NACHGEBLOGGT: fressack

Louie Hölzinger pflegt den eigenen Ton in der Szene - geerdet durch ein Dasein als Wirt, der am Samstag gut 40 Blogger in sein Lokal lässt. Wie konnte es so weit kommen?

NACHGEBLOGGT: fressack
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Kommentare
küchengötter Redaktion

GU: Du bist als Koch und Wirt praktisch über Nacht über die Foodblogszene gekommen. Wie konnte das passieren?

Zufälliger konnte mein „Abstürzen” in die Foodbloggerszene gar nicht sein: Ich hatte auf Anraten eines Freundes, der mir bei den ganzen technischen Fragen behilflich war, einen speziellen Blog zu einem begrenzten Projekt gestartet. Als das beendet war, habe ich mich durch „gezappt” und bin auf einen Blog namens "There's a cook in the kitchen" gestoßen. Allein der Name interessierte mich und schon war ich mitten drin. Der Blog von Frau mutant war eine völlig neue Welt für mich und ich begann fleißig die Kommentarfunktion zu nutzen. Diese Art von Interaktivität war mir auf Dauer nicht genug, so habe ich dann meinen eigenen Blog gestartet, wo ich mich nach Herzenslust über mich interessierende Themen lustig machen/verbreiten/auslassen kann. Offenbar habe ich nicht nur einen Nerv getroffen, denn die Traffic-Zahlen (im Schnitt 250 Aufrufe am Tag) zeigen mir, dass er wohl nicht so ganz uninteressant ist.

GU: "Nerv getroffen" kann man mit Sicherheit unterschreiben! Deine erfrischend direkte Art zeichnet Deinen Blog aus, allerdings scheinen manche Leser mitunter auch ein wenig, na sagen wir mal sehr sensitiv auf bestimmte Deiner Themen zu reagieren. Denkst Du, dass die Diskussionskultur im Internet und speziell in Blogs eine andere ist? Welche Vorteile hat sie, was gefällt Dir weniger?

Ich finde, nur Provokation - ob milde oder kernig - ruft Reaktionen hervor. Für mich sind zustimmende Kommentare in der Art „oh, wie lecker, das koche ich auch mal” nicht sehr spannend. Obwohl ich gerne Rezeptblogs lese und mich an solcherart Zustimmung nicht störe. Ich mag lebhafte Diskussionen, gerne auch polemischer Art. Das ist erfrischend und erweitert den Horizont. Eine Grenze ist da erreicht, wo persönlich beleidigt oder gar gedroht wird. Das war bei meinen Veganerdebatten leider der Fall. Hier wurden mir Hassmails mit falschen Absenderadressen geschickt. Ein positives Gegenbeispiel ist der Besuch von katholischen Geniessern (thomassein.blogspot.com und intelligam.blogspot.com), die durch meinen Erguss zum Fasten auf mich aufmerksam wurden und einen wunderbaren Abend bei/mit mir verbracht haben. Wir hatten lustige Gespräche und eine Menge Spass.

An der blogspezifischen Art der Kommunikation schätze ich die Direktheit, die Schnelligkeit und die Möglichkeit zur Verbreitung von Gedanken und Ideen. Da ist das persönliche Gespräch deutlich im Nachteil. Was mir weniger gefällt, ist, dass auch im Netz allgegenwärtige Geschwätz. Aber das kann man filtern.

GU: Nicht umsonst hast Du ja auch eine „Müllroll” auf Deiner Seite. Aber trotzdem scheinst Du das persönliche Gespräch weiter zu schätzen und organisierst dieses Wochenende ein Foodblogger-Treffen bei Dir im Golden Engel. Warum?

So schnell das Blog-Netz auch sein kann - manchmal nimmt Kommentieren sogar Chatcharakter an - so fehlt es doch an der Möglichkeit, Nuancen zu zeigen. Ironie oder Zynismus kommen manchmal nicht an und führt zu Missverständnissen. Das ist der technische Aspekt. Der wichtigere ist wohl, dass man mit manchen Bloggerkollegen schon so eine Art Beziehung aufbaut, in der durchaus intime Dinge ausgetauscht werden oder zu erfahren sind. Da ist es nur logisch, wenn man diese Nasen doch mal persönlich kennenlernen will. Gerade die weiblichen Bloggerkollegen machen neugierig. Mich jedefalls. Wenn sich das ganze dann noch potenziert, indem Leute zusammentreffen, die nur kleine Schnittmengen bilden - spannend. Ich freue mich jedenfalls auf unser Treffen und bin gespannt, welche Weiterungen das hat.

GU: Das Thema Essen wird natürlich eine wichtige Rolle spielen bei diesem Treffen. Schildere uns doch mal Deinen (fast) perfekten Tag, wenn es ums Kochen & Essen geht. Traditionelle Gerichte mit Erinnerung, ein ausgedehntes Frühstück mit xy, eine Currywurst bei zz - je mehr Details, desto besser.

Also, mein perfekter Tag begänne mit dem Anblick der/einer Herzdame. Da ich kein Frühstücker bin, könnte das Frühstück entsprechend kalorienarm gestaltet werden. Eventuell mit einem Gläschen Schaumwein bestimmter Anbaugebiete (in Frankreich). Wenn's denn sein muss, nimmt man doch eine Kleinigkeit, um nicht mit knurrendem Magen losfahren zu müssen auf der Suche nach einer Lokalität, einfach, rustikal, vielleicht ein Landgasthof im Odenwald oder Spessart oder Bayrischen Wald oder Schwarzwald... Wo man dann landestypische  Spezialitäten aus der bäuerlichen Küche einnimmt und dazu entsprechende  Getränke konsumiert. Das funktioniert übrigens auch, wenn man alleine unterwegs ist.

Nach längerem Aufenthalt im Freien, der der Verdauung gewidmet ist, könnte zielstrebig eine weitere Lokalität angesteuert werden, wo in vielleicht etwas gehobenerem Rahmen das Nachtmahl stattfindet, begleitet von passenden Flüssigkeiten. Leider ist dieser Tagesablauf unmöglich an sieben Tagen der Woche zu praktizieren, es muss also eine Alltagslösung her. Die fällt frugaler aus, hat aber den gleichen Kern: Ich freue mich immer auf die nächste Mahlzeit, und sei es auch nur eine am Tag. Ob das ein Essen im eigenen Lokal oder bei Kollegen ist, ist egal. Ich weiss schon, auf was ich mir Appetit mache. Sei es die Currywurst bei Best-Worscht-In-Town, die Pizza bei Carlo gegenüber, Thaispazialitäten die Strasse runter oder die wenigen guten Äppelwoilokale, wo ich hingehe, wenn ich frei habe. Gut muss es sein. Dann bin ich da.

GU: Aha, Du bist ein Champagnerfrühstücker - da sind wir ja beruhigt von wegen Äppler am Morgen. Und wie die meisten Köche scheinst Du am freien Tag lieber Essen zu gehen als Essen zu machen. Wie bist Du eigentlich Koch geworden? Und warum jetzt Wirt?

Koch bin ich eigentlich nicht, habe zumindest keine klassische Ausbildung; gelernt habe ich das durch Hin- und Zusehen bei meinen prominenten (Sterne-)Kunden, als ich noch feinstes Frischgeflügel aus Frankreich im Grosshandel verkauft habe. Da sind ein paar von den heutigen TV-Kollegen dabei. Momentan bin ich eher in der Phase der Zurückhaltung. Nachdem ich zwischen meinen Lokalen als Mietkoch unterwegs war, widme ich mich jetzt eher meiner "Beruf"-ung: Wirt. Da bin ich auf einer Mission. Qualität fordern, verwenden, propagieren und verkaufen sind meine Hauptanliegen. Dazu kommt noch der Aspekt der Kommunikation: Ich bin halt en Babbler. Wenn das dann von den Gästen mit guter Stimmung, geputzten Tellern und dem Wiederkommen belohnt wird, habe ich offensichtlich etwas richtig gemacht. Das Essengehen an freien Tagen kommt auch einfach aus Faulheit; sich einmal bedienen lassen, kann sehr schön sein.

GU: Da greifen wir gerne das Stichwort TV-Köche auf. Deine Kochshow-Kritiken um Schuhbeck & Co. sind bei Deinen Lesern sehr beliebt, technisch fehlerhafte Erklärungen werden von Dir gnadenlos entlarvt - Stichwort "Poren schließen". Auf welchen Fernsehkoch (oder Fernsehköchin) möchtest Du am wenigsten verzichten (warum?) und welche Kochsendung brauchen wir unbedingt noch?

Verzichten möchte ich auf keinen Fall auf Johann Lafer, weil ich den als einen der seriösesten und besten Köche - auch persönlich - kennengelernt habe. Einfach en gude Kerl. Dann Hotte Lichter, den Meister des Understatements und der Messerspitze Butter, die putzige Sarah Wiener, wegen ihrer Grübchen und weil sie sonst keiner mag, Schuhbeck als Quell stoiberesker Schwurbelei und natürlich Clemes Wilmenrod, der Urvater der TV-Köche. Es fehlt noch neben den vielen unsäglichen gleichen Küchenschlachten, Kochduellen und D-Promi-Dinners mal was frisches, witziges. Mälzer hatte da einen guten Ansatz, genial ist Silent Cooking, es fehlt "Kochen für Untenrum", ein bisschen anzüglich, verrückt, witzig  und/oder schweinisch. Ich biete mich an

So, so, aber jetzt muss der Meister in die Küche, um alles fürs Foodbloggertreffen vorzubereiten. Den zweiten Teil des Interviews findet man hier. Wer wissen will, wo und wann man bei ihm einkehren kann:

 

Goldener Engel

Frankfurt Bergen-Enkheim, Marktstraße 60, Tel. 06109 377807

Jeden Tag ab 16.30 Uhr Sonntags schon mittags

Mehr dazu im Web

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Flo
Ein Wirt wie er leibt und lebt

So langsam wird der Blog interessanter. Der "Ich bin halt ein Babbler"-Babbler ist doch mal n Typ! Storys voller Frankfurter Sooß können so erfrischend und interessant sein, so lange ihre Erzähler so auf dem Boden bleiben...und nicht früher oder später Kir Royal trinken.

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