Die Sommelier-Weltmeisterschaft der WSA 2008

Auch die besten Sommeliers "kochen nur mit Wasser". Diese und andere interessante Erkenntnisse machte Hande bei der diesjährigen Sommelier-Weltmeisterschaft der WSA.

Die Sommelier-Weltmeisterschaft der WSA 2008
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Hande Leimer

Es ist sehr interessant, einen Blick hinter die Kulissen von etwas werfen zu können, was man seit Jahren nur als Zuschauer/Bewunderer verfolgt. Lange Jahre war ich einfach eine normalsterbliche Weinliebhaberin, die fasziniert war von Sommeliers. Nicht nur deren breites Wissen beeindruckte mich, auch dass sie so vieles im Wein rausschmecken (nasser Pferdesattel!) und dann auch noch erzählen konnten. Und sie können dann sogar sagen, was für einen Wein sie im Glas haben! Und wie einfach sie jede Flasche ihrer störrischen Korken entledigen konnten, was für eine Perfektion!

 

Jetzt bin ich selber eine Sommelière, habe einige Prüfungen geschafft und führe Weinverkostungen durch, aber das Gefühl „du bist nur eine Anfängerin, hast bloß 1 % von dem Wissen, was echte Sommeliers besitzen, eines Tages wird jemand eine Frage stellen und du wirst kläglich scheitern“ ging nie weg (ob Natalie Lump und Paula Bosch je Selbstzweifel hatten?), im Gegenteil, es wurde immer stärker.

 

Bis letzten Samstag. Da durfte ich bei der Sommelier-Weltmeisterschaft der WSA (World Sommelier Association) hier in Rom zuschauen. Versteht mich nicht falsch, ich werde jetzt nicht behaupten, dass ich jetzt eine perfekte Sommelière bin und alles weiß. Ich meine nur, dass erstens: sogar die nachweislich besten Sommeliers der Welt nur mit Wasser kochen und zweitens: viele (leider nicht alle) wissen, dass sie nicht alles wissen.

 

Bis zum Finale, bei dem ich am Samstag zuschauen durfte, mussten die 14 Kandidaten schon einige Theorie- und Praxis-Tests bestehen, wie z.B. in Önologie, Weingebiete und –Gesetze, relevante Randthemen wie Zigarren, Käse, Schokolade usw., Wein zum Essen kombinieren, Weinservice. Beim Finale waren nur noch die drei höchstbenoteten Kandidaten vor der Jury und einem Publikum, zum grössten Teil bestehend aus Profis. Jeder hatte ca. eine halbe Stunde für unterschiedliche Aufgaben, die alle in Englisch oder Französisch gelöst werden mussten.

 

Schon bei der ersten Aufgabe, bei der sie innerhalb 8 Minuten zwei unbekannte Weine beschreiben, identifizieren und dann auch Essens-Kombinationen vorschlagen mussten, habe ich angefangen, mich besser zu fühlen: Nicht alle haben die Weine klar und verständlich beschreiben können und keiner konnte die Weine korrekt identifizieren, weder das Land (lassen wir mal das Gebiet beiseite!) noch die Traubensorte. Aber im Nachhinhein – wissend was die Weine waren – muss ich sagen, dass der Österreicher Aldo Sohm (Tiroler eigentlich, aber er trat an für die USA, wo er seit 3,5 Jahren lebt und im 3-Sterne Restaurant Le Bernardin in New York arbeitet) die besten und passendsten Beschreibungen geliefert hat.

 

Danach kam der wildeste Teil: Die Sommeliers mussten 5 verschiedene Destillate identifizieren. Man würde meinen, dass die besten Sommeliers der Welt Absinthe erkennen würden (keiner konnte!) und nicht derart wilde Spekulationen über ein und dieselbe Flüssigkeit im Glas abgeben würden: Vodka („das mit dem grünen Gras“), Tequila, Grappa… Es war Cachaça!

 

Dann kam, was man als die leichteste Übung sehen konnte: Die Fehler in einer Weinkarte zu finden, innerhalb von 3 Minuten. Weitgefehlt. Vorort, im Publikum, konnte ich 6 der Fehler erkennen, aber auch nicht unbedingt korrigieren. Zu Hause, nach intensiver Recherche in all meinen Büchern und im Internet, meine ich auch, die weiteren Fehler gefunden und korrigiert zu haben, aber 100% sicher bin ich mir immer noch nicht. Es gibt Infos, die kann man nur wissen, wenn man mit dem Wein und seinem Winzer persönlich zu tun hatte! Und Aldo fand fast alle Fehler!

 

Da ich nie im echten Service im Restaurant gearbeitet habe, fand ich den Praxisteil am schwierigsten, aber natürlich waren die Profis geübt in diesen Situationen. Sie mussten zu einem Tisch von Gästen (alles bekannte TV Persönlichkeiten in Italien, unter anderem auch der Sterne Koch Gianfranco Vissani) und ihnen die passenden Weine zum Menu vorschlagen, natürlich nachvollziehbar erklärt. Das Menü haben die Sommeliers erst am Tisch erfahren. Diese Aufgabe scheint im ersten Augenblick sehr schwierig, aber eigentlich machten diese Profis nichts anderes als was ich (wie jeder andere Weinliebhaber) zu Hause mache: Wir wissen grundsätzlich, welcher Wein-Typ zu dem Essen passen würde. Also denkt man an seine Weine im Kühlschrank, unterm Bett oder im Keller und holt die passenden hervor. Diese Profis hatten natürlich den kleinen Unterschied, dass sie an die Keller in den 3-Sterne-Restaurants, in denen sie arbeiten, denken und sich sehr bekannte und sehr gut passende Weine aus diesen grossen, gut sortierten Schatzkammern dazu aussuchen konnten! Bei dieser Aufgabe hat man auch die nationalen Präferenzen gut beobachten können: Ein Moscato d’Asti zur Sachertorte, in Italien undenkbar (was bei den italienischen Zuschauern auch einiges Raunen auslöste) aber beim an amerikanischen Geschmack gewöhnten Aldo kein Problem war!

 

Die italienischen Zuschauer hatten zuvor schon mit der Tatsache zu kämpfen, dass der italienische Kandidat es nicht ins Finale geschafft hatte. Italienische Sommeliers, die ich wegen ihrer Wein-Beschreibungs Talente sehr schätze (sie kriegen wirklich eine sehr gute Ausbildung mit diesem Schwerpunkt), schneiden bei internationalen Wettbewerben leider seit Jahren nicht besonders gut ab. Sprachschwierigkeiten (und dass es unfair sei, sie alle in Englisch oder Französisch antreten zu lassen) wurden diskutiert, aber meiner Meinung nach muss ein Weltklasse-Sommelier natürlich mindestens einer dieser internationalen Sprachen beherrschen.

 

Nach dem Service-Test (Dekantieren und Servieren einer ganz besonderen Flasche Wein) und einer Zigarre-Destillat-Kombinations-Empfehlung (keine Sorge, niemand am Nebentisch wird eine Zigarre rauchen während man sein Sterne-Menü verspeist; die besseren Restaurants haben einen extra Zigarren-Raum für diese Zwecke), war das Finale vorbei. Die Resultate wurden am gleichen Abend während eines Gala-Diners veröffentlicht: Der souveränste der Kandidaten, der meist favorisierte Aldo Sohm gewann und trägt jetzt den Titel „Bester Sommelier der Welt WSA“.

 

Ich hatte in dieser Pause die Gelegenheit mit Aldo zu sprechen und war fasziniert, wie nett und normal er war, im Gegensatz zu einigen anderen berühmten Sommeliers, die ich in letzter Zeit kennenlernen durfte. Er erzählte von seiner Nervosität, die er erst kurz vorm Finale in den Griff bekommen hatte und von der harten Vorbereitungsarbeit (seine normalen Arbeitstage dauern schon 15 Stunden und er hat all das Lernen und Üben noch zusätzlich dazu bewältigt, zwischendurch, in jeder freien Sekunde). Um sich all das theoretisches Wissen merken zu können, arbeitet er wie ein Athlet mit einem Mental Coach und mit einem speziellen System (mind maps) sowie unterstützender Software. Aber manchmal ist alle Mühe umsonst: Er hat sich in mühevoller Kleinarbeit das gesamte deutsche Gebiets- und Lagensystem beigebracht und dann wurde es kürzlich geändert! Er hatte bereits entschieden, dass dies sein letzter Wettbewerb wird, er nimmt seit 10 Jahren an verschiedenen teil. Ich bin echt glücklich, dass er seine „Wettbewerbskarriere“ mit der Weltmeisterschaft abschliessen kann! Das ist wirklich ein Sommelier, ein Weinliebhaber, der ganz auf dem Boden geblieben ist, der auch 10 Euro Weine mag und empfehlt, keinen eigenen Keller hat, italienische und österreichische Weine am liebsten trinkt (meine Favoriten!) und einfach sagt, „melde Dich, wenn Du in New York bist“. Man kann sich gut vorstellen, mit ihm zusammen zu sitzen, zu essen und zu trinken und dabei über Gott und die Welt zu reden. Nicht, dass er im 3-Sterne-Restaurant arbeitet und gerade zum besten Sommelier der Welt gekürt wurde!

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