Mit der Nudeldicken Deern ist gut Nudeln essen

Ein Buch über Übergewicht und Diäten, das kein Diätbuch sein soll – geht denn das? Ich habe es probiert und mir die „Nudeldicke Deern“ geschnappt ...

Mit der Nudeldicken Deern ist gut Nudeln essen
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Kommentare
Bettina Müller

Wir Küchengötter haben mit Diäten nicht wirklich etwas am Hut. Wir genießen lieber. Und schwimmen damit immer ziemlich gegen den Strom. Vor allem natürlich, wenn die Bikini-Saison kurz bevor steht. Umso schöner ist es, auch einmal Gleichgesinnte zu treffen. Auf dem Papier, und in natura.

 

Wer noch nie etwas von Anke Gröner gehört hat, sollte diesen Namen lieber nicht mehr aus dem Gedächtnis streichen. Denn sie könnte in vielen Momenten, wenn vermeintlich mal wieder die Wahl zwischen Sahnesauce und Salat getroffen werden muss, Engelchen und Teufelchen von unseren Schultern scheuchen und uns so manch eine Weisheit ins Ohr flüstern.

 

Und das schreibe ich nun nicht, weil ich unbedingt für dieses Buch werben möchte. Ich selbst bin sehr skeptisch und mit manch einem Vorurteil an das Werk herangegangen. Aber ich wurde eines Besseren belehrt. Anke Gröner schafft es mit ihrem Buch „Nudeldicke Deern“, den heutigen Schlankheitswahn und unser Verhältnis zu Essen mit anderen Augen zu beleuchten. Nämlich mit denen einer Frau, die nicht dem modernen Schlankheitsideal entspricht und jahrelang mit sich und ihrem Übergewicht gehapert hat. Auf charmante Art berichtet sie darin von einem Food-Coaching, mit dem sie – „der Esstrottel“ – erst einmal essen gelernt hat (mit 40!). „Ich habe gelernt, Freude am Essen zu empfinden. Ich habe gelernt, wie einfach ich glücklich zu machen bin, in dem ich etwas Gutes kaufe, ohne viel Firlefanz und 28 Zutaten zubereite und dann: esse. Genieße. In mich reinhorche, was ich gerade alles schmecke und rieche, wie es sich auf der Zunge anfühlt und wie lange ich danach satt bin.“ Anke Gröner bringt genau das auf den Punkt, was so viele von uns aus den Augen verloren haben: Essen sollte ein Genuss sein. Verbote und strenge Regeln haben bei der Nahrungsaufnahme nichts zu suchen (giftige Pflanzen möchte ich an dieser Stelle bitte ausschließen). Dabei gibt sie alles andere als die Jagd auf jedes beliebige Lebensmittel frei. Anke Gröner schreibt über den Sinn und Unsinn von Fertiggerichten, Aromen und den Rest der Palette von Lebensmittel-Zusatzstoffen. Back to the roots – sozusagen. Essen fängt beim Einkauf an. Am besten bei der bewussten Auswahl regionaler und saisonaler Produkte.

 

Ohne Rücksicht auf Verluste (und mit einem liebenswerten Humor) nimmt Anke Gröner Diäten auseinander und rechnet eiskalt mit ihnen ab. „Das Tolle an den Methoden, ums Verrecken irgendwie schlank zu werden: Es gibt immer wieder neue. Seit 2009 wirbt ein amerikanischer Chirurg mit dem Tongue Patche – einem Gewebe, das vorübergehend auf die Zunge implantiert wird und das, Achtung, da muss man erst mal drauf kommen, das Kauen sehr schmerzhaft macht. Super Idee. Auch hier kann man sich nur durch flüssige Nahrung ernähren, und ich leg schon mal das Snickers und den Pürierstab raus.“ Dabei belegt sie übrigens all ihre Aussagen mit Studien und Quellenangaben. Zugegeben, ich stimme nicht in jedem einzelnen Punkt mit ihr überein, an manch einer Stelle mag sie es sich etwas zu leicht machen, doch am Ende des Buches überwiegt mein Nicken.

 

Letzte Woche erlebte ich Anke Gröner dann live bei einer Lesung der „Nudeldicken Deern“ im Hukodi. Sebastian Dickhaut verwöhnte uns mit einem Nudelmenü (bei dem es keine „normalen“ Nudeln gab). Und Anke Gröner las eine Stunde aus ihrem Buch, das alles andere als ein Diätbuch sein soll, und auch keines ist. In meiner Vorstellung hatte ich eine vorlaute, selbstbewusste Frau erwartet, die ihre liebgewonnen Pfunde provozierend zur Schau stellt (mit dieser Formulierung wandere ich gerade auf dünnem Eis – warum sollten Pfunde provozieren?). Tatsächlich erlebte ich dann aber eine recht stille Frau (ich bin mir aber sicher, dass sie auch laut kann), die furchtbar aufgeregt war vor ihrer Lesung, was sie gleich noch ein Stück sympathischer machte. Die Lesung war ein voller Erfolg, das Nudelmenü ein Genuss. Mit interessantem Nachgeschmack. Erwische ich mich aktuell beim unzufriedenen Blick in den Spiegel, denke ich an Anke Gröners Worte zur Körperakzeptanz. Überlege ich, ob ich wirklich zur ganzen Packung Sahne für die Nudelsauce greifen soll, denke ich an Anke Gröners Worte zu Genuss. Klar, immer rein damit, schließlich mag ich es so am liebsten. Und ohne schlechtes Gewissen isst es sich eh am besten.

 

Am Ende will man es dann doch noch einfach wissen: Hat sie abgenommen? Ja, das hat sie. Doch die verlorenen Pfunde sind neben dem gewonnen Genuss ganz schnell zur Nebensache geworden ...

 

 

Anke Gröner hat Anglistik und Geschichte studiert und anschließend als Texterin in diversen Werbeagenturen gearbeitet. Seit 2008 ist sie als freie Texterin tätig und lebt in Hamburg. Sie gehört zu den bekanntesten deutschen Bloggerinnen. Ihr Buch „Nudeldicke Deern“ ist bei Wunderlich (Rowohlt) erschienen.

 

 

 

 

Mit der Nudeldicken Deern ist gut Nudeln essen
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kaltmamsell
Tolle Bilder!

Und eine schöne Besprechung, vielen Dank. Wie traurig, dass es heute bereits eine ungeheure Provokation ist, sein Dicksein als in Ordnung zu bezeichnen. Oder auch nur darauf zu verweisen, dass Dicksein keine Krankheit ist.

Aphrodite
Ich glaube, die Mauer ist schon längst eingerissen.

Karl Lagerfeld ruft Adele hinterher, sie könnte ruhig ein paar Pfunde abnehmen. Ich glaube sie hat das wiederum gar nicht gehört und stört sich nicht an solchen Zwischenrufen. Wenn ich wie Adele wäre, würde ich auch nur noch Kleider tragen, schicke Rollkragen-Pullis und walle-walle Haare. Und dann muss ich mich doch wirklich mal im Blog umschauen, was es denn nun mit dem Buch auf sich hat: Set Fire To The Rain...

Aphrodite
Kochen Frontal.

Ich meinte diesen Blog! Die Rezeptauswahl ist aussergewöhnlich und bunt. f=mit Fleisch. War das jetzt als Warnung zu verstehen?

kaltmamsell
Fleisch

gibt es bei Anke nur sehr ausnahmsweise. Deshalb kennzeichnet sie Rezepte, in denen es vorkommt. Die Frau hat in einer unglaublichen Geschwindigkeit kochen und schmecken gelernt - eine Naturbegabung.

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