FOODTRENDS 2010, TEIL 1: Vom Einkaufen und Ausgehen

Was Starköche, Lebensmittelhändler und Foodproduzenten in diesem Jahr treiben, erzählen uns Sebastian Dickhaut und Nicole Stich. Was wir damit anstellen? Kommt in Teil 2.

FOODTRENDS 2010, TEIL 1: Vom Einkaufen und Ausgehen
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küchengötter Redaktion

 

And the Oscar goes to… Jamie Oliver!

 

Beide sind gut vorbereitet: Hollywood hat mit „Ratatouille”, „No Reservations” und zuletzt „Julie & Juliet” das Genre „Chef-Blockbuster” geschaffen, Jamie Oliver hat sich mit seinem Amerika-Kochbuch und seiner Co-Autorin-to-come Jennifer Aniston ganz oben auf der Empfehlungsliste eingetragen – für den nächsten großen Kochfilm. Arbeitstitel: From Jamie to Oliver – how to become everybodies chef. Hauptrolle: na wer wohl?

 

Und die goldene Zitrone für…

Derweil haben sich unsere Fernsehköche an die Devise „Nehmen was kommt” gehalten und werben für Dosensuppen (Schuhbeck), Industriewurst (Poletto) oder Tankstellenleberkäse (Wiener) , Dinge, die Ihre Gäste wieder an den Herd zurück schicken würden. Zugleich haben sie aus „Lanz kocht” eine Werbesendung in eigener Sache gemacht, die in diesem Jahr auch auf den Speisekarten der Bahn läuft – unter dem Motto Spitzenköche für Afrika unter der Schirmherrschaft von Eckhart Witzigmann. Nachdem man dort im letzten Jahr Sterneköche dafür bezahlt hat, Klopse und Eintöpfe zu servieren, sind wir gespannt.

 

Rettet die Gast-Wirtschaft

Von all dem haben die regionalen Kochstars viel gelernt – auch, wie man’s nicht macht. Und so können wir 2010 den Lieblingskoch unseres Viertels/Dorfes/Landkreises vielleicht öfter im Regionalblatt oder –radio entdecken, jetzt auch Kochkurse bei ihm buchen oder ihn beim neuen Fressfest in der nahen Kleinstadt auf der Bühne bewundern, dazu ein paar Klassiker seiner Küche in Gläsern oder Döschen kaufen – aber nur bei ihm. Also dort, wo er auch immer noch für uns kocht. Denn deswegen macht er (oder sie) das alles – damit wir bei ihm essen und er für uns kochen kann. So soll es sein.

 

Klein wird fein

So wie beim Ausgehen setzten verunsicherte Genießer auch beim Einkaufen wieder mehr auf das kleine Nahe statt große Namen: Die Adressen von Bäckern und Metzgern, die ihr Handwerk beherrschen und gute Zutaten aus der Umgebung verwenden, sind für sie heiße Ware (vor allem, wenn sie sich auch noch flott verkaufen können – mehr dazu in Teil 2 in den nächsten Tagen). Regionale Super- und Wochenmärkte werden noch interessanter für sie. Oder sie kümmern sich gleich selbst um die Basics – bauen Gemüse im eigenen (Schreber)garten an, mieten sich für eine Saison einen Acker, übernehmen den von der Schließung bedrohten Dorfladen oder bilden Genossenschaften mit gleich gesinnten Genießern, Lebensmittelhandwerkern und Bauern.

 

Regional wird global

In der großen Stadt wächst weiter die Sehnsucht aufs kleine Land – aber presto bitte. Und so boomen kleine Delis und Läden, in denen man sich feine Spezialitäten aus aller Welt auf den Teller laden kann wie Apps aufs I-Phone. Berlins Tip-Magazin titelt seinen Gastro-Teil im ersten Heft 2010 mit einem Cafe, in dem es „Marmelade aus Mallorca, Landbrot aus Italien, Süßbuttercroissants aus Frankreich und Leberkäse aus dem Allgäu” gibt, „und wenn jemand ein Gurkenbrot möchte, bekommt er das auch”. Darauf folgt die Wiederentdeckung des Djuvec-Reis und eine Doppelseite über Macarons. In New York wird derweil „Austrian cuisine” als neuer Trend geortet – als gastfreundliche Verfeinerung der schon länger trendigen deutschen Küche mit all den tollen Brezeln, Bieren und Würsten. Die Welt des Essens bleibt also unübersichtlich.

 

 

Groß macht sich fein klein

Das alles ist den Großen der Lebensmittelwelt nicht entgangen. Nachdem MacDonalds mit seinen McCafes sich ein bisschen heimeliger gibt, soll nun das weltberühmte goldgelbe Logo grün werden – wenn auch erst mal außerhalb Amerikas. Und nac dem die Molekularküche wieder dahin zurückkehrt, wo sie herkommt (ins Labor der Lebensmittelchemie), sieht sie sich dort mit ganz neuen Dingen befasst – zum Beispiel mit dem bald erhältlichen Mars-Riegel frei von künstlichen Zusatzstoffen. (Früher hätten die Moleks den einfach frittiert.) Auch in Tiefkühltruhen und auf Tütensuppen werden wir noch mehr „ohne”, „bio” oder gar „fair trade” lesen, aber eins sei Euch gesagt: Es gibt kein richtiges Essen im falschen Laden. Was vielleicht auch die Antwort darauf ist, warum es immer noch keine Lebensmittelkette gibt, die fürs Essen das ist, was Ikea fürs Wohnen und H&M fürs Anziehen ist.

 

 

Download your lunch

Global oder regional, groß oder klein, grob oder fein oder alles zusammen – wie soll man denn da bitte den Überblick behalten, vor allem, wenn man gerade tierischen Hunger hat? Mit dem Handy zum Beispiel. Wir stellen uns das so vor: Wir geben dort ein „Hab’ Lust auf Gulasch!” Sofort bekommen wir ein Lieblingsrezept geliefert (natürlich von den Küchengöttern) samt Einkaufsliste und GPS-Tipp, wo wir den mürbsten Wadschinken mit dem idealsten ökologischen Hufabdruck in unserer Nähe bekommen, aber leider informiert uns das Fitness-Coach-App zugleich, dass wir damit wegen der Leberkässemmel gestern unsere Nährwertbalance ziemlich zum Wackeln bringen (und latent allergisch gegen Paprika sind), weswegen wir twittern, dass wir jetzt zum japanischen Veganer gehen, woraufhin wir drei Empfehlungen unserer Follower googeln, von denen zwei positiv gequypet sind und wir dann zu dem gehen, der mehr Freunde bei Facebook hat - der dann aber zu hat, weil der Koch sich ins Zen-Kloster zurückgezogen hat. Verdammte Technik. Dann eben wieder Leberkäs vom Schorsch.

 

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