Ich koste ... PRINTEN UND LEBKUCHEN

Wer mit Printen aus dem Gefrierwagen und kokosnussharten Makronen in Türkis aufgewachsen ist, ist im Advent auch mit wenig schon zufrieden - und so soll es ja auch sein.

Ich koste ... PRINTEN UND LEBKUCHEN
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Kommentare
Sebastian Dickhaut

Bei uns zu Hause war der Bofrost-Mann der Nikolaus. Wenn er im Dezember mit seinem Tiefkühlauto durch die klirrende Kälte auf unser kleines Schieferhäuschen zugeritten kam, wusste ich: Jetzt gibt’s gleich Süßes. Und dann pochte es auch schon an unsere Tür, die meine Mutter mit einem erleichterten Lächeln öffnete, das ich erst Jahre später richtig deutete.

Da stand er dann in seiner blauen Thermojacke mit dem Kunstpelzkragen, das Gesicht eingehüllt in eine schlohweiße Atemwolke, unterm Arm einen Einkaufskorb voller Leckereien: Tiefkühlrotkohl natürlich, und schockgefrostete Sahneflocken, von denen man einfach einen Löffel voll aus dem Beutel nehmen konnte statt gleich einen ganzen Becher aufzureißen, wenn die Sauce mal schnell etwas Rahm brauchte. Klasse Zeug.

Gibt’s aber heute nicht mehr. Genauso wenig wie die knusprigen Honigprinten und die weicheren Mandel-Schoko-Printen, auf die ich mich damals in der Adventszeit immer so gefreut habe, wenn ich mich heute auch frage, wo die denn gelagert wurden im Tiefkühlauto - weswegen sie wohl auch irgendwann aussortimentiert wurden, jedenfalls kann man sie nicht mehr googeln bei den Frosterfahrern.

 

Meine Mutter hasste das Backen


Wer aber denkt, ich möchte jetzt die mobile Gefrierindustrie romantisieren, der denkt nicht völlig falsch. Denn was sich bei uns zu Hause rund ums Thema Weihnachtsplätzchen abspielte, hatte noch weniger Beschaulichkeit als Lametta im Drei-Sterne-Fach: Das Thema existierte bei uns einfach nicht. Meine Mutter hasste das Backen, und Weihnachten mochte sie nicht viel lieber. Was nicht bedeutet, dass sie kein herzlicher und gastfreundlicher Mensch war. Nur wenn jemand im Advent am Nachmittag zu Besuch kam, bekam er eher ein Wurstbrot und ein gutes Glas Wein statt Stollen und Kaffee.

“Weihnachtsplätzchen gibt es erst an Weihnachten”, entschied meine Mutter, “schließlich ist der Advent Fastenzeit. Und in der darf man nur Lebkuchen oder Printen essen”. Was stimmt, nur war meine Mutter in etwa so strenggläubig wie Wurst und Wein ein Fastenmahl sind. Aber Neulinge in unserem Haus verwickelte sie damit immer in ein interessantes Gespräch, “ach wirklich, ja warum denn, soso, mmh, diese Printen werden ja wirklich schön weich, wenn man sie in Wein taucht.” Undsoweiter.

Wer das schon kannte, brachte sich selbst seine Plätzchen mit oder hoffte auf den Rest der Familie, der sich manchmal erbarmte. Vor allem meine Schwester, nur leider mochte die damals das Backen mehr als dass sie es konnte. Ich erinnere mich an steinharte türkisblaue Kokosmakronen (es waren die seligen späten Siebziger, als kein Mensch Zutatenlisten las und Speisefarbe noch nicht vom Teufel war), und an Heidsandbröckchen, die in Richtung Teller immer schwärzer wurden, “aber so ein bisschen angebrannt schmecken sie eh am besten”, wie man in unserer Familie immer sagte.

 

Tradition aus praktisch nix



Und das stimmt sogar. Der Legende nach sind diese Heidesandplätzchen die einzigen, die meine Mutter früher mal selbst gebacken hat. Ein Rezept, für das es weder Küchenmaschine noch Rührschüssel braucht, weder Teigroller noch Ausstecher. Nur einen Ofen, einen Topf, ein Blech und einen Löffel. Die Dinger sind so narrensicher, dass man sie auch noch beim Warten aufs Christkind schnell nebenbei backen kann, wobei sie nach ein paar Tagen in der Dose noch besser schmecken. Wir haben ihnen in den ersten Wochen der Küchengötter sogar einen Film gewidmet und bei unserem Easy-Christmas-Kochkurs gehören sie natürlich auch immer dazu.

Meine Mutter wäre heute übrigens 83 geworden, und trotz ihrer Skepsis hätte sie sich sicher gefreut, hier für eine virtuelle Weihnachtstradtion gesorgt zu haben. Und meine Schwester hat sich gestern zum Adventskaffee bei mir einladen lassen - sie kann inzwischen sogar Baisers perfekt backen, habe ich gehört. Ich bin gespannt.

Bo- frost- Mann

Hallöchen, das war aber mal ein süßer Artikel, sehr lesenswert und so liebevoll geschrieben. Die Mama hätte sich mit Sicherheit sehr darüber gefreut. Liebe Grüße von Svea aus Bremen

Rinquinquin
wie schön,

dass es ab und zu noch einen Menschen mehr gibt, der nicht backen mag. Dazu gehören hier schon mal Juliette und ich, vielleicht gibt es noch versteckte Mitleser, die ebenfalls in unsere Kategorie passen. Dass ich mich in diesem Jahr zur Herstellung von Plätzchen habe hinreissen lassen, beruht einzig auf der Tatsache, unserer Tochter eine spezielle Freude machen zu können, weil ich ihr die Plätzchen persönlich überreichen konnte (bei 700 km zwischen uns ist das eher die Ausnahme). 

 

Wenn bei uns jemand am Nachmittag vorbeikommt, dann gibt es auch keinen Kaffee mit Kuchen, sondern herzhafte Häppchen mit Weinbegleitung. Dann wird die Runde auch gleich viel munterer. 

Sebastian Dickhaut
Warten auf Plätzchen

Na danke Euch, aber ESSEN tu ich Plätzchen schon gerne. Aber meine Schwester hat keine mitgebracht, und wenn der Bruder kein Honigkuchenpferd dabeigehabt hätte... Familie! Ich sag's Euch.

nika
Reihe

mich vollkommen ein. Früher habe ich jede Woche einen Kuchen gebacken, wußte ich doch, meine Kinder finden etwas Eßbares vor, wenn ich einmal später von der Arbeit heimkam. Da ich mich meistens nicht an die Rezepturen halte, bin ich auch eher der Fraktion Wurstbrot und Wein zuzuordnen, wobei die Stulle bei mir eher mit Käse belegt wird :)).

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