NACHGEBLOGGT: lamiacucina

Die Welt der Foodblogs ist facettenreich und bunt, oft würde man gerne ein wenig mehr über den Autor hinter dem Blog erfahren. Wir haben nachgefragt bei lamiacucina.

NACHGEBLOGGT: lamiacucina
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Kommentare
küchengötter Redaktion

Als der Schweizer Robert Sprenger 2007 seinen Blog lamiacucina in Leben rief, ahnte der pensionierte Chemie-Ingenieur nicht, welche positive Resonanz seine fast täglichen Beiträge und Rezepte hervorrufen würden. Grund genug für uns, genauer nachzufragen!

GU: Lamiacucina ist ja innerhalb relativ kurzer Zeit zu einer festen Größe in der deutschen Foodblog-Landschaft geworden. Wie sah Dein erstes Zusammentreffen mit der Welt der Foodblogs aus? Wie kam es dann zur Entscheidung ein eigenes Blog zu starten?

Ich habe 2006 begonnen, eine private website mit Rezepten zu füllen. Alles selbst und mühevoll von Hand programmiert. Nach einem Jahr hatte ich etwa 30 Rezepte gespeichert und insgesamt 200 Besucher gezählt, mehrheitlich meine eigenen Besuche. Bei Rezeptrecherchen bin ich häufig auf die mir bis dahin unbekannten Blogs gestossen. Daran fasziniert hat mich die Aussicht, mich nur noch um Inhalte und nicht mehr um Programmiertechnik kümmern zu müssen. Darauf habe ich mir einen Versuchsblog bei zwei grossen Gratis-Anbietern eingerichtet, eine Woche lang damit herumgespielt und Ende Januar 2007 den eigenen blog mit täglichen Beiträgen gestartet. Der Einstieg war leicht, konnte ich doch auf meine 30 elektronisch vorliegenden Rezepte zurückgreifen. Nach einem Monat bin ich dann erwacht, musste mich neu organisieren, ein Konzept zurechtlegen. Bei täglichen Beiträgen (warum ich mir das auferlegt habe, weiss ich auch nicht) dreht sich naturgemäss rasch das halbe Leben um den Blog. Obwohl ich mir das heute noch nicht eingestehe. Keine Ausreise, kein Restaurantbesuch, kein Besuch in der Buchhandlung oder auf dem Markt ohne die stetige Suche nach etwas Verwertbarem. Das hat bisher gut funktioniert, ich habe immer mindestens 5 fertige Beiträge und etwa 100 stichwortartig formulierte Ideen auf Vorrat, kann mich also auch mal 1-2 Tage vom Blog lösen. Kochen, Fotografieren, Schreiben tue ich alles alleine. Hin und wieder (eher selten) kocht meine Frau etwas, das ich im Blog verwerten kann.

GU: Kochen und Essen muss da einen großen Teil Deines Lebens ausmachen - auch beruflich? Und wann schreibst Du dann Deine Beiträge für gewöhnlich?

Seit meiner Pensionierung vor 5 Jahren habe ich damit begonnen, regelmässig zu kochen. Ich besuche Freizeitkochkurse um mein Repertoire zu erweitern. Seit ich den Blog führe, koche ich pro Woche mindestens fünfmal, meistens an den Wochenenden und Mittags, weil meine Fotos mit Tageslicht besser geraten (ich besitze nur eine kleine Kompaktkamera, weder Beleuchtungshilfen noch Fotostudio). Beruflich hatte ich mit Kochen oder Lebensmitteln nie etwas zu tun. Mit dem Schreiben der Beiträge beginne ich erst, wenn ich die Fotos vor mir sehe. Ich brauche einen optischen Anstoss, damit ich darauf einen Text schreiben kann. Meist Nachmittags und Abends. Den Fernseher habe ich eingemottet und die Zeitungen überfliege ich nur noch. Meine Texte überarbeite ich mehrmals, kaum sind sie publiziert, entdecke ich Mängel, dann wird halt nochmals geändert. Schief hängende Bilder, und wenn sie nur einen Millimeter aus dem Lot sind, regen mich auf. Ebenso wie Fehler in meinem Blog.

GU: Das klingt ja fast wie ein echter Vollzeitjob, wie stellst Du sicher, dass Dir das Bloggen auch in Zukunft Spaß macht und Dir die Ideen nicht ausgehen? Wer oder was inspiriert Dich?

Da gibt es nichts sicherzustellen. Wer kreativ ist, dem fliegen immer Ideen zu. Und wenn der Nachschub stottert, hole ich ihn mir aus dem Internet, aus Büchern oder aus Rezeptkarten meiner Frau.
Dauerblogger will ich nicht werden. Irgendwann werde ich mich wieder vom Produktionsdruck befreien und ganz einfach aufhören. Drum ist es mir wichtig, keine bezahlte Werbung zu machen. So bin ich jederzeit unabhängig. Die Delete-Taste werde ich aber erst drücken, wenn ich die besten Rezepte ausgedruckt habe, und da bin ich noch hoffnunglos im Verzug.

GU: Rezeptkarten Deiner Frau - die Klassiker zum Sammeln aus der Zeit, als es Internet noch nicht gab? Die waren ja absolut zuverlässig. Aber sag mal genauer: Gibt es Autoren (gerne auch Blogger), auf die Du besonders schwörst (nach TV-Köchen brauchen wir ja wohl nicht zu fragen) ? Oder ist es eher eine bestimmte Art zu kochen, die ein Rezept für Dich interessant macht?

Mein liebstes Vergnügen: täglich bei der „Konkurrenz“ reinzuschauen, was Neues vorliegt. Ich sehe heute einem Rezept rasch an, ob es für mich taugt, ob es mir schmeckt, unabhängig vom Kochstil oder der Qualität der Fotos. Auch wenn ich nicht alles nachkochen kann und will: dort lerne ich täglich hinzu !. Das sind ein gutes Dutzend Blogger/innen, die, zum Teil seit Jahren, auf hohem Niveau kochen und schreiben. Auf TV-Köche war ich vor Jahren dauerabonniert (Schuhbeck, Linster, Duttenhofer). Heute schau ich kaum mehr hin, diese Formate haben sich totgelaufen. Etwas, was auch den Kochblogs früher oder später widerfahren wird.

GU: Gibt es Fehler, die ein Kochblogger tunlichst vermeiden sollte, oder anders gefragt, wie vergrault man Dich als Leser besonders schnell?

Bei den ersten Kommentaren bin ich erschrocken wie die Indianer beim Anblick von Herrn Kolumbus, was wollen die von mir ? Ich habe aber rasch gelernt, dass Kommentare, freundliche wie kritische, untrennbar zu Blogs gehören. Part of the game. Aggressive Kommentare irritieren mich nur noch kurz, sind aber selten und kommen hintenrum via e-mail.
Ich bin noch relativ jung dabei und mache laufend Fehler, will mir drum auch keine Ratschläge anmassen. Einen vielleicht ? Wer mit einem Kochblog anfängt, sollte regelmässig publizieren. Regelmässig muss nicht täglich heissen.

GU: Wir haben den Eindruck, dass es in Deiner Heimat (?) relativ gut und entspannt aussieht mit der Esskultur, auch wenn man in die Supermärkte, Zeitschriften oder Kochbücher schaut. Stimmt das? Und was magst Du besonders an der Schweizer kulinarischen Kultur?

Entspannt ? Überhaupt nicht. Die heimischen Supermärkte fürchten sich vor dem anlaufenden Markteintritt von Aldi und Lidl. Im Angebot gibt es inzwischen eine scharf akzentuierte Trennung in Billigstpreislinien und Luxuslinien beim selben Anbieter. Die Gastronomie scheidet sich immer mehr in Billigketten und Spitzenlokale. Der solide Mittelbau verschwindet langsam. Eine Polarisierung sogar am heimischen Herd. Unter der Woche convenience aus dem Billigstregal, am Wochenende kauft man sich Edelprodukte und kocht gleich auf „Spitzenniveau“ (darunter kommt ja nicht in Frage).
In der Schweiz haben wir eine sehr gute Versorgungslage mit Nahrungsmitteln bester Qualität, die Buchläden sind vollgestopft mit Kochliteratur und -zeitschriften. Ich vermute aber, dass auch die heimische Bevölkerung längst in zwei Gruppen geteilt ist: eine Minderheit, die gerne bewusst geniesst, sich darum interessiert und das Angebot nutzt. Eine Mehrheit, die dumpf und stumpf den Billigstangeboten nachrennt, weil das Geld nach dem Bezahlen der Mobiltelefonrechnung nirgends mehr hinreicht.
An der Schweizerküche gefällt mir die Vielfalt und das solide Handwerk. Sie ist seit den Ursprüngen des Tourismus offen für Einflüsse aus Nachbar- und fernen Ländern.

GU: Wenn Du nun Besuch aus Deutschland hättest und der sich was Schweizerisches wünschte - welches Menü würdest Du servieren?

Das Gleiche, was ich auch Schweizer Besuch hinstellen würde, ein einfach und gut vorzubereitendes Menu aus: meinen Zitronenravioli aus dem Tiefkühler, einen Kalbsbraten, am Vortag zubereitet, mit Maisküchlein aus dem Tiefkühler sowie mein gut vorbereitbares Saisondessert, Arance. Die Phase, in der ich glaubte, andere Leute beeindrucken zu müssen, liegt, gottseidank, hinter mir.

GU: Vom Stichwort "Leute beeindrucken" ist es nur ein kleiner Schritt zum (noch immer) aktuellen Trend der Molekularküche. Wie stehst Du dazu - auch im Hinblick auf Deinen beruflichen Hintergrund als Chemie-Ingenieur? Sind die Techniken und Zutaten nur was für Profis oder auch für den ambitionierten Hobbykoch geeignet? Bleibt es eine Modeerscheinung?

Die Arbeiten und Entwicklungen der Molekularküche haben für die Nahrungsmittelindustrie grosse Bedeutung und sind keine Modeerscheinungen. Für den durchschnittlichen Hobbykoch und die häusliche Küche sind diese Techniken und Zutaten aber nicht relevant. Bastelkästen wie „der kleine Molekularchemiker“ und Molekularmenüs im Landgasthof mögen lustig sein, werden aber über kurz oder lang wieder andern Trends weichen. Ich selbst bin eher daran interessiert, dass mir der Landgasthof ein perfektes Schnitzel auf den Teller bringt. Aber wer mal mit den Zauberkästen angefangen hat, ist für ein ordentliches Schnitzel nicht mehr befähigt.

GU: Und was ist mit den Molekular-Profis jenseits von Bastelkasten und Landgasthof, die den Ruf dieser Küche begründet haben? Sie haben ja eng mit Lebensmittelchemikern zusammengearbeit, sich sehr in Dein Metier vertieft und für manche auch weiterentwickelt. Wie siehst Du das?

Die Spitzen der Bewegung werden die Kuh ausschlachten, solange sie noch etwas hergibt. Das Ende vom Anfang eines Trends wird immer dann eingeläutet, wenn die Landgasthöfe anfangen, sich darauf einzulassen. Die Forschung auf dem Gebiet der Molekularküche wird aber (auch aus meiner Sicht zu Recht) weitergehen, sich aber in die Labors der Lebensmittelkonzerne verlagern.

GU: Letzte Frage, Deinem Profil zufolge pflegst Du neben Deinen kulinarischen Interessen auch eines zu Musik und Operngesang. Singst Du beim Kochen, beim Essen - oder hörst Du nur?

Kochen verlangt Konzentration, wenn ich koche koche ich, wenn ich singe singe ich und ungewollte Musikberieselung ist mir ein Greuel.

Das Interview führten Nicole Stich und Sebastian Dickhaut.

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Max
...

Hut ab, ich hätte nicht vermutet, dass Robert Sprenger bei seinen (sehr schönen) Fotos nur eine Kompaktkamera und keine weiteren Hilfen zur Verfügung hat. Aber: "ich habe immer mindestens 5 fertige Beiträge und etwa 100 stichwortartig formulierte Ideen auf Vorrat, kann mich also auch mal 1-2 Tage vom Blog lösen" - schon ein extremes commitment...

Irre!

Übt jemand begnadet sein Hobby aus, dann kann man ihm nur gratulieren. Allemal besser als vor der Glotze zu hocken. Trotzdem war ich echt überrascht, einen derart großen zeitlichen Aufwand für lau hätte ich nie erwartet!!!

Danke

Als Neumitglied ist dieser Beitrag sehr informativ für mich

sparrow
ich bin inzwischen auch ein Fan

Ich bin inzwischen auch ein Fan von lamiacucina. Toll was Robert Sprenger da auf die Beine gestellt hat. Seine Fotos begeistern mich immer wieder.

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