ICH SUCHE... Weihnachtsgeschmack

Wie findet man seinen Weihnachtsgeschmack, wenn jedes Fest anders und woanders ist? Und die Eltern weder Weihnachten noch Plätzchenbacken besonders mögen? Dann mal los...

ICH SUCHE... Weihnachtsgeschmack
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Sebastian Dickhaut

Wenn andere von Weihnachten erzählen, höre ich immer interessiert zu. Wann sie wo sind, wer dabei ist, was es zu essen gibt - das fasziniert mich vor allem, wenn es mit dem Etikett “wie jedes Jahr” oder zumindest “wie schon bei meinen Eltern” versehen ist. Meine Eltern mochten keine großen Rituale mehr seit sie den 2. Weltkrieg bei vollem Bewusstsein erlebt hatten. Ein Beispiel? Verheiratetsein: Als ich als ihr erstes Kind zur Welt kam, hatte ich sofort vier Geschwister aus ihren drei anderen Ehen - und das war fünf Jahre vor 68.


Und als ich Weihnachten bei Bewusstsein erlebte, gab es keine Großeltern mehr, zu denen wir hätten fahren müssen und die Besetzung an Heiligabend war wechselnd. Ebenso die Orte - im Schnitt zogen wir alle zwei Jahre um, lebten in Kliniken, Stadtrandvillen, Bauernhöfen, Pförtnerhäusern. Ich machte dann so ähnlich weiter, es kamen also noch Personalwohnheime, Mietswohnungen, Reihenhäuser, Strandblickbauten dazu. Und später noch eine weitere Patchworkfamilie.

 

 

Wo liegt er, der Weihnachtsgeschmack?

 

Fondue in Bad Nauheim, Lammkoteletts auf dem Neusiedler See, Bubbly Shiraz in Sydney, Forelle in Bovec, Frittierte Pekingente in Engelrod - was ist der Weihnachtsgeschmack, der das alles verbindet? Ich weiß es nicht. Da meine Mutter nie gerne gebacken hat, gibt’s auch keine Weihnachtsplätzchenerinnerungen - am ehesten an ihre mehr gekochten als gebackenen Heidesand, die auch Tage später im Mund wärmer zu werden schienen, was wohl an der gebräunten Butter und dem vielen Zucker lag. Und die Geschwister schwören drauf, dass sie erst leicht angebrannt richtig gut sind.


Ich selbst aber suche noch weiter danach, wie der späte Dezember schmeckt. Vielleicht so: Als Hanseat war mein Vater zum einen Pragmatiker, zum anderen ein Freund von kleinen Ritualen, die dem Alltag eine Linie geben. Ein Weihnachtsritual, das wir mit ihm gerne teilten, war das Lachsholen. Feinkost Essmann hieß der Händler seines Vertrauens (Google liefert mir dazu nur die Fisch Union und Balkongullys, das reicht mir dann schon), und der hatte in allen großen Städten ein Auslieferungslager.

 

Bei den Lachsen

 

Dort fuhren wir dann am Heiligabendvormittag hin, um uns eine wirklich frische Seite (so zumindest die Sage) Räucherlachs abzuholen. Ich erinnere mich daran, einmal mit meiner Mutter am Heiligabendmittag in der blitzenden Sonne über bretthart vereisten Schnee durch ein Gewerbegebiet zu trippeln, in dem es so ruhig war wie im tiefsten Tannenbaumwald, bis wir in eine große Lagerhalle glitschten, wo man uns den Lachs aus dem Kühlhaus holte, in dem es wärmer als draußen war. Er lag immer in einer festen flachen Schachtel, was sehr elegant aussah, so als wäre er ein Schmuckstück.


Und so behandelte ihn mein Vater auch, als er ihn mit seinem Lachsmesser in dünne Scheiben schnitt, während meine Mutter den Sahnemerrettich rührte. Ist das dann mein Weihnachtsgeschmack? Hm, manchmal gab es den Lachs auch erst zu Silvester und manchmal machte meine Mutter auch Tatar an Heiligabend, den gab es allerdings auch alle Feiertage unterm Jahr.

 

Oder... ein Weihnachtsgeschmackserlebnis?

 

Aber halt, da gibt’s etwas, das beide verbindet: der Toast. Frisch geröstet packten wir auf ihn die Lachsscheiben wie den Tatar (leicht mit der Gabel angedrückt), so dass seine Wärme den Geschmack noch hebte ohne sich völlig zu verlieren, wenn wir den ersten Bissen nahmen. Das wär’s dann wohl - mein Weihnachtsgeschmackserlebnis.


Das ist Euch zu ungenau? Ok, dann das noch: Das schönste an Weihnachten ist für mich die Zeit danach, die Tage und Rauhnächte zwischen den Jahren, in denen ich alles still stehen lasse. Wenig tue, denke, plane, rede. Für mich sein und da sein, im Laufe der Zeit auch wieder für andere, dann lebt auch das Tun, Denken, Reden wieder auf.


Diese Zeit geht für mich bis zum 6. Januar, und an einem in den letzten Jahren wollte ich Pfannkuchen für meine beiden Söhne und mich machen. Es waren aber keine Eier im Haus, dafür Toast, Butter und Zucker. Damit erfanden wir dann den “Dreikönigstoast”, der im ideal von leichtem Butterkaramell überzogen ist. Wie das geht? Jedesmal anders. Und selbst wenn wir’s wüssten, verrate ich es hier nicht. Großes Weihnachtsgeschmacksgeheimnis.

 

Alsdann, jetzt seid Ihr dran - wonach schmeckt Weihnachten für Euch? Ich höre interessiert zu.

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