ICH KOSTE ... Chia

Und Mandelmilch und Agavensüße, und Birkenzucker auch fast noch. Was man halt so macht, wenn Kochen und Essen einem wie Kicken und Siegen ist. Lest selbst.

ICH KOSTE ... Chia
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Kommentare
Sebastian Dickhaut

Manchmal fühl’ ich mich wie Rudi Völler. Nicht mehr ganz vorne dran, aber immer noch dabei, wenn’s um die Sache geht. Meine Sache ist Kochen und Essen, und da habe ich natürlich von den Wunderstürmern und -verteidigern gehört, von denen die Branche und ihre Klienten derzeit viel sprechen - die Superfoods! Dieser Chia zum Beispiel, was man sich von dem alles erzählt … Und was man sich da alles aus dem Internet holen kann. Fürs Stammtischgerede reicht das. Doch für den Esstisch brauche ich das Zeug lebendig. Und zwar gleich zum Frühstück, wie mir beim Aufwachen klar wird, denn da sollte das hier eigentlich schon im Netz stehen.


Also hol ich schnell mal den Völler raus und sage Freund Franz, der sich für halb neun angemeldet hat, er soll was mit Chia vom Bäcker mitbringen. “Vogelfutter?”, fragt er. Er weiß Bescheid, ein echter Günther Netzer halt. Zur Sicherheit gehe ich noch zum Bioladen mit einer Einkaufsliste für dieses Rezept hier - ich mag Porridge, ich mag Äpfel, ich kost’ Chia, und was Birkenzucker ist, will ich wissen.


Die Verkäuferin schüttelt schon bei Mandelschrot den Kopf bei hochgezogenen Schultern, so dass ich es kaum wage, nach Birkenzucker zu … “Der ist leider grad aus.” Alternativen? “Stevia ginge, aber mir ist das zu süß. Birkenzucker ist nur ein bisschen süßer wie richtiger Zucker, aber macht halt nicht so dick.” Ach, darum geht’s grad nicht so. “Ach so, ja dann …” Ich verlasse den Laden mit meinem Päckchen Chia, einem Liter Mandelmilch und Agavendicksüße.


Freund Franz steht derweil mit zwei Schokocroissants vor der Tür. “Chia”, hätte die Verkäuferin beim Bäcker gesagt, der durchaus nicht verstaubt ist, “was soll denn das sein?” Und: “Ich kenne das nicht, und ich arbeite schon seit neun Jahren hier”. Was dann eher nach Sepp Blatter klingt.


Als ich Franz berichte, dass ich nun ein Porrdige aus Mandelschrot, Agavensüße und Chia zubereiten werde, nickt er netzernd - kenne er, schließlich habe er Frau und Tochter. Und ein komisches Mundgefühl bekommen, als die es ihm zum Kosten gaben.


Kann ich erst mal gar nicht sagen, das Nussige mag ich (Franz: “Das sind die Mandeln”), die Haferflocken fehlen mir, wofür Chia nix kann. Dafür, dass der Porridge rasch ein wenig kaulquappig wird, schon. Mag ich im Mund auch noch, doch der stumpfe Nachgang auf Zahn und Zunge stört mich. “Du musst viel trinken dazu”, sagt Franz’ vegane Tochter, “weil das quillt im Bauch noch nach” - sie hatte zufällig angerufen und war nicht unzufrieden mit meiner Frühstückswahl.


Ich habe  alles gegessen und mein Schokocroissant auch, mir in aller Ruhe den Grünteebeutel nochmal aufgegossen nach Art der alten Chinesen, und dann diesen Text geschrieben. Ich finde ihn super. Danke, Chia.

 

P.S.: Wer lieber Geschimpfe mag - das hier mag ich. Auch.

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lundi
Haha. Selten so gelacht.

Vielen Dank für diesen Text, und den von M. Barth! Sagt eine Mutter von 3 fast erwachsenen Töchtern, die alle zum Frühstück am liebsten Eier mit Speck verdrücken... gerne auch auf Leinsamenbrot...

Annika Mader
Oh ja :)

Lieber Sebastian,

da kann ich mich lundi nur anschließen: Habe mich heute mit Deinem Text auch schon köstlich amüsiert und konnte mir das Ganze bildlich vorstellen ... Wunderbar!

 

Mein Chia-Test steht noch bevor. Man munkelt hier in der Redaktion ja, dass es ganz toll sein soll (hahaha) :)

 

Bis bald!

Nicole Stich
Auch von mir

Daumen hoch, so früh am Tag und schon breit geschmunzelt. Meine erste Bekanntschaft mit dem werten Chia fand an einem Hotel-Buffet statt und wahrscheinlich haben mich in Wahrheit die drapierten Erdbeeren auf den kleinen Portionsgläschen gelockt. Das war November 2014, auf einem anderen Kontinent. Seitdem habe ich Chia weitestgehend ignoriert. Dann doch lieber richtigen Porridge ;) 

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