Ich koste … Wasabi in Gedanken

Was tun, wenn einem Japan, seine Küche und seine Menschen so am Herzen liegen?

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Sebastian Dickhaut

Meinen Hilferuf vom letzten Mal sind ja einige gefolgt mit Vorschlägen, was ich das nächste Mal kosten soll, vielen Dank für die Rettung. Ziemlich schnell war klar, dass ich Wasabi nehmen würde, weil es zum einen den Thrill hat und zum anderen in seinem Ursprung noch was großes Unbekanntes ist, beste Voraussetzungen fürs Infotainment also. Dazu kommt, das Japan mir nahe am Herzen wie am Magen ist, seit ich zum ersten Mal dort war. Es begann bereits auf der abendlichen Fahrt vom Flughafen nach Ginza in Tokio, als ich beim Anblick einer unter einem Highway-Zubringer hervorleuchtenden Suppenküche das Gefühl hatte, zu Hause zu sein. Wir machten damals eine Reportage für den Feinschmecker über den Fischmarkt und Tokios Fischköche, danach wohnten wir noch für ein paar Tage auf dem heiligen Berg Koyasan in einem Zen-Kloster. Das machen viele Japaner, wenn sie sich zum Nachdenken und Entscheiden zurückziehen oder feierlich in Familie machen wollen.

 

Auf dieser Reise lernte ich meinen entspanntesten Koch der Welt kennen (er dämpfte und grillte seit 30 Jahren Aale im gleichen Lokal) und einen wenig entspannten Mönch (ein Deutscher in einem Zen-Kloster). Ich selbst war so ruhig und zufrieden wie selten, obwohl wir sehr, sehr viel arbeiteten und aufnahmen.

 

Bei der nächsten Reise waren wir vier Engländer, vier Franzosen und vier Deutsche, und alle verhielten sich so, als wenn man einen Witz erzählen wollte: „Kommen vier Engländer, vier Franzosen und vier Deutsche nach Japan und…” Wir hatten sehr viel Freude und sehr viel guten Sake und ich kam mit allen möglichen Japanern ins Gespräch, die so wenig Englisch konnten wie wir Japanisch. Eines morgens trat ich in einer Stadt aus dem Bahnhof in die Sonne, der Himmel blitzte dunkelblau und ein Brise vom Meer kam heran und ich schaute auf ein Haus und Gerard, der quirlige Franzose mit dem Ringelhemd und den Drahtlocken, fragte mich: „Sebastian, was ist los?” und ich sagte ohne Nachzudenken: „Ich glaube, hier habe ich schon mal gelebt.” Er nickte nur und sagte: „Ja, das glaube ich schon die ganze Zeit.”

 

Die dritte Reise unternahm ich wie schon die beiden Reisen zuvor mit meinem Freund, dem Fotografen Michael, wir hatten nur einen vagen Auftrag und beschlossen, mit dem Auto über die japanischen Alpen von Kyoto nach Tokio zu fahren, um die Kirschblüte zu erleben. Das dauerte zwei Wochen (mit dem Shinkansen durchs flache Land zwei Stunden) und wir erlebten die Kirschblüte nicht, dafür magische Nächte in Ryokans und leuchtende Tage bei Bauern, Produzenten und Köchen, mit vielen bereichernden zufälligen Begegnungen und Entdeckungen.

 

Ein Fixpunkt auf der Fahrt war der Besuch einer Wasabifarm. Ich wollte die legendäre Wurzel näher kennen lernen, von der in den Pasten und Pulvern bei uns allerhöchstens Spurenelemente enthalten sind. Denn sie ist sehr teuer, da sie über Jahre wächst und dazu stets klares, sauberes, fließendes Wasser braucht. Die Farm war um einen Fluss mit einem flachen Kiesbett angelegt, in dem der Wasabi wuchs, über all waren kleine „Felder” in verschiedenen Stadien. Der Chef führte uns mit frohem Stolz herum, blitzblauer Himmel und ein kalter Wind. Wir aßen Wasabiblätter, roh und als Tempura frittiert, wir sahen, wie eine frisch geerntete Wurzel auf getrockneter Haifischhaut rhythmisch zu einem duftenden Püree zerrieben wurde, wir tranken Wasabi-Bier und lutschten Wasabi-Lollies, die es in dem raststätten-ähnlichen Supermarkt neben der Farm gab, die selbst etwas Poetisches hatte, die Hütten standen am Ufer des Flusses, die von einem Kurosawa-Dreh übrig waren.

 

Inszenierte Natur, Poesie und Business, Wasabi-Tempura und leiser froher Stolz – solche und immer wieder andere gelungenen Mischungen aus Dingen, die eigentlich nicht zusammenpassen, habe ich an vielen Orten Japans erlebt, und immer war es so, als wenn es genauso sein sollte. Es schien mir ein Modell zu sein, nach dem sich gut leben lässt – gerade weil es nichts von einem Modell hat. Und wenn es mir mal nicht gut geht, bringt der Gedanke, wieder nach Japan zu reisen, sofort eine Entspannung, dieses Land und seine Haltung ist für mich ein Rückzugsort und eine kleine Heimat, auch im Denken.

 

Denke ich jetzt an Japan, geht es mir nicht gut, und der Gedanke, dorthin zu reisen, hilft auch nicht weiter. Obwohl es mich gerade jetzt dazu drängt. Ein Freund hatte uns das Land auf unseren Reisen vor allem kulinarisch geöffnet, er ist Deutscher und arbeitet seit vielen Jahren bei einem Exporteur für japanische Bio-Lebensmittel, einer seiner größten Kunden kommt aus Deutschland. Durch ihn haben wir viele leidenschaftliche Handwerker kennen gelernt, die einer langen Familientradition Sake oder Sojasauce brauen, Algen ernten, Soba-Nudeln machen. Die meisten von ihnen sind von Erdbeben und Tsunami verschont geblieben, aber anders als Autobauer oder Stoffschneider fürchten sie trotzdem um ihre Existenz, der Freund wird sich einen anderen Job suchen.

 

Yoshiko Ueno-Müller importiert mit ihrem Mann Jörg Premium-Sake und andere japanische Feinkost nach Deutschland, in diesem 150sten Jahr der Deutsch-Japanischen-Freundschaft wollte sie mit großen Aktionen rund ums Essen und Trinken die japanische Art des Genießens weiter populär bei uns machen. Das ist nun sehr schwer, viele lange vorbereitete Aktivitäten finden nicht statt, weil es nicht geht, weil es nicht passt. Und nichts mögen Japaner weniger, als Dinge tun, die nicht passen. Auch wenn man es mit Blick auf die Atom- oder Fischereipolitik nicht glauben mag.

 

Wie soll dieser spontan begonnene Text, dem es an Distanz, Differenziertheit und Kürze fehlt, nun enden? Mit einem Appell, trotzdem japanisch zu kaufen und zu essen? Mit dem frommen Wunsch, dass es so schlimm nicht werden wird? In Wut, Trauer, Sorge, neuem Optimismus? Naja, es ist ja nur ein kleiner Text in einem Blog, dem noch viele weitere folgen, und vielleicht gibt es bald wieder etwas zu sagen. Die Idee, direkt zu helfen, finde ich gut. So wie es Ueno-Gourmet tut, die drei Monate lang 10 % ihrer Einnahmen (die ebenso Produzenten helfen) für die Japanhilfe ans Deutsche Rote Kreuz spenden. So wie das SOS-Kinderdorf, das sein verschont gebliebenes Dorf in Japan für Schutzsuchende öffnet. Ebenso wie der Dokumentarfilmer, der ein für ein Kunstprojekt vorgesehenes Haus für diesen Zweck geöffnet hat (und zu dem ich noch den Link suche). Ich denke, wer etwas tun mag, wird etwas finden, das zu ihm passt. Und freue mich über Ideen, Anregungen,  Gedanken, auch ganz andere.

 

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