Wie Belledejour schreibt, haben viele grosse Restaurants auch ihre Bistrots, in denen man hervorragend essen kann, es muss ja nicht immer das grosse Gala-Menü sein.

Was ich persönlich nicht mag, sind Damenkarten (dagegen bin ich richtig allergisch), Schnöseligkeit der Oberamsel, ständiges Nachschenken des Weins und das Nachfragen nach jedem Gang, ob es mir auch geschmeckt habe. (Wenn dem nicht so war, mache ich keinen Aufstand und komme nicht wieder). Aber wenn man wirklich begeistert ist, darf man gerne loben: den Service, die Küche. 

A propos Nachschenken des Weins, da haben wir auch schon das Gegenteil erlebt, dass die Flasche 8 m weiter weg stand und wir um Wein bitten mussten. All das sind Dinge, die man mit einem freundlichen Wort ändern kann. 

 

Aphrodite
Typisch.

@Rinquinquin, Deine Schilderungen fand ich sehr amüsant (Oberamsel). Was mir gleich wieder in Erinnerung rief, um wievie entspannter es an der Côte d'azur ist. Besonders wenn am Wochenende die reichen Norditaliener über die Alpen einfallen: Essen gehen ist da viel tempramentvoller. Und wer den Film kennt "Maria, ihm schmeckt's nicht", hat eine ungefähre Ahnung davon. Es kann alles furchtbar kompliziert und furchtbar einfach sein - wie auf dem Rücken schwimmen.

sparrow
nichts gegen Sterneköche

Ich habe schon einige Male bei Sterneköchen gegessen und war begeistert. Zu besonderen Anlässen lädt mein Mann mich ins Kurhotel Mitteltal oder in die Traube Tonbach ein. Bei Jörg Sackman waren wir zu einem Geburtstag eingeladen. Ich mag es auch nicht, wenn der Ober dauernd um den Tisch herum springt, wenn man sich nicht mal traut das Wasser selbst einzuschenken. Das Essen war große Klasse und ich hatte keine Probleme mit glutenfreiem Essen. Ich habe festgestellt, je besser das Restaurant, je einfacher ist es glutenfreies Essen zu kriegen. Ich kann so ein Essen richtig genießen, brauche es aber nicht dauernd. 

Rinquinquin
@ sparrow: lustig

Du schreibst, dass Du Dich nicht traust, das Wasser selbst einzugiessen, wenn dauernd ein Ober im Hintergrund lauert. Ich glaube, wir Frauen sind da oft noch zu zurückhaltend. Was macht da ein Mann? Als erstes winkt er dem Ober, dass der das Wasser einschenkt und kommt erst danach auf die Idee, das selbst zu machen. Aber ehrlich gesagt, stört mich das auch, wenn jedes Schlückchen Wasser wieder aufgefüllt wird. So häufig habe ich es zum Glück noch nicht erlebt. 

Flicka
Ober usw.

Warum hält man so an diesem Ober-Ritual fest? Er soll dezent im Hintergrund beobachten, wann der nächste Gang "fällig" ist oder meinetwegen zwischendurch mal fragen, ob sein Dienst erwünscht ist, aber muss er sofort zur Stelle sein, um nachzuschenken? Warum dürfen das die Gäste nicht selbst machen? Man soll ihn also herbeiwinken? Genau  d a s  meinte ich mit Etikette und Fettnäpfchen, als ich meine Zweifel äußerte. Aber immerhin kriege ich bei euch Nachhilfeunterricht und sooo viel Zuspruch ;-) .

Rinquinquin
Manchmal wird der dienstbare Gedanke

bis zum letzten ausgereizt. Aber das Personal ist angewiesen, alles zu tun, damit der Gast sich wohlfühlt, dazu ist es da - wobei manchmal übertrieben wird.

Selbstverständlich kannst Du Dir das Wasser selbst eingiessen. Dann kommt vermutlich sofort einer angespritzt, um das zu übernehmen und Du kannst sicher sein, dass er in der nächsten Zeit aufmerksamer sein wird. Es ist sein Job.

Nein, fragen wird der Ober nicht, ob sein Dienst erwünscht ist, sondern gleich zur Tat schreiten und dann ist es an Dir, zu sagen oder anzuzeigen, ob und wie es Dir recht ist. Ehrlich, das wäre doch auch doof, wenn er Dich immer erst fragen würde "darf ich, darf ich", das sprengt ja jedes Tischgespräch.

 

Was mir noch eingefallen ist: Restaurants, in denen nur geflüstert wird, gibt es auch. Heilige Stille. Jeder hat dann Angst, vom Nebentisch könnte jemand oder gar das Personal könnte zuhören.

Und wieder stelle ich Frankreich in Kontrast: da wird gelacht, gesprochen, erzählt und das ist Leben!

nika
Nicht nur in Frankreich

habe ich erlebt, dass an den Nachbartischen gelacht, gesprochen und gesungen wird. Das ist in mediterranen Ländern üblich. Komischerweise stört es mich da überhaupt nicht. Es ist eben das brandende Leben. Während ich in meiner Heimat es uninteressant finde zu hören, wer mit wem gerade ... oder wer wen verlassen ... Das liegt nicht an der Sprache, denn ich verstehe Spanisch und Italienisch ganz gut. Da wünsche ich mir manchmal, in einem Silence-Restaurant zu sein :).

JulietteG
Keine Angst vor Sterneköchen....

ich habe das Glück mit meinen Eltern zusammen schon ein paar sehr gute Köche besuchen zu dürfen und natürlich muss man das Ganze immer als besonderes Erlebnis sehen!

Fettnäpfchen lauern dort überhaupt nicht! Wie schon geschrieben, immer das Besteck von außen nach innen und sonst kann man nicht viel falsch machen! Ich habe es auch schon erlebt, dass ein Amuse-Gueule serviert wurde, welches mit kleiner Gabel und kleinem Löffel, die dafür vorgesehen waren, nahezu nicht bezwingbar waren, weil es entweder eines riesigen Happs bedurfte und/oder mit Gabel und Löffel nicht ohne mögliches Abflugrisiko vom Teller bezwingbar war... Einfach das Messer für die Vorspeise nehmen, Du bekommst automatisch ein Neues! :)

Kellner, die einem im Nacken stehen, habe ich glücklicherweise selten erlebt. Ein wirklich guter Service hat den Tisch auch im Griff ohne im 2-Minuten-Takt darum herum zu laufen. 

Was das Nachschenken von Getränken angeht: In wirklich guten Restaurants gehört es sich meiner Meinung überhaupt nicht, dies selbst zu übernehmen. Das mag auch in anderen Ländern anders sein, aber selbst die Wasserflasche steht in Sterne-Restaurants ja meist nicht auf dem Tisch! Da steh ich doch nicht auf und schenk nach! Da wird der Service hergewunken und danach funktioniert dies meist von allein... 

Service und gutes Essen gehen für uns einher! Für den entsprechenden Preis verlangen wir auch einen gemütlichen unbeschwerten Abend! 

Da kann ich zum Beispiel einen Abend im Victorian erwähnen: das Essen war wirklich sehr gut und wir sprechen noch heute darüber, aber der Service war miserabel. Wir waren froh, dass wir Weiß- und nicht Rotwein bestellten, denn der Kellner goß so freizügig spritzig ein, dass wir uns andernfalls um die Reinigung echt Sorgen gemacht hätten. Das war übrigens trotz des guten Essens, der einzige Abend, den wir abgebrochen haben. Die brachten die ganze Menüfolge durcheinander, was wir noch erduldeten, aber als dann ein Gang das zweite Mal kam, wir monierten und dann eine halbe Stunde nichts passierte und die Nachfrage genervt aufgenommen wurde, war die Sache für uns erledigt!

Deshalb will ich nicht mal das Restaurant schlecht machen, denn schlechte Tage gibt es immer... 

Bezüglich des Themas der Gesellschaften: solange man sich selbst am Tisch noch vernünftig unterhalten kann, ist alles ok, aber ich will mich auch nicht anschreien müssen. Das schlimmere Übel ist eigentlich, wenn die Küche damit überfordert ist... Plötzlich bekommt man zwei Gänge fast gleichzeitig und dann passiert wieder nichts...

 

Aber ich will jetzt mal loben! Auf absoluter Nr. 1 steht Thomas Bühner mit seinem La Vie! Da ich in seiner Nähe wohnte, waren wir bis vor einem Jahr ca. 3-4 im Jahr dort und haben auch seine Entwicklungen zum 3-Sterne Koch miterleben dürfen! Das ist einfach DAS Erlebnis! So etwas wurde uns bisweilen noch nirgendwo anders geboten, aber das ist natürlich relativ und vor allem subjektiv... So gut habe ich persönlich allerdings bisher nirgendwo gegessen!

Jetzt möchte ich vor allem noch erklären, dass sich für mich ein besonders gutes Essen dadurch auszeichnet, dass ich natürlich mit allen Gängen zufrieden bin, aber zumindest einen in einer absoluten Geschmackserlebniss-Erinnerung behalte! 

Sehr gut gefallen hat es uns auch im La Vie, im Friedrich-Franz in Heiligendamm und bei Christian Lohse (allerdings nicht in Berlin sondern seinem vorherigem Restaurant, einfach ein super Koch).

Etwas "enttäuscht" waren wir von Vêdome... zumindest hatten wir uns mehr versprochen, aber das La Vie mit 3-Sternen und der Vergleich verwöhnen einfach!

Jetzt habe ich das Gefühl, total versnoppt zu klingen, aber das war mein Erfahrungsbericht! Und die gute Pizza beim Italiener des Vertrauens kann in vielen Momenten viel besser Schmecken als sonst irgendetwas!

 

sparrow
besonderes Geburtstagsgeschenk

Unsere Kinder haben sich zum 18. Geburstag eine Essen in einem besonderen Restaurant gewünscht. Es war zwar kein Sternerestaurant. Dem Koch hat man aber 3 Kochmützen verliehen. Er bietet eine ausgezeichnete Küche mit regionalen Produkten an. Da stimmt alles vom Ambiente bis zum Preis-Leisltungsverhältnis. Sie fanden dass total toll und spannend und haben uns genau auf die Finger geschaut, wie man die Bestecke und Gläser benutzt. Zuhause wurde dann gleich mit den Freunden telefoniert und begeistert von dem Essen erzählt. Das ist sicher eine bleibende Erinnerung.

Rinquinquin
Stolpersteine

 

die manchen von uns gar nicht mehr auffallen:  

Du wirst zum Tisch geführt, nimmst Platz und dann kommt die Frage nach dem Apéritif, der zur ersten Entspannung und während des Studiums der Speisenkarte getrunken wird. Du hast natürlich vorher keine entsprechende Karte gelesen (diese Getränke stehen in der Weinkarte, die es erst später gibt) und fragst den Ober, was er da vorschlagen könne. Seine erste Antwort wird immer "Champagner" sein. Da das aber nicht immer jedermanns Geschmack trifft, kannst Du einen Kir bestellen. Das ist ein Getränk mit Cassis (schwarzer Johannisbeerlikör), der mit Champagner aufgefüllt wird. Und wieder hast Du noch eine weitere Möglichkeit: Kir mit Weisswein, auch der schont Deine zusammengekratzten Piepen. Manchmal wird man auch gefragt, welche Art Kir: mit Cassis, Heidelbeer, etc. Du hast dann Auswahl. Selbstverständlich kannst Du Dir auch ein kleines Bier bestellen oder einen Martini oder einen Sherry oder einen Saft - man muss gedanklich nur vorbereitet sein. 

Dann kommt das Brot, vielleicht mit Butter oder anderem dazu. Eine Scheibe legst Du Dir auf den Brotteller und ein Stück Butter dazu. Vom Brot brichst Du ein mundgerechtes Stück ab und bestreichst es mit ein wenig Butter. Jetzt ein Butterbrot zu schmieren, ist nicht die feine Art :-)).Aber wie oft habe ich das schon beobachtet! 

Es ist nun mal bestehende Tatsache, dass die Restaurantkultur aus Frankreich zu uns gekommen ist und gleichzeitig waren auch französische Tischgewohnheiten dabei. Das gleiche spielt sich später beim Käsegang (vor dem Dessert) ab: der Käse wird bröckchenweise entweder mit der Gabel gegessen oder als kleines Stück auf ein kleines mundgerechtes Stück Brot gelegt. Durch das Brechen des Brots entsteht auch unvermeidlich die Bröselei auf dem Tischtuch, die hinterher mit einer Art Rasiermesser abgekehrt wird. Aber bitte kein Käsebrot schmieren.

Der Käsegang ist keine Pflicht, Du wirst gefragt, ob Du welchen möchtest oder nur Dessert oder beides oder überhaupt nichts. 

Zum Abschluss des Essens ist der Espresso fällig. In besseren Restaurants erscheint damit auch wieder ein Tellerchen Süsses. 

 

 

Flicka
Höchstinteressante Rückmeldungen

Allen Beteiligten ein Dankeschön. So, finde ich, macht das Forum richtig Sinn. Erfahrungen austauschen, Tipps erhalten, seinen Horizont erweitern. @Rinquinquin: uppps! Das mit dem Brotabbrechen usw. hatte ich wirklich nicht gewusst. Und die aktuellen Restaurant-Empfehlungen hatten auch viel Pepp.

Küchengötter User
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