Wie ich dann doch einmal Vatertag feierte

Mit ungarischen Kognaktrinkern im Kranzler, Supermännern auf der Straße und einem Technomasseur an der Spree zu Helene Fischer auf Elektro. Aber anders als ihr denkt.

Wie ich dann doch einmal Vatertag feierte
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Sebastian Dickhaut

Hey, ich kann Euch das alles erklären. Gebt mir nur ein paar Minuten. Also, Vatertag ist mir eigentlich völlig fremd. So wie Muttertag. "Komm bloß nicht auf die Idee, mir was zu basteln oder zu singen", hat meine Mutter da immer gesagt, die sich stets zuerst als Frau sah. Und weil ich so früh ins Staubsaugen, Wäschewaschen und Essenkochen eingewiesen wurde, war "Mutti hat heute frei" auch keine echte Option.

 

Mein Vater war so jemand, der zu meinem Geburtstag meiner Mutter einen Strauß Rosen schenkte. (Ja, ich bekam auch was, Geburtstage feierten wir gerne.) Vatertag ignorierte er noch nicht einmal. Und dass die Merkwürdigsten unter meinen hessischen Oberstufenkameraden jedesmal an Himmelfahrt zum "Vaddertach!" am Grillplatz die Besinnung verloren, obwohl sie doch nur Söhne waren, brachte mir das Ganze dann noch ferner.

 

Bis ich letztes Jahr zur re:publica nach Berlin fuhr. Danach war gleich Himmelfahrt, also blieb ich noch in der leeren Wohnung von einem Schulfreund (keiner der Merwürdigen) ums Eck von Gedächtniskirche und Cafe Kranzler, das ich am Morgen auf Frühstückssuche im Nieselregen entdeckte und dachte, "Da muss man auch mal gewesen sein", und dann "Du warst es noch nicht", und schon saß ich oben auf der Galerie bei Kännchen und Brötchen, während neben mir eine ungarische Familie bereits bei Kognak und Kaffee war.

 

"Na Ihr seid ja super!" Und schon flog ich.

 

Als ich unten aus dem Aufzug wieder ins Grau treten wollte, begann es von links heftig blaurotgelb zu hupen. Und plötzlich standen vier fröhliche Supermänner neben mir, und ich konnte nur noch laut "Na, ihr seid ja super!" lachen. Das fanden sie auch und deswegen sollte ich gleich mal ein Foto von ihnen machen. Und das fand ich so prima, dass wir gleich zwei vorbeikommende Berlinerinnen baten, doch mal von uns allen ein Foto zu machen und dann... siehe oben.

 

Na ja, das wars dann auch schon. Nachdem die Jungs mich wieder auf den Boden gestellt hatten und die Berlinerinnen weg waren, zogen sie weiter und hinter sich einen Leiterwagen her mit Flaschen drin an denen Schläuche waren und ich dachte noch "Gut, dass ich die noch heut morgen getroffen hab", und "Das ist doch mal ein lustiger Junggesellenabschied, wenn auch bisschen früh am Tag". Dann lieh ich mir beim Vietnamesen unterm Fernsehturm ein Rad und fuhr ins inzwischen Blaue, Hauptsache irgendwo mit Spree.

 

Robert Redford setzte sich zu mir und sagte: "Vatertag. Was will man machen?" 

 

Vor vielen Jahren ging mein Vater mal mit meiner Mutter in Wien spazieren. Irgendwann sagte er "Dieser Döner hat aber wirklich viele Lokale." Und so wunderte sich nun sein Sohn auf seinem Weg durch Berlin, wie viele Junggesellenabschiede an Himmelfahrt hier gefeiert werden und wie groß, auf Brücken, in Brachen, überall merkwürdig verkleidete Männer mit viel Bier und Schnaps.

 

Irgendwann saß ich dann in einem Secondhand-Bademantel auf einem Baumstamm an der Spree, hinter mir die Bauwagensauna eines Open-Air-Technoclubs, vor mir ein altes Kanonenboot voller Männer, die halbnackt zu Helene Fischer auf Elektro tanzten und Aufblasbananen schwenkten. Als sie zum dritten Mal kreuzten, setzte sich Robert Redford zu mir.und sagte: "Vatertag. Was will man machen?"

 

Ok, es war nicht Robert Redford, sondern der Technomasseur, und obwohl er jünger als ich war, sah er eher aus wie der heutige Robert Redford, also ein in Schönheit und Würde gegerbter Mann, der schon alles gesehen hatte - was kein Wunder ist, wenn man tagsüber das Servicepersonal eines Openairclubs durchknetet und nachts mit ihnen tanzt. Und so hatte er hier schon viele Vatertage erlebt und ich wusste jetzt endlich auch, was los war.

 

Er hat dann noch was geraucht und ich hab was getrunken, und weil an dem Tag keiner mehr kam außer mir, sind wir einfach sitzen geblieben bis nach Sonnenuntragang, ab und zu nochmal ein Saunagang, und haben dem Vatertag zugeschaut. "Hast Du Kinder?" hab ich irgendwann gefragt, und er hat "Weiß ich nicht" gesagt. Ich hab zwei. Jungs. Der Älteste ist 18 und grad in Berlin. Auf Klassenfahrt. Mehr will ich heute gar nicht wissen.

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