Alles bio ODER Wo sind die Lohas?

Australisches Olivenöl und serbische Kürbiskernbutter, Gerard Depardieu und Rudolf Steiner, Müslis und Lohas - Küchengötter-TV auf Entdeckungsreise bei der Biofach 2008.

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Sebastian Dickhaut

Es gab mal eine Zeit, da war alles bio - weil es „bio” noch nicht gab. Für manche endete diese Zeit mit der Vertreibung aus dem Paradies, für andere mit dem Beginn von Ackerbau und Viehzucht, für viele mit der Eröffnung des ersten Reformhauses in der nahen Kleinstadt: Plötzlich gab es gute oder böse Lebensmittel, kontrolliert ökologisch oder konventionell hergestellt. Es folgten Jahrzehnte voller Feldversuche und Grabenkämpfe, in denen die Öko-Überzeugung sich mehr und mehr von der politischen zur Privatsache wandelte. Die Graswurzelrevolution wurde Angelegenheit der Verbraucherministerin, Subventionen kamen, die EU vergab ein Bio-Siegel, Subventionen verschwanden.

Wer die alljährliche Biofach in Nürnberg besucht, nimmt gleich selbst an einer Öko-Erfolgsgeschichte teil – rund 2500 Aussteller und 45 000 Besucher aus mehr als 100 Ländern zählte man dort 2007, nimmt man noch die Biofach-Töchter in Shanghai, Tokio, Sao Paulo und Boston dazu, verdoppelt sich die Zahl. Und schaut man sich in Nürnberg um, sieht es langsam so aus, also ob wieder alles bio wird – weil bio alles ist:

Bio ist schick – weil inzwischen auch Hollywood gegen den Kimawandel ist. Und so entdeckt das traditionelle Bio-Land Nr. 1 (ja genau, Deutschland), dass Öko-Produkte so bunt und gewitzt sein dürfen wie die bayrischen Gewürzmischungen von Herbaria oder die schnittig verpackten Nussprodukte von Daily Delicious (nicht verwandt mit Nickys Blog).

Bio ist global – weil das für viele Länder eine Chance ist, jenseits von Preistreiberei Erfolg mit Landwirtschaft zu haben. Manche dieser Länder sind dabei noch recht nahe an Phase 1 von „Alles ist bio” (siehe oben), andere wie Indien oder Brasilien steigen im großen Stil ein, auch wenn sie wie China weit weg von Phase 1 sind. Ob wir wirklich Bio-Früchtetee aus Fernost brauchen, haben wir hier schon mal diskutiert. Auf dem Marktplatz in Nürnberg wirkt diese bunte internationale Mischung jedenfalls extrem belebend und inspirierend.

Bio ist normal – weil einer der größten Stände der Messe von der CMA kommt oder der Platzhirsch für Kino-Popcorn eine Bio-Linie einführt. Nicht wenige finden, dass solche konventionelle Hersteller nichts auf der Biofach zu suchen haben, und manchmal wirken sie mit ihren klassischen Marketingmethoden auch wirklich verloren dort – so wie das Model von Rotkäppchen mit der roten Pappmelone. Aber auch das macht die Messe bunter.

Bio ist ein Geschäft – weil die Basic-Supermärkte boomen, weil Bionade „die” Erfolgsgeschichte in der Lebensmittelbranche ist (deren Model: nahezu oben ohne, abgesehen vom aufgemalten Schriftzug der Marke), weil die Weltproduktion nicht mehr nach kommt mit dem Liefern von Bio-Grundzutaten. Hier hoffen wir einfach mal, dass die deswegen steigenden Preise auch den Ursprungsländern und nicht nur den Zwischenhändlern nutzen.

Bio ist aber vor allem immer noch eine Herzenssache – wobei die einen da vor allem ihr Herz für die Umwelt pflegen, die meisten dagegen inzwischen an ihren eigenen Körper und die ihrer Kinder denken. So war es auch bei mir, als ich bei der Geburt unseres ersten Kindes 1995 Bio-Produkte zum ersten Mal ernst nahm und dann entdeckte, dass zum Beispiel Wurzelgemüse oder Fleisch mit Öko-Siegel wirklich besser im Topf und auf dem Teller war. In Australien trieb uns dann die Gier nach gutem Brot in die Bioläden, zurück in Deutschland mein Faible für Japan – dank der dort entwickelten Makrobiotik bekommt man bei uns Miso-Paste, Wakame-Algen und gute Sojasauce bei Ökofrau und –mann.

Vom Thermoskannentee zum Grand Cru Riesling

Über eins dieser Produkte kam ich dann auch zur Biofach und fahre nun jedes Jahr hin, schon wegen der Mischung: Da kann man zwischen einem Fichtenholzstand voller Ficus-Bäumchen mit Thermoskannentee zum Probieren (ich kostete „Aufatmen”) und einem Pharmastudio (tatsächlich gab es dort Lebensquellwasser in Designerflaschen) hindurch laufen und erst dem Yello-Sänger Dieter Meier begegnen (der als Bio-Winzer hier einen eigenen Stand hat) und sodann Gerard Depardieu (der den Bio-Weinpreis verlieh). Dann bleibt man bei einem elsässisch-biodynamischen Grand-Cru-Riesling nach Rudolf Steiner hängen, bevor es zum Essen geht: äthiopischer Honig, australisches Olivenöl, ghanaische Ananas, französisches Gourmet-Fastfood, serbische Kürbiskernbutter, Mikrowellen-Popcorn und TK-Beefsticks aus Deutschland, japanische Sojasauce mit Yuzu-Saft und noch viel mehr. Alles zu sehen in unserer kleinen Reportage oben. Und wo sind jetzt die Lohas? Hört und seht selbst.

Alles bio ODER Wo sind die Lohas?
Flo
Bitte mehr Lohas !

Also Sebastian, Du bist wirklich witzig mit Deinen Beiträgen! Und man könnte denken, Eure Interviewpartner sind extra gecastet;)

Sally
Guter Einblick in die Biofach

Ich war ein bisschen traurig, da ich selbst aus zeitlichen Gründen nicht zur Biofach konnte - doch dank dieses tollen Videos habe ich dennoch so einiges auf sehr nette Art vorgestellt bekommen. Vielen Dank dafür!

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