Der britische Sommer

Wer glaubt, in England regne es ständig, der irrt: fast nirgends gibt es so eine große Outdoor-Tradition wie hier – ein üppiges Picknick darf auf keinen Fall fehlen!

Der britische Sommer
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Johanna Wagner

March 21st. Das wohl am dringlichsten erwartete Kalenderblatt. Mit Frühlingsbeginn packen die Briten traditionellerweise nicht nur den Mantel, sondern generell alles Langärmelige auf den Speicher, denn hier kleidet man sich, wie ich immer wieder feststelle, nicht nach dem Wetter, sondern nach dem Kalender. Wer dachte, daß es in London immer regnet, muß eines Besseren belehrt werden: einmal ganz abgesehen von der heurigen Hitzewelle rund um Wimbledon zeichnet sich das Klima in der britischen Hauptstadt vor allem dadurch aus, daß man jeden Tag Sonnenschein genießen kann – zumindest für ein paar Stunden.

Und so verlagert sich das Leben im Frühling und Sommer zunehmend weg vom Kaminfeuer und raus in die Natur, aber nicht unbedingt um sportlich aktiv zu werden, Gott behüte! Landaus-, landein finden diverse Events für Schaulustige in den großzügigen Parkanlagen statt, für die England so berühmt ist. Manche dieser Veranstaltungen haben eine fast 300 Jahre alte Tradition und stehen seitdem unter der Schirmherrschaft des Königshauses. Sie sind so durch und durch britisch wie der vom Aussterben bedrohte Gentleman mit Schirm und Melone und haben alle ihre strengen Kleidungs- und Verhaltensvorschriften: die Herren im Smoking oder mit Blazer ihres Klubs, die Damen mit Kleidern bis mindestens unters Knie und mit Hüten, die bekannterweise extravagant ausfallen. Dazu gibt’s noch strikte Regeln, wann aufgestanden, gesprochen und gehustet werden darf oder bei wieviel Grad der Herr das Jackett ablegen kann... wer dachte, das weltweit belächelte Anstellen für den Bus sei überreglementiert, kommt hier nicht mehr aus dem Staunen heraus!

Wenn man auch nur irgendwie glaubt, zur britischen Aristokratie oder “High Society” zu gehören, darf man natürlich weder beim Tennis in Wimbledon, den Pferderennen in Ascot, beim Polo in Ham oder der königlichen Regatta in Henley Upon Thames fehlen, ganz egal, wie weit unten man auf der Leiter der britischen Thronfolge steht. Als Normalsterblicher braucht man nur genügend Vitamin B (sprich: Beziehungen), um sich für einen Tag im Schein dieser illustren Gesellschaft zu sonnen: mit dem Parkplatz mietet man sich ein paar mickrige Quadratmeter Grasfläche für seinen Campingtisch, im Kofferraum des Range Rovers, Jaguars oder Picnic Rolls Royce steht der stilvolle Picknickkorb mit Kristallgläsern und Silberbesteck. Dann genießt man allerhand Leckereien von Harrod’s oder schlürft Austern an der Champagner-Bar… oder aber man engagiert sich ein privates Cateringunternehmen (ich hatte heuer zum ersten Mal die Ehre eines solchen Auftrags für Ascot, aber das ist eine andere Geschichte).

Das gemeine Fußvolk (sprich: unsereins) kann diese Events dennoch mit Stil genießen – die steifen Regeln läßt man außerhalb der “Royal Enclosures” beiseite, selbst Smoking und Hut sind optional. Auf keinen Fall verzichtet man aber auf das leckere, selbstgemachte Picknick (wie etwa mein fast schon legendärer Quinoa, Shrimp und Avocado Salat) oder den traditionellen Pimms, das absolute britische Sommergetränk mit Gurken, Erdbeeren, Orangen und Minze – allerdings kostet der selbstgemacht gerade mal £5 pro Krug, wohingegen man in den Enclosures dafür locker das Sechsfache hinblättert!

Neben den großen Pop & Rock Festivals (Isle of Wight, Glastonbury, etc) – für diejenigen unter den Küchengöttern, denen nach einem Campingwochenende im Schlamm zumute ist – oder Hard Rock Calling im Londoner Hyde Park gibt es auch das einzigartige Opern-Festival von Glyndebourne im Süden Englands. Fast noch beliebter sind die zahlreichen Picknick-Konzerte wie zum Beispiel im Londoner Kenwood House, den Botanischen Gärten in Kew oder Hampton Court Palace. Hier handelt es sich hier um Darbietungen von familiengerechten Gruppen wie Simply Red, Belinda Carlisle, Gypsy Kings oder auch klassischer Musik (z.B. mit Jose Carreras), die in den Gärten schön restaurierter Herrenhäuser stattfinden. Meist gibt es keine Platzkarten, man breitet seine Decke auf, wo gerade Platz ist, oder mietet einen Liegestuhl, und genießt bei einem Picknick und ausreichend Champagner oder Pimms die Musik und das anschließende, obligatorische Feuerwerk.

Wer Lust hat, den britischen Sommer einmal auf diese typisch englische Art zu genießen, dem seien folgende Tipps ans Herz gelegt: die Supermärkte (hier sind vor allem Waitrose/John Lewis Food Halls und Marks& Spencer empfohlen) bieten eine gute Auswahl an passend verpackten Feinkostwaren an – von Salaten, Oliven und Dips über Antipasti-Platten, Quiches und Desserts. Wem das nicht exotisch genug ist, der stockt bei einem der zahlreichen Libanesen mit Hummus, Baba Ghanouj, Kibbeh, Taboulé und Fladenbrot auf, diese Restaurants sind nämlich Laufkundschaft gewöhnt und dementsprechend dafür ausgerüstet. Empfehlenswert sind hier Noura (50m vom Hyde Park) und das neue Comptoir Libanais (Hyde Park oder Regents Park). Rosslyn Deli in Hampstead bieten auch komplett ausgestattete Picknick-Körbe an, die nach Hause oder ins Hotel geliefert werden können.
Auf keinen Fall aber darf auf die bodenseits wasserfest beschichtete Picknickdecke verzichtet werden… denn sollte es wider erwarten doch zu regnen beginnen, wird sie kurzerhand zur Regenplane umfunktioniert!

Waitrose/John Lewis Food Halls
Oxford Street
London W1A 1EX
U-Bahn: Oxford Circus

Marks & Spencer
(verschiedenste Filialen, immer auch auf Bahnhöfen)
173 Oxford Street, London, W1D 2JR
107 - 115 Long Acre, London, WC2 E9NT
U-Bahn: Oxford Circus bzw Covent Garden

Noura
12 William Street
London, SW1X 9HL
U-Bahn: Knightsbridge

Comptoir Libanais
65 Wigmore Street
London W1U 1PZ
U-Bahn: Oxford Circus

The Rosslyn Delicatessen
56 Rosslyn Hill
London, NW3 1ND
U-Bahn: Hampstead

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