JOHANNA OF LONDON: Feuerwerk und fremde Männer bei Fuß

Keine Idee für Silvester? Wie wär’s mit London: Feuerwerkschauen an die Themse mit Winter Pimm’s aus der Thermoskanne. In Abendgarderobe, bitte - Mäntel sind für Loser.

JOHANNA OF LONDON: Feuerwerk und fremde Männer bei Fuß
2
Kommentare
Johanna Wagner

London ist durch seine Lage am Fluss und die Anordnung wichtiger Sehenswürdigkeiten an beiden Ufern ein spektakulärer Schauplatz für die beliebten Feuerwerke, die seit Beginn dieses Jahrtausends vom London Eye abgehen – leider kann man sich an diesem Abend ausnahmsweise keine private “capsule” auf diesem grossartigen Riesenrad mieten. Mehr als ein Viertel aller Londoner sammelt sich daher an beiden Flussufern und in den umliegenden Straßen, Wind und (Regen-) Wetter trotzend. Aber das ist ja nichts Neues: Engländer ignorieren das Außenthermometer bestenfalls, die Party lassen sie sich von ein paar lächerlichen Frostbeulen sicher nicht vermiesen. Also: schnell das kleine Schwarze anlegen, nicht die hochhackigen Manolo Blahnik’s vergessen und rein ins Getümmel! (Wintermäntel und Schals sind für Verlierer!)

Für viele ist das Freiluftfeiern manchmal aber auch nur eine Notlösung: Die guten Restaurants sind Monate im Voraus ausgebucht - und bieten außerdem meist nur ein (bestenfalls mittelmässiges) Sylvestermenü. Trotzdem bleiben 25% aller Londoner auch an diesem Abend ihrem “local”, dem Pub um die Ecke, treu. Auch hier sind die Tickets oft schon Wochen davor ausverkauft. Dafür gibt’s dann aber neben dem Festessen auch eins der beliebten Pub-Quizes, Livemusik oder Karaoke – und, mit etwas “Glück” auch die eine oder andere Schlägerei zu später Stunde, denn das gehört hier fast zum guten Ton. Etwas kultivierter, aber nicht unbedingt weniger feucht verläuft ein Besuch in einem Comedy Club, etwa bei den Laughing Horses oder dem Comedy Store am Piccadilly Circus, wo man am Sylvesterabend über die besten Standups lachen und danach die Nacht durchtanzen kann.

Wenn Geld keine Rolle spielt, kann man sich für gut 300 Euro ein Gala-Dinner auf einem der in der Themse geankerten Passagierschiffe wie der HMS President 1918 oder den etwas billigeren Party-Booten gönnen, von dort aus ungehindert das pyrotechnische Spektakel bewundern und sich an Deck die Füße wundtanzen.
Wer vorausplant, findet aber vielleicht auch in einem der unzähligen Gastropubs wie dem Anchor & Hope Unterschlupf, die hier ja in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen sind: gepflegtes Essen, ohne Knigge, aber jenseits von Fish & Chips - und selbst die Weinkarten haben sich gemausert. Bunter und lauter geht es in diversen Nachtclubs zu. Besonders beliebt: die schooldisco, wo man nicht ohne Uniform erscheinen darf, aber auch sonst braucht man meist ein passendes Kostüm: von „Film Noir und 20’er Jahre” über „Grease” bis zu den all-time favourite „Vicars and Tarts” ist alles vetreten.

Wer sich die Feuerwerke ohne Menschengedränge geben will, der findet sich am Hampstead Heath ein, von dessen Parliament Hill aus man nicht nur die Innenstadt, sondern auch so ziemlich jede dort abgefeuerte Rakete sehen kann. Wenn man nicht schon zuvor beim legendären Bombay Bicycle Club einem typisch englischen Curry frönt, besorgt man sich dafür am besten einen Picknickkorb (zum Beispiel von Rosslyn Deli in Hampstead) und natürlich eine wasserdichte Decke - das Heizkissen von Oma kann auch nicht schaden.

Und was trinken? Wem das englische Bier nicht warm genug ist, der greift zum „Winter Pimm’s”. Pardon me? Nun, „Pimm’s No 1” ist berühmt in ganz Britannien mit seinen obligaten Erdbeeren, der Minze sowie den Gurken im Glas (!) und darf in den Sommermonaten bei keinem ernstzunehmenden Event zwischen Ascot und Wimbledon fehlen. Und den gibt’s nun seit neuestem auch als warme Nummer. Als britische Antwort auf Glühwein wird das leicht an Orangen und Gewürznelken erinnernde Weinbrandgetränk mit Apfelsaft gestreckt und warm genossen – und schmeckt auch perfekt aus der Thermosflasche. Zu kaufen gibt’s Pimm’s Winter Cup neuerdings übrigens auch in Deutschland.

Ob mit oder ohne Pimm’s - wo auch immer man sich wiederfindet, sobald der Big Ben (so heisst übrigens nicht der Turm des Parlaments, sondern die darin befindliche Glocke) zwölfmal schlägt findet man sich Arm in Arm mit dem nächstbesten Passanten und singt „Old Lang Syne”. Hierzu kann ich den Damen empfehlen, sich bei Gelegenheit einer alten englischen Neujahrstradition zu widmen: Das sogenannte „first-footing” verlangt, dass ein dunkelhaariger, junger, gesunder und fremder (!) Mann als erster im neuen Jahr das Haus betreten muss. Ob er die dafür erforderlichen Glücksbringer Kohle, Geld, Brot und Salz im Gepäck hat, ist nicht so wichtig. Sieht er gut aus, wird einem dieses kleine Opfer die guten alten Traditionen schon wert sein, isn’t it?

Mein Rezept für Winter Pimm’s

Dazu für alle Daheimgebliebenen ein Fusion-Snack: Maronispieße mit Chorizo

Adressen

Southbank
am südlichen Themseufer zwischen Westminster Bridge und Tate Modern finden sich vor allem in der Royal Festival Hall und Gabriel’s Wharf jede Menge Restaurants und Bars. Vom anderen Flussufer ist zwar die Aussicht besser, es gibt aber kaum sichere Plätze.
U-Bahn: Waterloo, Westminster oder Embankment

Laughing Horse Comedy Clubs
The Liberties Bar
Camden High Street, NW1
sowie Kingston und Richmond
U-Bahn: Camden Town

Comedy Store Piccadilly
1A Oxendon Street
Piccadilly Circus, SW1
U-Bahn: Piccadilly Circus

HMS President 1918
Victoria Embankment, EC4
U-Bahn: Temple oder Blackfriars

City Cruises
Westminster Pier, SW1
U-Bahn: Westminster oder Embankment

Anchor & Hope
36 The Cut
SE1 8LP
Waterloo
020 7928 9898
U-Bahn: Waterloo

Ministry of Sound
103 Gaunt Street
Elephant & Castle, SE1
U-Bahn: Elephant & Castle

Schooldisco
The Forum
9-17 Highgate Road
Kentish Town, NW5
U-Bahn: Kentish Town

Parliament Hill
Hampstead Heath, NW3
U-Bahn: Hampstead, Silverlink: Hampstead Heath

Bombay Bicycle Club
3a Downshire Hill
Hampstead, NW3
U-Bahn: Hampstead

Rosslyn Deli
56 Rosslyn Hill
Hampstead, NW3
U-Bahn: Hampstead

kaltmamsell
Wunderbarer Überblick!

Vielleicht zieht es mich nächstes Silvester doch mal nach London. Bislang kannte ich auf der Insel Silvester nur in Wales - und da gehörte, ungewohnt für mich Deutsche, dazu, möglichst viele Leute zu knutschen. Ich wurde durchaus auch von wildfremden Passanten angesprungen. Wäre ich in London davor gefeit?

Johanna Wagner
ganz ohne umarmung wird's nicht gehen...

den englaendern wird ja gerne eine gewisse steifheit und reserviertheit nachgesagt - ich geniesse immer wieder die unglaubliche freundlichkeit. dass einen wildfremde passanten umarmen (zumal man eh unter so vielen anderen auslaendern ist), kommt in london eher selten vor - in einer gruppe von freunden und deren bekannten und cousins dritten und vierten grades koennte man sich wahrscheinlich nicht wehren ;-) wenn die phobie gar zu gross ist, dann vielleicht ein schild umhaengen ("hug-free zone" oder so aehnlich) oder wie damals blaine in einer glasbox ueber der menschenmenge haengen...

Noch nicht eingeloggt?

Hier könnte dein Kommentar stehen :-)

Anzeige
Anzeige
Login