ICH KOSTE ... Scharfes

Lange hieß “scharf” nur “schwarz” bei mir, Nachname “Pfeffer”. Dann bekam ich Besuch aus Indonesien und alles wurde … schärfer.

Ich koste scharf
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Sebastian Dickhaut

“Scharf?” fragt die indische Bedienung freundlich lächelnd. Der Gast guckt ärgerlich: “Na was glauben Sie denn, natürlich, für mich kann es gar nicht Feuer genug haben”, der Rest geht im kopfschüttelnden Gemurmel in Richtung seiner Begleitung verloren. Die Bedienung zieht sich zurück, weiterhin lächelnd, vielleicht ein wenig breiter.

Wir wissen, wie die Geschichte weitergeht: Der Koch schärft so viel wie für die eigene Familie, der Gast weint so arg, dass er’s durch Trinken gar nicht mehr reinholen kann und die Begleitung denkt “Recht so, du Weißwursttarzan, was isst auch immer nur süßen Senf?” Und wir feixen am Nebentisch.

Sie sind einfach peinlich, diese Kerle (Frauen habe ich noch nie so erlebt), die immer ganz oben auf der Scoville-Skala stehen wollen, stets auf der Suchen nach dem schärfsten Thrill sind und der Rest vom Essen ist ihnen egal. Sie kennen alle Chilisorten beim Vornamen und Pfeffer ist für sie nur ein Fremdwort, weil der hat ja auch noch … Aroma!

Mein Chili heißt Pfeffer...

Ich finde das grad toll - Kartoffelsalat mit viel grobem schwarzen Pfeffer, Gurkensalat mit Szechuan-Pfeffer, Möhren geschmort mit Zitronenpfeffer, Melonencocktail mit grünem Pfeffer, Schokolade mit rotem Pfeffer. 

Welcher davon nun “echter” Pfeffer ist, was die Farben bedeuten und wo genau Malabar- oder Tellycherry-Pfeffer herkommen, das ist mir da gar nicht mehr so wichtig, ist ja so schon bunt genug. Hauptsache, die Körner sind ganz und frisch statt vorgemahlen, dann geht’s mir schon gut. Aber Chili? Mei, scharf halt.

Dann lernte ich ein paar Indonesierinnen auf Praktikum in München kennen; eine aß gehackte Chilies mit dem Löffel, die andere fand einfach kein gescheites Sambal hier, das an die Schärfe des großmütterlichen heran kam. (Die Oma hatte ihr wohlweislich eine 2-Liter-Flasche mit auf den Weg gegeben, die sie einen Tag Handarbeit gekostet und die der Sicherheitsdienst am Flughafen gleich als Waffe beschlagnahmt hatte.) “Recht so, ihr Scoville-Janes”, dachte ich, “wozu gibt’s denn Javanischen Pfeffer?”

... wobei ...

Den suchte ich allerdings vergeblich, als ich ein halbes Jahr später in Java war, dafür gab es schon zum Frühstück Huhn mit Chilikruste und zum Nachtisch Obstsalat mit Chili und Ketjap manis und zum Nasi Goreng immer ein paar grüne Chilis extra. Die schmeckten richtig gut, so frisch, so zitronig, so leicht beißend, bald nahm ich die zu allem, was ich kriegen konnte.

Als ich dann zurück im kalten Deutschland war, lud ich die Küchengöttinnen gleich mal zu einem Terong Balado ein, das zu einem meiner Lieblingsgerichte geworden war. Weil ich die Damen auch lieb habe, schmeckte ich es extra mild ab, weil scharf ist nicht so ihres. Und löffelte (in Indonesien wird sogar Reis mit dem Löffel gegessen) es fröhlich in mich rein. Beim Rest der Runde waren die Bewegungen weniger enthusiastisch, auch das Tischgespräch erstarb zu einem eindeutig nicht genussvollen Schweigen, wie ich beim ersten Blick in die Runde bemerkte - dafür waren die Augen meiner Mitesserinnen zu groß. “Schon scharf”, hauchte jemand.

Und gerade als ich ein “Ach was!” zurückschießen wollte, wurden mir zwei Sachen klar: An Schärfe kann man sich gewöhnen, was ich bei meiner vierwöchigen Chilikur in Jakarta offenbar mit großem Erfolg getan hatte. Und wenn ich da jetzt mit Abwiegeln anfange, klinge ich ganz schnell wie der Weißwursttarzan - allerdings wie einer, der mit Löwensenf aufgewachsen ist. Der Rest des Abends gehörte dann dem Tiefkühler und Reis mit Ketjab manis.

Inzwischen ist meine Schärfekompetenz wieder ein bisschen aufgeweicht, wenngleich immer noch über meinem alten Level, geblieben ist die große Liebe zu feingeschnittenen frischen grünen Chilies, die duften und schmecken für mich sofort nach Urlaub in einer riesengroßen verschwitzten Stadt, also super! Und seit ich mit Jungs aus dem Orient koche, streue ich mir Pul Biber sogar aufs Butterbrot. 

Vor dem Shiro, das einer der Jungs aus Eritrea kocht, habe ich noch ein bisschen Angst. (Nicht von der lieblichen Musik täuschen lassen, beide Gewürze sind seeeehr feurig, nach langem Kochen noch mehr.)

Wenn die überwunden ist, melde ich mich noch mal. Einstweilen - was ist Eure liebste Schärfe?

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