NACHGEBLOGGT: esskultur.at

Diesmal stand uns Multitalent Katharina Seiser Rede und Antwort, die sich als Autorin des Blogs esskultur.at und freie Journalistin in beiden Welten zuhause fühlt.

NACHGEBLOGGT: esskultur.at
0
Kommentare
küchengötter Redaktion

GU: Du schreibst esskultur.at seit Mai 2007. Im Gegensatz zu den meisten Foodbloggern bist Du ein echter Profin in beiden Gebieten, sowohl am Herd (Köchin) als auch beim Schreiben (Journalistin). Was bewog Dich, esskultur zu starten und in wie weit unterscheidet sich das Bloggen von Deiner Arbeit als Journalistin?

als kind habe ich angeblich noch während des essens gefragt: "was gibt's heute zu essen?" selbstverständlich meinte ich damit die nächste mahlzeit, meine mutter fand das einfach nur unverschämt. sie hat mich dann - um mein verlangen zu stillen oder aus selbstschutz? - von der mostschenke bis zum haubenrestaurant (die waren damals ganz neu in österreich) in jedes lokal mitgenommen. ich durfte selbst bestellen, was eine beef-tatar-mit-viel-kapern-, zürcher-geschnetzeltes-mit-viel-rösti-, beuschel-mit-viel-säure- oder besoffener-kapuziner-mit-viel-most-phase zur folge hatte. wir sassen immer an ecktischen, damit ich nach dem essen einfach umfallen und schlafen konnte, bis die grossen mit essen, trinken und gscheit reden fertig waren. die meisten meiner erinnerungen sind mit irgendetwas kulinarischem verknüpft. lebensmittel einkaufen, kochen, essen, darüber reden und schreiben war die konsequenz. wobei: dass ich nicht nur ausgebildete journalistin, sondern auch profi am herd bin, stimmt zwar, ich habe sogar die gastgewerbe-konzession. wirklich in einer restaurantküche gekocht habe ich nur ein halbes jahr in salzburg, das war dafür hardcore: ich stand alleine in der küche. wenn ich nicht so gschamig wäre, hätte ich mir auch in wien schon längst wieder einen küchenchef samt restaurant für diese art von "work-out" gesucht.

auf esskultur.at teile ich mit freundinnen & freunden und allen, die mit meinem geschmack etwas anfangen können, meine kulinarischen erfahrungen. der wesentliche unterschied zu meiner arbeit als journalistin ist, dass ich für esskultur.at nichts bezahlt bekomme. im ernst: ich kann hier natürlich themen und zugänge wählen, die ich in printmedien entweder zu spät, zu klein, mit zu wenigen fotos oder gar nicht bringen könnte.

 

GU: Das klingt nach einer perfekten Ausbildung zur Foodbloggerin. Und tatsächlich kann man bei Dir ja von der neuesten Wiener Süßigkeit über des Sternekochs Geheimmittel bis zum polarem Walfett erschöpfend Auskunft und Meinung erhalten. Für wen alles in der Welt schreibst Du denn sonst für Geld?

weil ich auch gerne über tropisches kokosfett (und wie es hergestellt wird), geheimnisse von noch viel mehr köchinnen und köchen auf der ganzen welt (professionelle und private) und japanische süssigkeiten (aber auch sauerkeiten, salzigkeiten, bitterkeiten und umamikeiten) schreiben würde: für derzeit noch viel zu wenig (geld und medien). ich leite seit etwa fünf jahren das kulinarik-ressort der maxima, das ist ein nur in österreich erhältliches frauenmagazin. dort schreibe ich neben vier fixen seiten pro ausgabe regelmässig grosse magazingeschichten und reportagen - nicht ausschliesslich über essen & trinken. vor kurzem ist im grossformatigen freitags-magazin "rondo" des standard, österreichs anspruchsvollster und gleichzeitig liberalster tageszeitung, meine erste reportage (über pannonischen safran, PDF) zusammen mit meinen fotos erschienen.
ich tendiere dazu, meine kulinarischen notizen eher frisch auf esskultur.at zu veröffentlichen, als mich um neue aufträge zu kümmern. das freut die leserinnen und leser meiner website - und mich auch, wenn sie mir das kundtun, aber "ruhm ist kein schinken, den kann man sich nicht aufs brot legen", hat stanislaw lem gesagt. ich will und muss mein potential besser nutzen, das tue ich bisher viel zu wenig.

auf längere sicht möchte ich für magazine wie z. b. geo arbeiten oder irgendwann einmal, wenn ich viel mehr weiss und erlebt habe, kulinarische bücher schreiben. gute geschichten brauchen zeit zur recherche und zum "reifen". absurderweise widerspricht das nicht dem prinzip weblog. ich kann zwar schnell (re)agieren, aber trotzdem auf meinen erfahrungsschatz und mein wissen zurückgreifen.

 

GU: Da Du Dich offensichtlich in beiden Welten wohl und zuhause fühlst, wie beurteilst Du das bisweilen gespannte Verhältnis der klassischen Medien zu Blogs und Bloggern und umgekehrt?

ich sehe das recht entspannt. meiner meinung nach geht's da vor allem um wirtschaftliche gründe: wer zieht die grössten werbefische an land? im deutschsprachigen raum ist das zwar noch kaum ein thema, aber ich bin sicher, es wird eines werden. und natürlich geht es auch um macht. wo kommen wir denn hin, wenn selbsternannte expertinnen und experten plötzlich so tun, als wären sie ernst zu nehmende medien? ich glaube, wir kommen weiter. je mehr informationsquellen und vielfalt, desto besser. klar ist es oft schwierig, die qualität eines blogs zu beurteilen. aber ist es das nicht auch bei artikeln in printmedien oder bei rundfunkbeiträgen? immerhin ist die kontaktaufnahme mit bloggerinnen und bloggern meist einfacher als mit redakteurinnen und redakteuren klassischer medien. diesen grossen vorteil von blogs - vor allem die kommentarfunktion - könnten die leserinnen und leser ruhig noch mehr nützen. damit meine ich nicht die bloggerinnen und blogger selbst, die sind untereinander sehr aktiv. ich meine eher die, die zwar mitlesen, aber sich nicht trauen, nachzufragen oder auch zu widersprechen. dabei sind gerade solche kommentare oft besonders interessant.

 

GU: Da Du ja durchaus größere Presse-Sachen exklusiv für Deinen Blog zu machen scheinst, eine Frage aus unserer eigenen (gemischten) Erfahrung - wie sehr wird der Blog als „Medium” wahrgenommen? Kündigst Du selber an, dass Du darüber in Deinem Blog berichtest, verschickst Du „Belege”? Wie reagieren die Ansprechpartner darauf?

exklusiv stimmt in dem sinne, dass ich manche geschichten zuerst auf esskultur.at bringe. nicht extrem textlastig, vielleicht auch mit mehr persönlicher färbung, als ich sie für ein printmedium formulieren würde. das schliesst aber weitere print-geschichten nicht aus.
ich habe sehr gute erfahrungen mit esskultur.at gemacht, viele sprechen mich schon beim ersten kontakt darauf an, was mich ein wenig verblüfft. durch meinen hintergrund und meine offensichtliche ernsthaftigkeit wird die website (und als solche bezeichne ich esskultur.at lieber, ich gestehe) durchaus - im kleinen rahmen zwar - als medium wahrgenommen. ich glaube aber, das hat auch damit zu tun, dass ich ausgebildete journalistin mit einbindung in eine redaktion bin.
ja, ich kündige an, dass ich wahrscheinlich auf esskultur.at berichten werde (ich behalte mir immer vor, nicht zu berichten, wenn das thema nicht berichtenswert ist) und ja, ich verschicke links meiner beiträge auf esskultur.at als belege und das funktioniert auch sehr gut.

(kurze erklärung zu diesen medien-interna: journalistinnen und journalisten sind mit vielen verlagen, in meinem fall auch lebensmittelunternehmen, tourismusverbänden und agenturen in kontakt. sie werden zu recherchezwecken auf pressereisen eingeladen und bekommen auf anforderung rezensionsexemplare von neu erschienenen büchern zu ihrem themengebiet. wenn sie darüber berichten, ist es üblich, ein "belegexemplar" zu verschicken. online-belege, also der link auf jenen beitrag, in dem das thema oder buch behandelt wurde, sind neu, aber meiner erfahrung nach ebenso akzeptiert und mittlerweile auch nicht mehr unüblich.)

 

GU: Das bringt uns natürlich zu einem weiteren heißen Thema unter Bloggern, wie sieht's mit Werbung auf Blogs aus? Warum hat sich das im englischsprachigen Raum schon lange etabliert, während es bei uns noch jede Menge Vorbehalte gibt?

wenn ich das wüsste. von den werbenden im englischsprachigen raum besteht vermutlich mehr interesse, in blogs präsent zu sein, weil damit eine viel grössere leser/innenschaft angesprochen wird als im deutschsprachigen raum. ich glaube, man sollte sich als bloggerin oder blogger sehr gut aussuchen, mit wem man kooperiert, damit die glaubwürdigkeit nicht darunter leidet. und natürlich ist es auch ein problem, dass bloggerinnen und blogger redaktion und anzeigenabteilung in personalunion sind. wobei auch in klassischen medien die trennung kaum mehr sichtbar ist und das auch gar nicht gewollt wird, weil sich pr-artikel bestens verkaufen. diese art der oft nicht gekennzeichneten werbung ist ein problem und ich kann es nicht leiden, wenn ich an der nase herumgeführt werde. ich gestehe, dass auch ich deshalb vorbehalte gegenüber werbung auf blogs habe. andererseits: die arbeit an esskultur.at kostet wahnsinnig viel zeit. da wäre manchmal bezahlte werbung gar nicht schlecht, um ein wenig entspannter schreiben zu können.

 

GU: Oder Du kochst wieder. Im welchem Lokal in Wien würdest Du dann am liebsten solch einen „Workout” machen? Oder lieber gleich selber eins starten? Was wäre das dann? Und wo?

die frage könnte von mir sein. es sind nämlich vier. in weitere wiener küchen"lehre" würde ich entweder bei einem der "alten hasen" (helmut österreicher, christian petz, christian domschitz oder joachim gradwohl - sie zählen zu den erfahrensten und besten köchen österreichs) oder fast noch lieber bei einer wiener herrschaftsköchin (falls es sowas noch gibt, ich nehme es aber an) gehen wollen. das eigene lokal geistert mir tatsächlich noch immer im kopf herum, ich habe aber über die jahre einen ordentlichen respekt vor guten köchinnen & köchen bekommen. mittelmässige lokale gibt es viel zu viele, von den schlechten reden wir lieber gar nicht. würde ich trotz meiner selbst aufgebauten hürden ein lokal aufmachen und bekochen, gäbe es alles vom oberösterreichischen apfelschlangerl bis zum warmen ziegenkäse mit bitterem honig, aber garantiert keine speisekarte. bei uns im souterrain wäre sogar ein grosses geschäftslokal frei, zum ausprobieren fehlt nur der mäzen oder die mäzenatin. bis ich den oder die gefunden habe, bleibe ich auf jeden fall beim schreiben. die themen dafür gehen mir die nächsten jahre garantiert nicht aus und ausserdem schreibe ich genauso gerne wie ich koche - und esse.

 

Das Interview führten Nicole Stich und Sebastian Dickhaut

Anzeige
Anzeige
Hier könnte dein Kommentar stehen ...
Noch nicht eingeloggt?

Hier könnte dein Kommentar stehen :-)

Login