Sind Kilometer die neuen Kalorien?

Wir essen unser Klima besser? Wenn es am Esstisch nur noch ums Gewissen statt ums Genießen geht, dann läuft etwas schief. Ein Plädoyer fürs kulinarische Selbstvertrauen.

Sind Kilometer die neuen Kalorien?
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Kommentare
Sebastian Dickhaut

Die Problemesser haben einen neuen Sport: Kilometer zählen. Dabei wird jeder Bissen danach berechnet, wie weit sein Weg von Feld, Stall oder Wasser bis in den Laden ist. Je kürzer dieser Weg, desto besser für die Umweltbilanz – weil der CO2-Verbrauch für Transport und Lagerung geringer ist.

Je weniger, desto besser – kommt uns das nicht bekannt vor? Je weniger Fett/Kohlenhydrate, desto besser für die Figur? Je weniger Schadstoffe, desto besser für die Gesundheit? Je weniger Euro, desto besser fürs Budget? Sind Kilometer am Ende die neuen Kalorien?

Nicht ganz. Denn während man mit fettem Fast Food früher nur sich selbst geschadet hat, verschärft heute das Frittieren von schockgefrosteten Kartoffelstäbchen in Kombination mit eingekochten Tomaten tief aus dem Süden die Klimaerwärmung ordentlich – womit Pommes mit Ketchup auf dem besten Weg sind, die Zigarette als gesellschaftliches Unding abzulösen.

Wobei mich stutzig macht, dass dieser Essproblemtrend aus den USA kommt. Da muss ich nicht mal den alten Regionaleuropäer mit grünem Ex-Vizekanzler raushängen lassen, um zu bemerken: Kein Wunder, dort ist man ja auch wirklich weit weg von seinem Essen, geografisch wie mental. Wäre es da nicht vielleicht klüger, sich erst einmal ein paar kleinere Autos zuzulegen, bevor man täglich „the regional grocers” für die besser Co2-Bilanz abklappert? Wobei: Fahrradfahren oder Laufen ist auch nichts, weil man dadurch hungrig wird und durch sein Essen die Bilanz mehr belastet als durch eine U-Bahnfahrt – die mit dem Wocheneinkauf in den USA kein Spaß ist.

Aber auch wir sind nicht sicher: Wer in München Wasser für einen Tee aus luftgetrockneten Alpenkräutern kocht, belastet das Klima mehr als es der Transport einer Portion Kaffeebohnen von Jamaika nach Bayern tut. Sagt die Wissenschaft. Und danach ist der Deutsche an sich besser zur Welt, wenn er ein auf Weide gehaltenes Neuseelandschaf isst statt ein mit Korn gefüttertes Deutschlandschaf– weil für dessen Zufutter Felder bestellt werden mussten. So bleibt uns wenigstens der Vorwurf kulinarischer Ausländerfeindlichkeit erspart

Die Lage ist also bereits ähnlich verworren, wie sie es bei der Diskussion um die richtige Diät oder Ernährungsphilosophie schon immer ist. Mehr noch: Hier geht es nun gar nicht mehr ums Genießen, sondern nur noch ums Gewissen – denn zwischen Geschmack und Co2-Bilanz gibt es kaum Zusammenhang.

Daher mein unwissenschaftlicher Rat: Verlassen wir uns bei unserer intensivsten Verbindung mit der Natur (wo kommen einem Flora und Fauna schon näher als im Magen?) nicht auf Zahlen, Studien, Schlagzeilen, vertrauen wir lieber wieder auf unseren Geschmack. Jede Wette, dass mit dieser neuen Achtsamkeit unsere Welt eine besser wird. Der Weg zum kulinarischen Selbstvertrauen bedeutet allerdings Opfer: bessere Läden suchen; alte Wirte verlassen; Tiefkühlpizza Hawaii nicht mehr mögen (die hat sowieso eine miserable Öko-Bilanz). Was eigentlich nach großem Abenteuer klingt. Alsdann: Esst nicht nach Zahlen, esst was Ihr wollt – sobald Ihr wisst, was Ihr wollt.

aldie
Öko - was ist das eigentlich ??

Das Wort -- Öko -- bedeutet garnichts, es ist weder ein geschütztes Wort oder ein Gradmesser oder eine Bewertung. Ich darf auf jeden Gegenstand --Öko -- draufschreiben.

Schlechtes Gewissen

Stimmt, aber es hat ja auch keiner was anderes behauptet. Wichtiger ist, dass man sich nicht ein permanent schlechtes Gewissen beim Essen macht, ob jetzt wegen nicht-bio oder weil doch Fleisch etc. Zumindest habe ich es so verstanden.

aldie
Auf die Menge kommt es an

Gutes Essen ist lebenswichtig. Alle die nur Müsli, Körner oder sonstwie ausgesuchte ( gesunde ) Dinge zu sich nehmen und immer darauf achten das alles -- gesund und bio -- ist , die werden auch nicht älter, sondern sehen nur eher älter aus. Beim Essen ist es wie mit allen guten Dingen - auf die Menge komm es an.

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