Petersham Nurseries

Buckingham Palace, Tower Bridge, Gartenbauzentrum? Nicht unbedingt die Liste der Top-Sehenswürdigkeiten in London… zu unrecht, findet unsere Gastbloggerin Johanna Wagner.

Petersham Nurseries
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Kommentare
Johanna Wagner

Zugegebenermassen liegen Welten zwischen einem herkömmlichen OBI oder TOOM und der verzauberten Welt, die sich einem in Petersham Nurseries auftut.

 

Petersham im Londoner Stadtteil Richmond liegt nicht unbedingt an abgetrampelten Touristenpfaden – die umliegenden Attraktionen (Kew Gardens, Hampton Court Palace und der für sein zutrauliches Damwild bekannte Richmond Park) gehören wohl eher zum London für Fortgeschrittene. Trotzdem, oder wohl gerade deshalb, ist Richmond sehr beliebt bei jungen Familien, die die idyllische Lage an der Themse und die schnelle Verbindung zur Innenstadt zu schätzen wissen. Petersham selbst ist nochmal eine ganz andere Welt – auf den paar hundert Metern zwischen dem Fluss und dem Park geben sich die Superreichen ein Stell-Dich-Ein… nicht ungewöhnlich, dass hier auch in Zeiten der Wirtschaftskrise gewisse (Einfamilien!-) Häuser um an die 30 Mio Euro den Besitzer wechseln. Dafür suhlt man sich dann auch in der Gegenwart von Kylie Minogue, den Jaggers und anderen Celebrities.

 

Eine nicht ganz unvertraute Gesellschaft für Skye Gyngell, einer quirligen, attraktiven Australierin, die während ihrer Gesellenzeit in Frankreich und England unter illustren Köchen wie Peter Gordon, Anton Mosimann und Fergus Henderson ihr Handwerk erlernt und danach als Privatköchin für allerhand Prominente gearbeitet hat, wie z.B. Modefotograf Mario Testino, Madonna &  Guy Ritchie, oder etwa Charles Saatchi und eine gewisse Nigella Lawson, von der böse Zungen behaupten, dass sie sich ihre Rezepte von jemand anders schreiben lässt… jawohl, eben der Skye Gyngell, die da eines schönen Tages einen holprigen Feldweg entlangstolperte und plötzlich vor viktorianischen Glashäusern stand. Der Rest ist – wie’s so schön heisst - Geschichte.

 

Liebe auf den ersten Blick soll es gewesen sein – und bekanntlich macht ja Liebe blind. Wie sonst käme man auf die wahnwitzige Idee, sich inmitten einer Gärtnerei einen einfachen Holzverschlag aufzustellen und von dort aus jeden Mittag an die 50 Gedecke zu servieren? Und wer hätte gedacht, dass sich die paar wackeligen Gartenmöbel in einem Glashaus bald zur Top-Gourmet-Adresse entwickeln würden und man nun für einen Tisch am Wochenende peinlich genau einen Monat vorher anrufen muss, um noch eine Reservierung zu ergattern?

Trotz der Popularität ist die Atmosphäre angenehm entspannt - vorbei an exklusivsten Accessoires für Haus und Garten (wenn Prada Gummistiefel machen würde, hier fänden sie einen Abnehmer!) bummelt man in den hinteren Teil des Gewächshauses, wo massive, teils antike Gartenmöbel auf blankem Erdboden stehend als Gastzimmer dienen und marrokanische Wandteppiche und aus dunklem Holz geschnitzte Paravents den Gast in eine andere Welt transportieren.

 

Skye Gyngell ist bekannt als absolute Perfektionistin, trotz ihrer relaxten australischen Art. In dem Set-up der Gärtnerei kann sie nun sogar die Zutaten für ihre stark saisonorientierte Küche kontrollieren: was auf die Teller kommt ist so weit wie möglich aus eigenem Anbau, besonders Gemüse, Salat und Kräuter. Klarerweise alles voll biologisch und frisch geerntet, möglichst unverfälscht auf den Tisch gebracht… und das schmeckt man dann auch. Die jeweils vier Gerichte, die als Vor-, Haupt- und Nachspeise zur Auswahl stehen, präsentieren sich ganz ohne Schnörkel und Rüschen – das Essen glänzt durch wunderbare Einfachheit und Bombengeschmack: eine Mezzeplatte der besonderen Art mit Rote-Rüben Hummus, Paprika-Tomatencreme, Kichererbsen und gegrilltem Gemüse, Krabbensalat asiatisch mit Nam Jim und frischer Kresse, hauseigene Löwenzahnblätter mit eingelegten Walnüssen, Rotweinbirnen und Roquefort. Danach zerfällt langsam gegartes Lamm unter der Gabel auf cremigen Butterbohnen mit Bärlauch, Seeteufel und Muscheln päsentieren sich als sommerlicher Eintopf mit Saffran, Rosmarin und geriebenen Mandeln, serviert mit dickem, getoastetem Weissbrot und fast dunkelgelbem Aioli, Carpaccio vom Wolfsbarsch kommt beträufelt mit hochwertigem Olivenöl, Limettensaft und rotem Chilli – ja, so soll der Sommer schmecken!

 

Die Desserts sind lässig auf die etwas verwitterte Tafel gekreidet: zum Beispiel eine Scheibe toskanischer Pecorino mit frischen Saubohnen aus dem Garten, hausgemachtes Rhabarbersorbet mit Verjus oder wie wär’s mit einem ordentlichen Löffel voll Mousse au Chocolat direkt aus der Schüssel auf den Teller gekleckst, mit hausgemachtem Fleur-de-Sel Karamell und ein wenig clotted cream? Wer kann da widerstehen? Das einzige, was mir abgeht, ist ein anständiger Espresso – statt Kaffee aus der Kanne drinke ich dann doch lieber frischen Minztee… ist ja auch besser für die Verdauuung, oder?

 

Ausgefallene Locations gibt’s ja noch und nöcher: wer will, bucht Dinner am Strand, in einer gotischen Kirche, im Hochgebirge oder im Iglu… aber kaum wo fühlt man sich so wohl wie in der Idylle der Petersham Nurseries. Und das Konzept des Eigenanbaus ist eindeutig ein Erfolgsrezept – und Beweis, dass man sich auch ohne Riesenküche und anderen Firlefanz ganz nach oben kochen kann. Wenn nur alle Heimwerker so talentiert wären wie Skye Gyngell!

 

Petersham Nurseries
Church Lane
Petersham, Richmond
Surrey
TW10 7AG
Tel: 020 8605 3627
Email: cafe@petershamnurseries.com

URL: http://www.petershamnurseries.com

U-Bahn/Zug: Richmond (District Line), dann Bus 65 or 371
Nur zu Mittag geöffnet. Montag Ruhetag.
Öffnungszeiten variieren nach Saison, also am besten vorher anrufen!

 

 

 

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katha
schon schön

das klingt ja nach ich-muss-bald-einen-flug-buchen!

habe vor kurzem von dem kochbuch gelesen und jetzt das. sehr verlockend! danke für die detaillierte und persönliche beschreibung!

Cacao
Witzige Idee für eine Nobelküche

Eins ist sicher: Wenn ich mal wieder nach London komm, dann werd ich mir das mal anschauen! Oder sogar probieren? Wer für Madonna privatkocht, muss sein Handwerk ja ganz gut beherrschen...

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