ICH KOSTE... Freibadfutter

Am 1. Mai heißt es "Anschwimmen" in vielen Freibädern und wenn das Wetter passt, auch "Anfuttern" am Kiosk - ein Muss bei jedem Freibadbesuch, Eigenheiten inklusive.

ICH KOSTE... Freibadfutter
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Kommentare
Sebastian Dickhaut

Mein Viertel in München ist noch sehr "old school". Kopfsteinpflaster und Straßenlaternen ums Eck, man kennt die Freuden und Nöte der Leute, die erste Halbe am Tag wird um zehn vorm Ziczac geöffnet und die letzte "fliagt glei ausm Fensta wenn do draußd ka Rua is!" Dass aber in meinem ersten Sommer hier jeden Abend ein Lautsprecherwagen wie zu Wahlkampfzeiten in Kindertagen herumfuhr, fand ich dann doch ein bisschen zu authentisch. Bis ich einmal näher hinhörte aus meinem Küchendachfenster: "Verehrte Badegäste, wir schließen in 15 Minuten, bitte verlassen Sie das Becken."

 

Ja, ich wohne beim Freibad, am 1. Mai kann man hier in der Früh Familien in Bademänteln die Straße hinuntergehen sehen, alle ganz aufgeregt, weil es wieder losgeht. Auch ich habe vor, dann anzuschwimmen, auch wenn 13 Grad Lufttemperatur und 100 Prozent Regenwahrscheinlichkeit eine klare Ansage sind. Es wird eher ein symbolischer Akt zum Preis und auf die Dauer einer Latte Macchiato sein, eine Viertelstunde für 3 Euro 40.

 

Aber nicht mehr lange, und daraus kann ein ganzer Tag werden, dann allerdings mit einem Plasitkbecherkaffee aus der Filtermaschine auf der Liegewiese. Was ich völlig in Ordnung finde, denn das gehört zum Freibad wie Pommes rotweiß, Schnitzelsemmel und Nogger Choc, um mein Stamm-Menü zu nennen. Glücksrollen, Mangosorbet und Caffè ristretto? Müssen leider draußen warten, wo sie auch am besten aufgehoben sind - im Freibad sind wir frei von jeder gastronomischen Anstrengung.

 

Das Glück wohnt im Kiosk

 

Das gilt auch für die Kioskwirte dort, die einen sehr glücklichen Eindruck machen. Warum auch nicht? Bei miesem Wetter sitzen sie daheim vorm Ofen, bei gutem sind sie hier an der Sonne und können eh schon zufriedene Leute noch zufriedener machen, wozu manchmal schon eine Gummischlange reicht. Dass es auch anders sein kann, habe ich im Winter in meinem Hallenbad erlebt, wo lange ein übelgelauntes Regiment hinter der Kiosktheke herrschte, auch weil der Mensch meist alleine war und so Küche, Foyer und Schwimmhalle zugleich bespielen musste; da wird jeder mürbe.

 

Dann aber kam eine neue Pächterfamilie und alles wurde gut - die Schnitzelsemmel fast zu gut, dass man sie noch frei von Ansprüchen genießen kann. Ein Kochfreund von mir arbeitet dort manchmal, er hatte in schweren Zeiten einfach den Wirt angesprochen, als er ihn so schwung- wie liebevoll eine Crêpes zubereiten sah. Nun beglückt er einmal die Woche scheue Kinder, friedliche Mütter und entspannte Väter wie auch scherzende Rentner und grinsende Rabauken, selbst ganz Glück dabei: "Das ist wie zur Therapie oder ins Training gehen", sagt er, und pssst: "Eigentlich müsste ich denen was dafür geben statt die mir."

 

Spricht's und zapfte einen Slushie aus dem Automaten hinter ihm, erst grün, dann blau und schließlich rot, ein Becher voller Chemie aus drei Großpackungen Konzentrat, die grad genug Platz für die kleingedruckte Zutatenliste haben. Aber wenn Du vor dem Tresen stehst und grad zum ersten Mal vom Dreier gesprungen bist, dann ist das sogar der Mama so egal, dass sie strahlt, wenn Du mit dem Papa vom Tresen zurückkommst und andächtig am Strohhalm saugst. "Das sieht ja irre aus", sagt sie, "kann ich auch mal probieren?" Besser kann's kaum werden.

ICH KOSTE... Freibadfutter
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Bettina Müller
Freibadsaison

Lieber Sebastian, es ist der 1. Mai, in München regnet es ununterbrochen und ich frage mich, ob Du heute schon im Bademantel unterwegs zum Freibad warst? 

 

Das Phänomen der Freibad-(und auch Erlebnisbad-)Gastronomie finde ich auch schon sehr lange spannend. Als Kind waren die Pommes - aber bitte mit Mayo - für mich auch das Größte im Schwimmbad, am besten noch in einer essbaren Waffeltüte. Heute komme ich nicht wirklich an sie ran beim Baden, vor allem, wenn es draußen heiß ist. (Vielleicht sollte ich heute mal die Gegenprobe bei kaltem Wetter machen?)

 

Im Sommer kommen deswegen immer Gurkensalat, Rucola-Melonen-Salat oder irgendeine andere leichte Erfrischung mit an den Badesee, natürlich schön gekühlt in einer riesigen Kühltasche. Aber der Kiosk wird dann trotzdem besucht. Für eine große Eisschokolade, die geht immer! 

Gaston
Freibad

Freibad, das hieß früher, mit der großen Wolldecke losziehen. Das Wasser war, weil es Quellwasser war, auch im Hochsommer selten wärmer als 20 Grad. Am Kiosk durfte ich früher nix kaufen, da waren meine Eltern zu knickrig für.

Und heute: Mit der Fleecedecke losziehen ins das gleiche, aber renvoierte Freibad. Das Wasser wird nun von einer Solaranlage gewärmt, die Becken sind aus Edelstahl, es gibt warme Dusche, eine Riesenrutsche und Umkleiden. Und am Kiosk gibt es das Schwimmbadfutter Nummer eins neben Eis: Die Currywurst! Die beste der ganzen Stadt. Da kann man sich dann die Kalorien, die man durchs Schwimmen veloren hat, gleich wieder ersetzen.

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