ICH KOSTE... Saft to stand

Sebastian Dickhaut war dabei, als die Saftmixbars an den Münchner Viktualienmarkt kamen - bis heute schaut er sie sich aber lieber von der Suppenküchenbank aus an.

ICH KOSTE... Saft to stand
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Sebastian Dickhaut

 

Als ich vor zwanzig Jahren nach München kam, ging ich bei einem kleinen Kochbuchverlag in die dritte “Lehre” - nachdem ich schon Koch und Journalist gelernt hatte. Bereits beim Bewerbungsgespräch hatte ich gesagt, dass meine Mittagspausen meistens etwas länger dauern. Zum einen war ich das als Koch im Teildienst so gewohnt, zum zweiten habe ich einen Hang zum Mittagessen und zum dritten lag der Verlag ums Eck vom Viktualienmarkt. Und für den reicht eine Stunde täglich einfach nicht.


Dort saß ich dann zwischen zwölf und zwei bei gutem Wetter meistens im Biergarten to go. Also unter den Bäumen an den Biertischen auf der Freifläche vorm Fischhändler, wo jeden Tag ein anderes Münchner Bier gezapft wird. Und wo Leute aus der ganzen Stadt und aller Welt beim Essen von irgendeinem der Stände zusammensitzen. Nirgends kann man München und den Rest seiner Welt besser kennen lernen, außer...


...in der Suppenküche.  Dorthin geh ich meistens, wenn das Wetter nicht so gut und Nestwärme nötig ist. Da holt man sich dann eine Schale Heißes - Nudel mit Ochs, Saures Lüngerl, Muligatawny - und hockt sich zu den anderen Nestgefallenen und schweigt wohlig vor sich hin, wechselt auch mal ein paar kurze Worte, geht gut gestärkt wieder seiner Wege. Wirtshaus to go also.

 

Von rumpelratzfatz zu rrrrrssssst


Neben der Suppenküche lag damals ein Obst- und Gemüsestand, der unter Foodstylisten (Köche, die für Foto und Film kochen) berühmt dafür war, jede Frucht der Welt besorgen zu können. München- und Marktbesucher standen oft staunend vor der Auslage, in der haarige Rambutans, strahlende Tamarillos und auch mal eine stinkende Durian die Sinne bannten. Gekauft haben sie nichts - “nur schauen, nicht kaufen” ist Kundenbrauchtum am Markt, so wie es Händlerfolklore ist, über schlechte Umsätze zu klagen, um manche Feinkostpreise zu verlangen.


Ich weiß nicht, ob dieser Exotenhändler der erste war, der mit den Säften anfing. Erst war es diese Orangenpresse, in die man oben die ganzen Dinger wirft und aus der unten dann rumpelratzfatzspritz der Saft rauskommt, bei dem ich mich immer frage, wie viel Schale und noch mehr da wohl drinnen ist. Irgendwann machte es dann aber zu meiner Minestrone auch noch ein langes und lautes “Rrrrrrrssssst” von nebenan - der Klang eines Hochleistungsmixers, der gerade eine Kanne voll Mango-Ananas-Papaya-Saft produzierte.


Die wurde dann zu den anderen bunten Kannen in der Vitrine gestellt, die die Leute anlockte wie eine Blütenwiese die Bienen im Mai. Das war ja auch was, dass der fesche Junior vom exotischsten Obsthändler der Stadt in der Mittagspause den Saftmixer gab, weswegen der Frauenanteil an der Bar doch eher hoch war. Man trank bunt und gesund, was sich heute smooth und detox nennt.

 

So richtig warm wird mir an der Saftbar nicht

 

Auch ich kostete immer wieder mal davon, lehnte mich an guten Tagen zum Nachtisch von Lachsbrötchen oder Leberkäs mit einem Karotten-Apfel-Mix inklusive einem Schuss Rapsöl (für den Vitamin-B-Flash) in die Sonne. Hab auch mal vom Katzen-, pardon, Weizengrasssaft genippt. Aber so richtig warm wird mir bei all dem bis heute nicht. Und das liegt nicht nur an der Temperatur des Getränks. 

Denn anders als im Biergarten oder in der Suppenküche oder auch am Espresso-Stand fehlt mir an den Saftbars was und etwas ist mir zu viel. 

 

 

Fangen wir mal mit dem Zuviel an: Mir ist das zu zwangzweckig. Ich gehe aus vielen Gründen zum Essen und trinken. Erst einmal um satt und sitt zu werden, dann um in die Welt und unter Leute zu kommen, schließlich um was zu erfahren und zu erleben. Bunt und damit gesund wird das von ganz alleine.

 

Wenn ich aber zu denen am Saftstand rüberschiele, sieht das bei denen irgendwie anders aus. Die stehen da jeder für sich, schließen manchmal sogar die Augen und sind dann ganz in sich oder schauen durch alles hindurch. Kein Espressopalaver, kein Anstoßen, kein “Kann ich mal bitte das Rapsöl haben?” Jeder ist für sich und woanders, vielleicht bei der Arbeit, auf jeden Fall an der Arbeit an sich selbst.


Vielleicht ist das aber auch ganz anders und es liegt an mir, weil ich eher ein Warmesser als ein Kalttrinker bin und Obst daher am liebsten am Stück, am besten noch in einer Mehlspeise mag. Und so am Saft gar nicht das Glück entdecken kann, dass mir bei einem Espresso in der Sonne schon mal zufliegt.


Umso mehr würde ich gerne wissen, ob ihr an der Saftbar schon das Glück gefunden habt oder wo es für Euch liegt beim Essen und Trinken auf dem Weg. Alsdann?

 

 

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Aphrodite
Saftbar zum Glück.

Das wird wohl eher eine Frage für Bettina sein (Sie mag - er mag). Ansonsten erinnern Saftbars an "Sex in the city". Etwas abgedreht. Aber ich glaube, die tun da auch noch Alkohol mit rein (Vodka und Cointreau). Halt cosmopolitisch.

Für mich gilt: Entweder frisch gepresst oder gar nicht. Diese kaltgestellten Karaffen gehen gar nicht. Und dann wird mit dem Plastiklöffel noch mal umgerührt - brrrr. In Eisform ist es dann gleich wieder viel sinnlicher und sommerlicher, was dann jede Saftbar erübrigt.

Über Saftbars im allegemeinen und besonderen habe ich mir jedenfalls bis eben noch keine Gedanken gemacht. War wieder köstlich zu lesen.

Bettina Müller
Saftfrage

@Aphrodite: Hhm, jetzt habe ich eine Weile drüber nachdenken müssen und bin zu dem Schluss gekommen, dass wir beide - also mein Mann des Hauses und ich - die gleichen Saftvorlieben haben. Also dann doch nicht ganz passend. Und da ich dann schon mal am Grübeln war, ging es gleich weiter, mit folgender Erkenntnis: Ich habe auch noch nie Saft an solch einer Saftbar getrunken. Ich greife im Coffeeshop oder Supermarkt zwar regelmäßig zu Smoothies, aber frisch gepresst an der Saftbar - nein, der Versuch steht noch aus.

Kochmamsell
Nix Saftbar

Männe und ich trinken relativ wenig Saft, und wenn, wird das Obst zuhause frisch ausgepresst. Gekaufte Säfte sind zu süß und eine Saftbar lassen wir auch links liegen.War wieder sehr amüsiert über den Bericht:-))

muffinfee
saft to...sick?

Ich habe mal von einer Studie gelesen, die in zahlreichen solcher Saftbars erhebliche Hygienemängel festgestellt hat...und so sieht es bei vielen dieser Saftbars auch aus: Karaffen, die bestimmt schon ewig dort stehen und doft auch nicht einmal abgedeckt sind obwohl zahlreiche Leute vorbeilaufen.

Natürlich kann man das auf keinen Fall verallgemeinern!

An einer Saftbar, die mir sympathisch war habe ich einmal einen Mango-Orangensaft probiert. Eigentlich ganz in Ordnung...

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