ICH KOSTE ... Gemüse

Und zwar in Italien. Wo die Engel leben und sich auch schon mal mit an den Tisch setzen. Erlebt bei einem Gemüseauflauf. Holy Veg!

ICH KOSTE ... Gemüse
0
Kommentare
Sebastian Dickhaut

Letzte Woche war ich in Italien, gelobtes Land, von Engeln bewohnt und nicht von Unfehlbarkeit verschont, wie die Mafia, Berlusconi und der Straßenverkehr zeigen. Beim Essen aber herrscht weiter göttliche Ordnung.


Wir waren zu siebt, alle eine Patchworkfamilie aus Verwandten und Gestrandeten. Morgens liefen wir in den Nachbarort für den caffè an der Bar, mittags bestellten wir Tiramisu Martini, abends kamen wir immer zu spät ins Restaurant, palaverten noch über die Bestellung, als die Kellner schon die Blocks gezückt hatten und machten aus dem AntiPrimiSecondi-Gebot einer Art indonesischen Reistafel, bei der alle Teller auf einmal kommen und jeder von jedem probiert. Und einmal bestellt jemand sogar einen Cappuccino vor dem Schlafengehen.


Die Italiener trugen das alles mit Fassung - Comer See, Vorsaison, da herrscht noch Ruhe und Anstand. Für den letzten Abend war schon Wochen im Voraus ein Tisch in einem kleinen Gewölbekeller reserviert worden, in dem nur vier Tische stehen, die von vier Kellnern und Köchen versorgt werden, deren Ruf bis nach Sydney gedrungen ist.


Um Viertel vor sieben schaut mal jemand zu Hause nach, ob wir für sieben oder halb acht reserviert hatten, es war für halb sieben. Um sieben hatten wir dann die Telefonnummer des Lokals und keine dreiviertel Stunde später saßen wir an unserem Tisch, der die Hälfte des Raums füllte - das Team war da einfach nur froh, dass wir da waren.


Ich bestellte einen bunten Salat, Nudeln mit Pesto und einen Gemüseauflauf. Der Kellner wollte wissen, ob ich auch Essig zum Salat wollte, und ich dachte, wenn er schon extra fragt, dann nicht. Es kam eine Schale voller fein geschnittener roher Gemüse mit Sprossen und Kräutern, einer Flasche Olivenöl und einer Mühle Himalayasalz.


Das sah alles so gut aus, dass gar keine Diskussionen übers Selbermischen und Salzveredeln aufkamen, und nach dem ersten Happen war eh Stille - wie gut Fenchel, Möhren und Lauch doch schmecken können. Die Nudeln mit Pesto waren Orchiette mit einem lauwarmen grünen Sugo, das nach frischer Gemüsesuppe duftete und mich das Tischgebet nachholen ließ.


Der Gemüseauflauf war eines von vier Hauptgerichten, normalerweise steht so was im Ghetto “Für Vegetarier” auf mehrseitigen Karten, schon deswegen war ich auf ihn neugierig. Während die anderen hübsche angerichtete Platten bekamen, stellte man uns - wir waren drei Aufläufer - einen tiefen Teller hin mit einem Block darin, der mit Käse gratiniert war.


Wir griffen zum Löffel, neigten uns Haupt und dann wurde es ganz still, erst wir, dann auch die anderen, die vergblich auf unser Teilen warteten. “Ein Engel fliegt über den Tisch”, sagt man in Südfrankreich dann, und hier in Norditalien setzten sie sich auch noch dazu. “Was ist das?” fragten wir sie. Natürlich sagten sie nichts.


Später erklärte uns der Koch, dass das einfach nur Gemüse und Käse waren, von beidem viele Sorten, fein geschnitten, Lage für Lage geschichtet und langsam im Ofen gegart. Easy - wie Sushi oder Spaghetti Aglio e Olio. Und deswegen kriegt man es daheim schwer so hin, denn bei den einfachen Sachen zählt jeder Fehlgriff zweifach. Und das Händchen für den richtigen Dreh muss lange trainiert werden. Da war es keine große Überraschung, als sich der Koch als Vegetarier outete.

 

So oder so, ich werde das zu Hause ausprobieren und Euch davon erzählen. Wird schon werden. Gemüse ist ja geduldig. Das gute allemal.

Hier könnte dein Kommentar stehen ...
Noch nicht eingeloggt?

Hier könnte dein Kommentar stehen :-)

Anzeige
Anzeige
Login