ALEX OF AUSTRALIA: Mit Rauschebart bei 40 Grad

An Advent ist in Sydney Hochsommer. Und trotzdem gibt es dort mehr Weihnachtsmänner als bei uns. Gastblogger Alex über die Weihnachtsmannschule down under.

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Alexander Hofmann

Rund 40 Männer verteilen sich im großen Saal des Veteranenclubs, die meisten sind schon älter, viele zeichnen sich durch gewaltige Bäuche aus, einige durch lange Bärte und weisse Locken. Vor der Bühne des Ballsaals steht eine energiegeladene Dame mit Mikrophon und verlangt höchste Aufmerksamkeit. Willkommen in der australischen Weihnachtsmannschule!

Im Stadteil Parramatta unweit der Olympiastätten aus dem Jahr 2000 scheint die Sonne kräftig, es ist heiß - nicht ungewöhnlich sechs Wochen vor Weihnachten in Sydney, das dort die Sommerferien einläutet. Drinnen kühlt die Klimaanlage und Liz Evans fordert "ihre" Weihnachtsmänner zu unbedingter Disziplin auf. Kein Härchen dürfe im Bart falsch liegen, in den Stiefeln müsse man sich spiegeln können, verlangt die Weihnachtsveteranin, die diesen Kurs schon seit Jahren für die Westfield-Einkaufszentren abhält. "Die Uniform ist euer ganzer Stolz", lautet ihr ständig wiederholtes Mantra. Doch damit nicht genug. "Selbst wenn ihr keine Menschenseele seht, wird sich nicht rumgelümmelt", verlangt Evans, "eure Haltung ist stets königlich, es guckt nämlich immer jemand

30 Jahre Weihnachtsmannerfahrung

Einer der Weihnachtsmänner ist Richard Johnson. Der Frührentner braucht weder künstlichen Bart noch Bauch, er bringt beides mit. Für Johnson sind die fünf Wochen vor Weihnachten die schönste Zeit des Jahres. Ihm nimmt man seine ernsthafte Begeisterung für einen Job ab, den viele Menschen nicht für Geld und gute Worte tun würden. Schliesslich ist es nicht ganz einfach, im gleissenden Licht stundenlang "königlich" dazusitzen, geduldig den Wünschen der "lieben Kleinen" zu lauschen und gelegentlich noch mit einem Schwall Kinderkotze überschüttet zu werden.

Johnson ist aber trotz aller kleinen Missgeschicke seit seinem ersten Auftritt als Weihnachtsmann - damals noch bei Nachbarn - eingefangen von der Faszination der Kinder. 1977 hatte er sich erstmals verkleidet und auf den Weg gemacht und kann sich noch heute an den begeisterten Ausruf "Santa, Santa!" und die kugelrunden Augen eines noch nicht einmal zweijährigen Mädchens erinnern. In späteren Jahren gab der frühere Fabrikarbeiter den Santa Claus unter anderem für die Pfadfinder, bis er sich 1995 bei Westfield bewarb.

Er braucht natürlich viele Tipps von Liz Evans gar nicht mehr. Dass man zum Beispiel keineswegs sparsam mit Deo umgehen und stets einen ausreichenden Vorrat an Pfefferminztabletten haben soll. Und selbstredend die Namen der Rentiere auswendig kennen muss, die den Schlitten von Santa durch die Lüfte ziehen. Liz Evans verlangt ausserdem umfassende Kenntnisse der gängisten Weihnachtsgeschenke, zumindest die Top Ten müssen jedem geläufig sein.

Ein 60-Seiten-Handbuch für 300 000 Kinderwünsche

Gelegentlich bekommt der Weihnachtsmann auch überaus ernsthafte Wünsche zu hören, die er nicht erfüllen kann, etwa, dass die Mutter doch bitteschön wieder aus dem Himmel zurück kommen soll. Für schwierige Wünsche oder Fragen hat Evans einen Antwortkatalog vorbereitet, den die Weihnachtsmannanwärter mit nach Hause nehmen können. Das gesamte Handbuch mit Verhaltensregeln umfasst fast 60 Seiten. Johnson selbst kann sich erinnern, wie am dritten Tag seines ersten Einsatzes für die grösste Einkaufszentrenkette der Welt eine Frau mit einem kleinen Jungen zu ihm kam und sagte, ihr Sohn werde Weihnachten nicht hier sein. "Wie schön, wo fährt er denn hin", lautete Johnsons fröhliche Antwort, bevor ihm die Frau erklärte, dass das Kind im Sterben liege und man das Foto mit dem Weihnachtsmann als bleibende Erinnerung haben wolle.

Allein die Westfieldkette erwartet 300 000 Kinder, jedes wird eine kleines Buch und ein Stückchen Schokolade geschenkt bekommen, bestimmte Kaufhäuser haben ihre eigenen Santas, auch "down under" ist Weihnachten ein großes Geschäft. Nur gut für die Weihnachtsmänner, dass sich ihre Arbeit heutzutage meist in klimatisierten Räumen abspielt. Bei Temperaturen, die im australischen Hochsommer schon mal auf 40 Grad und mehr steigen, ist es schliesslich kein Spass, mit dickem fellbesetzten Mantel, Perücke, Bart, Handschuhen und Stiefeln anzutreten.

In der Weihnachtsmannschule sind die letzten Vorbereitungen getroffen worden. Ein halbes Dutzend Hilfskräfte vermisst Bäuche, verteilt Mäntel, Bärte, Perücken, Brillen, Handschuhe und Stiefel, die Weihnachtsmannarmee wird ausgerüstet. Am Ende hat jeder der 40 Männer ein gewaltiges Paket unter dem Arm, verlässte die Weihnachtsmannschule und tritt hinaus ins gleissende Sonnenlicht. Nur noch wenige Wochen bis Weihnachten.

Am Weihnachtstag geht’s an den Strand

Aber auch Millionen anderer Australier bereiten sich aufs winterliche Fest im Hochsommer vor, kaufen Geschenke, gehen zu Parties und schreiben - manchmal hunderte - von Weihnachtskarten. Beim Essen sind die Aussies fast exakt in Konservative und Progressive gespalten. Die Traditionalisten bestehen auch bei 40 Grad im Schatten auf heissem Schinken und Truthahn sowie Weihnachtspudding. Die eher Aufgeklärten haben sich vor allem auf Fisch und Meeresfrüchte umgestellt, eigentlich wesentlich bekömmlicher im Hochsommer. Und so hat der gewaltige Fischmarkt in Sydney mittlerweile vor Weihnachten durchgehend geöffnet, Tausende drängeln sich dort sogar nachts um drei noch durch die grossen Geschäfte und kaufen Eimerweise Lobster, Langusten und was das Meer sonst noch so hergibt.

In einem aber sind sich die unterschiedlichen Esser fast völlig einig, nach dem Festschmaus am Weihnachtstag ist der Besuch am Strand eigentlich Pflicht. Schliesslich müssen die lieben Kleinen ja das neue Surfboard ausprobieren, das Santa gebracht hat. Und damit wenige Stunden nach dem üppigen Weihnachtsmahl keine Hungergefühle auftauchen, wird schon mal ein Kühlschrank großer „Esky” mitgeschleppt, wie die Australier ihren geliebten Picknickkühlkasten nennen, von denen fast jeder Haushalt gleich mehrere in verschiedenen Grössen besitzt. Ein kaltes Bier oder ein gut gekühlter Weisser aus dem Barossa-Valley am heissen Strand, das Leben könnte kaum schöner sein. Weihnachten auch?

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