ICH KOSTE ... Fallobst

Was einem beim Äpfelsammeln im Klostergarten alles so passieren kann ... Na ja, eigentlich gar nichts. Aber vielleicht ist's das grad? Herbstgedanken zur Weiterverwendung

ICH KOSTE ... Fallobst
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Sebastian Dickhaut

Als das Oktoberfest zum ersten Mal in die Vollen ging, habe ich damit begonnen, in einem Klostergarten Fallobst aufzusammeln. Im Jahr zuvor hatten sie dort kaum etwas in den Bäumen hängen, weil Waschbären, gelbe Marienkäfer und andere Ungereimtheiten in der dortigen Natur sich schon vor der Ernte ihren Teil geholt hatten - und zwar den allergrößten.


So gingen in diesem Jahr die Apfel-, Birnen-, Pfirsich- und Zwetschgenbäume extrem ausgeruht und kraftvoll in den Jahrhundertsommer. Und als ich Ende September im Kloster eintraf, standen überall lange Leitern zwischen den Zweigen, deren stärkste von Holzpfosten gestützt werden mussten, sonst wären sie unter der Last ihrer Früchte abgebrochen. Wer einmal unter ordentlichem Luftholen und Muskelspannen so eine Kiste voller von nur einem Ast geernteter Äpfel hochgehoben hat, kann nur staunen, was so ein Baum alles schafft.


Ich musste nicht so viel schaffen - meine Aufgabe war, die Äpfel aufzuheben, die schon vom Baum gefallen waren, bevor sie geerntet werden konnten. Was dann doch mehr waren als gedacht, den etwa zwanzig schwer tragenden Gewächsen standen nur ein Handvoll Menschen gegenüber, von denen alle noch zu kochen, zu schreiben, zu beten, zu organisieren, gastzugeben hatten, und was sonst noch alles so im Kloster zu tun ist.


Der Gärtner aber musste langsam alles winterfest machen und die Wiese ein letztes Mal mähen, was aber erst nach der Fallobsternte ging, denn in einem guten Kloster hat man auch für die geringsten Gefallenen Herz und Verwendung. “Die kleinen und angestoßenen werden zu Most”, hatte man mir am ersten Morgen mit auf den Weg gegeben, “die faulen kommen auf den Kompost und der Rest ist für die Kammer” - ein Gewölbe unter den mehrhundertjährigen Mauern, das ganz von selbst ein perfektes Apfellagerklima besitzt und genau am Schnittpunkt der Wege zwischen Klausur, Kapelle und Küche liegt. Wahrscheinlich werde ich jetzt immer ganz andächtig werden, wenn ich den Duft von frischen Oktoberäpfeln rieche.


Am ersten Morgen also sammelte ich die Früchte einfach auf und verteilte sie auf die Körbe, die im Garten immer wieder mal im hohen Gras standen. Es ist schon erstaunlich, wieviele Äpfel sich in so einer Wiese verstecken können, es war wie Ostereiersuchen bei besonders wohlmeinenden Eltern. Der größte Spender - in seiner Fallhöhe wie in seiner Freigiebigkeit - war der Gravensteinerbaum, der ganz im Eck des Gartens steht, wo ich auch noch in die Büsche und Brennesseln gehen musste, um auch wirklich alle Gaben meines Lieblingsapfelbaums zu finden.


Das war aber schon am nächsten Nachmittag, an dem ich nach dem Küchendienst (Zwetschgenknödel - mit meinem ersten selbstgemahlenen Dinkelmehl und Früchten, die so süß waren, dass es keinen Zucker brauchte, den es hier auch gar nicht gab), also an dem ich nach Kochen, Beten, Essen, Ruhen in Sonne und Luft ging, um ein bisschen weiter zu sammeln. Als diese beim Gravensteiner dann zur Prüfung wurde, begann ich erstmals direkt am Stamm Haufen zu bilden für die Kleinen, die Großen und die Faulen, statt die Äpfel einzeln herumzutragen und in die Körbe zu füllen. Das tat ich dann auch bei den übrigen Bäumen, bis es genug war, morgen war ja auch noch ein Tag.


An dem kümmerte ich mich dann zwischen Beten, Frühstücken und Kochen um den Rest. Und nach Beten, Mittagessen und Ruhen stellte ich einen Eimer (die Faulen) in einen Schubkarren, der zwei Körbe (die Kleinen und die Großen) stützte, und klapperte alle Apfelhaufen ab - nicht ohne die seit gestern neu dazugefallenen aufzusammeln; und die paar Birnen auf dem Weg kamen direkt in die Karre. Ich war dann auch wirklich nur ein klein wenig stolz auf mich, als ich zwei Stunden später eine praktisch leergeräumte Apfelwiese und eine gut gefüllte Gartenscheune verließ, um vor Beten, Abendessen, Nachtruhe noch ein wenig Spazieren zu gehen - wohlwissend, das am nächsten Tag wieder genug zu tun sein würde, so ist das nun mal mit Mutter Natur und Gottvater, seit wir vom verbotenen Apfel gekostet haben.


Am nächsten Tag war der Bruder Koch ein wenig beunruhigt, weil der Gärtner inzwischen seine ganze Speisekammer mit Fallobst vollgepackt hatte, das ginge nicht, er bräuchte den Platz für die normal geernteten und die nachreifenden, er müsse ihm dringend sagen, das Fallobst bitte ab jetzt direkt in die Mostscheune, egal ob klein oder groß, Gravensteiner ausgenommen. Ich nahm es als Lektion zum Thema Eifer und Stolz und beichtete, dass ich da wohl ein bisschen übereffektiv war (oder übereffizient? Ich kann mir das nie merken) - mit dem anschließenden Vorschlag, Apfelmus zu kochen.


Das tat ich dann am nächsten Morgen. Wusch eine Kiste Äpfel, setzte mich an den runden Holztisch in der Mitte der weiten Klosterküche, viertelte einen Apfel, schnitt die Kerne heraus und legte die Viertel in einen Topf. Als ich mit der Kiste fertig war, war es viertel vor Elf und noch eine Stunde bis zur Mittagsglocke, die zu Beten, Essen, Ruhen ruft.


Also schaltete ich beim nächsten Korb einen Gang höher und begann erstmal damit, alle zu vierteln, bevor dann alle entkernt werden sollte. Bis der Bruder Koch mich sanft bremste. Wenn bis um viertel vor Zwölf frisch gekochtes Apfelmus in den Gläsern sein soll, dann müsste ich die übrigen Äpfel jetzt zur Seite stellen und mich um das kümmern, was ich hab - für den Rest wäre ja morgen noch Zeit, heute nach dreiviertel Zwölf wäre aber keine mehr.


Und so geschah es: Ich entkernte die restlichen Viertel, packte alles in zwei große Töpfe, und als ich dann das letzte von einem guten Dutzend frühere Gurkengläser voller handgelesenem Klosterapfelmus zuschraubte, während das Mittagsläuten gerade verklang, musste ich lachen. “Das Mittagessen ist nicht fertig, wenn es fertig ist, sondern wenn es zwölf ist ”, war schon in der Profiküche mein Mantra - gegen zuviel Perfektionismus, für die Gäste. Und nun hatte ich es in der Küche eines Klosters wieder gefunden.


In dem habe ich natürlich noch einiges mehr getan als Falläpfel sammeln; und noch mehr habe ich dort nicht getan, um weg von allem und allen in Ruhe zu kommen. Und beides zusammen hat bewirkt, dass sich bei mir eine Menge getan hat. Da ließe sich jetzt viel dazu sagen. Aber im Grunde ist schon alles gesagt. Vielleicht nicht so klar wie sonst - aber morgen ist ja auch noch ein Tag. Wozu der Spruch zu dem Bild ganz oben passt, das ich den Brüdern nach meiner Rückkehr geschickt habe: "Und ginge morgen die Welt unter, würde ich heute noch einen Apfel aufsammeln." Und Mus daraus kochen.

 

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Bettina Müller
Fallobstgeschichten

Da werden Erinnerungen wach, lieber Sebastian. Zwar nicht an einen Klosterbesuch, aber an den Garten meiner Oma in Thüringen. Dort durfte (oder besser musste) ich früher immer das Fallobst einsammeln. Und was soll ich sagen: Als Kind konnte ich mich für diese Arbeit noch nicht wirklich begeistern und es war mir ein Graus. Heute sehne ich mich manchmal genau nach solchen Tätigkeiten. Und nach dem Apfelmus meiner Oma sowieso.

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