Ich koste... SCHOKOLADE NACH STUDIE

Papier aufreißen, Stückchen knacken und zubeißen war gestern, jetzt wird achtsam genossen - und wer's nicht kann, muss es lernen. Sagt eine Studie. Wir haben's probiert.

Ich koste... SCHOKOLADE NACH STUDIE
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Kommentare
Sebastian Dickhaut

Alsdann, machen wir's kurz: Seit zwei Wochen habe ich ein halbes Jahrhundert hinter mir und vielleicht sogar noch eins vor mir, wenn die Wissenschaft so weitermacht, und deswegen durfte ich mir für diesmal aussuchen, was ich koste. Hab ich mir zur Feier des Tages was ganz Feines überlegt, Kaffee, Kuchen, am besten mit viel Schokolade zum Beispiel, das läuft doch wie von selbs

 

Aber hey, das schöne am Alter ist ja, dass man immer mehr machen kann, was man will, grad so wie damals als man grad auf der Welt war und noch keine Alter hatte. Was aber jetzt anders und manchmal sogar noch schöner ist: Man kann auch immer mehr lassen, was man will. Und als ich dann vorhin in meine Mailbox geschaut habe, bekam mein Schokotext seinen Kick, und zwar in den Papierkorb. Weil das, was mir da vom Schokokosten erzählt wurde, war nicht zu toppen. Drum erzähl ich Euch das jetzt.

 

War Geschmacklosigkeit mal Trend?

 

Einer der größten und damit naturgemäß umstrittensten Lebensmittelmacher der Welt hat eine Studie gemacht und dabei rausgefunden, dass Rituale beim Essen Genuss und Geschmack steigern, was grad gut passt, "denn Genuss und Geschmack liegen im Trend". Ich will jetzt mal nicht weiter drüber nachdenken, ob jemals Ungenuss und Geschmacklosigkeit im Trend lagen, und auch nicht groß drauf verweisen, dass das mit den Ritualen eigentlich eh jeder weiß, der gerne isst und trinkt - und wer bitte tut das nicht?

 

Ich will auch nix sagen zur Versuchsreihe (vor dem Biss in eine Karotte auf den Tisch klopfen, Augen schließen, einatmen versus das Ding einfach irgendwie reinstopfen) und fast nix zur Schlussfolgerung "Genießen kann man lernen" samt Lerntipps wie "Buntes Obst und Gemüse bieten auf dem Teller beispielsweise bei farblosen Lebensmitteln wie Nudeln und Kartoffeln farbliche Kontraste und wirken damit freundlicher" oder "Auch ist es empfehlenswert, sich auf das Essen zu konzentrieren, um zu genießen".  Schon als ich das damals in der Berufsschule gesagt bekommen hatte, habe ich gedacht "Jau, und nachher das Zähneputzen nicht vergessen". Und ich glaub ja weiterhin optimistisch, dass die Leute seitdem nicht blöder, sondern klüger geworden sind, was Lebensmittel angeht und deswegen auch ne Menge mehr wissen.

 

Zum Schluss gibt es aber noch einen ganz konkreten Studienrat, und den möchte ich einfach mal weitergeben, weil dazu haben sie ihn mir ja geschickt:

 

"Genießen trainieren

 

Genießen kann erlernt werden. Eine kleine Übung hilft dabei, wenn sie regelmäßig angewendet wird. Zum Beispiel der Genuss von Schokolade:

 

1) Auf einen Teller aus dem Lieblingsgeschirrservice ein Stück der Lieblingsschokolade legen und auf den Tisch stellen.
2) Auf dem Stuhl Platz nehmen und die Augen schließen.
3) Überlegen, aus welchen Zutaten die Schokolade besteht und woher diese stammen könnten. Dabei den Hauch ferner Länder erspüren und die fremde Atmosphäre schnuppern. Wie wird wohl die Schokolade hergestellt?
4) Die Gedankenreise beginnen: Wie könnte es im Land der Schokoladenproduktion aussehen? Welche Gerüche tauchen auf –süßlich oder herb?
5) Nun die Augen langsam öffnen.
6) Das Stück Schokolade vom Teller nehmen und daran riechen. Ist der Geruch vergleichbar mit den Gerüchen aus der Gedankenreise? Wie fühlt sich die Schokolade an? Schmilzt sie zwischen den Fingern?
7) Die Schokolade nun in den Mund nehmen und die Augen wieder schließen.
8) Das schmelzende Gefühl spüren. Wie schmeckt die Schokolade – eher feinsüß, ein wenig bitter oder nussig?
9) Die Schokolade im Mundraum bewegen und dabei ein Stückchen mit den Zähnen zerdrücken sowie den Rest langsam im Mund schmelzen lassen. Wie fühlt sich die Schokolade an? Wie entfaltet sich der Geschmack?
10) Alle Eindrücke noch ein wenig nachspüren lassen.
11) Augen wieder langsam öffnen. Wie nach einem schönen Traum recken und strecken."


Ich hab das dann gleich mal ausprobiert. Als ich mich bei Punkt 4 auf der Gedankenreise gnadenlos verfahren hatte und auf einer Plantage mit fluchenden und schwitzenden Kakaoerntehelfern landete, kam zum Glück mein Jüngster von der Schule und schnappte sich mit einem "Soll ich den Arzt rufen oder wird das wieder?" das Stück vom Teller und kaute sich eins. Tja, manche Sache muss man halt nicht lernen, weil man sie von Natur aus kann. Ich glaube, Genießen gehört dazu.

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lundi
Alle Achtung!

Du hast es bis Punkt 4 geschafft. Ich würde schon bei der 1 scheitern und spätestens bei der 6 verhungert sein. Zutaten, Plantagen und Augen zu - ist ja so umständlich und interessiert mich beim Essen so gar nicht, danach gucke ich nur beim Einkauf. Schokolade GENIESSE ich in großen Stücken und direkt aus dem Papier, das kann nämlich auch sehr schön sein. Meine Tochter bringt von ihren Reisen gern Schokolade mit, teilweise nur wegen der Verpackung, die entweder besonders schön ist oder Zeuge der Herkunft aus einem ganz besonderen Laden. Sankt Petersburg z.B. war mit den berühmten конфе́ты für sie eine wahre Schokoladen-(Papier-)Fundgrube.

 

Genuß und Geschmack liegen im Trend? Schöner Spruch, darüber werde ich mal philosophieren, wenn ich heute abend 6 h im Auto sitze und mir zwischen durch einen schokoladigen Energieschub in den Mund schiebe.

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