Tea for Two…

Schmuddelwetter und eine Tasse Tee? Dass dies nicht nur eine Sache für das heimische Sofa ist und wo man Afternoon Tea in London genießt - Johanna Wagner hat gute Tipps.

Tea for Two…
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Johanna Wagner

Der in den schönsten Hotels der Stadt eingenommene “Afternoon Tea” ist eine durch und durch englischen Tradition, die ein wohlverdientes und längst überfälliges Revival erlebt... von opulent bis “hipp” ist alles zu haben.

 

Die gute englische Teekultur… kulinarisch wohl das einzige, wofür England weltweit berühmt ist. Wenn man jedoch als Teeliebhaber in England sesshaft wird, erlebt man eine herbe Enttäuschung – es wird einem zwar von allen Seiten ständig eine “cuppa” angeboten, was sich einem präsentiert, sieht aber bestenfalls aus wie Abwaschwasser und ist auch geschmacklich nicht weit davon entfernt. Guter Tee war bis vor ein paar Jahren noch schwieriger zu bekommen als ein Rendez-vous mit Brad Pitt.

 

Für mich, die ordinären Schwarztee nur mit Darmgrippe verbindet, war die weitverbreitete Selbstgefälligkeit punkto Tee ein schwerer Schlag. Monatelang habe ich die Engländer abwechselnd belächelt und bedauert, bis mir klar wurde, dass die Teekultur in England in etwa denselben Stellenwert hat, wie die Kaffeekultur in Wien – wo der durchschnittliche Mokka meist auch untrinkbar ist, es aber wohl mehr um das Rundherum geht… grantige Kellner im unnachahmbaren Stil eines Wiener Kaffeehauses und vor allem die Mehlspeisen… mmmh! Die Mehlspeisen!

 

Einer gewissen Herzogin von Bedford ist es zu verdanken, dass ihre sinkenden Blutzuckerwerte Tee und kleine Snacks am Nachmittag zu einer neuen Tradition werden liessen und auch heute wird der “Afternoon Tea”* von einer eher betuchteren Klientele genossen. Man findet sich in den schönsten Hotels der Stadt ein und lässt bei Klaviermusik, einer Tasse Tee und Fingerfood für ein paar Stunden die Welt an sich vorbeiziehen. Auf einer dreistöckigen Mini-Etagere - einem Metallrahmen in den auf drei Ebenen Teller individuell eingeschoben werden können - beginnt man traditionell mit sogenannten “finger sandwiches” (am authentischsten sind wohl Eiaufstrich mit Kresse, Gurke mit Gervais, Räucherlachs oder Thunfisch, aber auch modernere Variationen wie “coronation chicken” und “chicken cesar” halten da und dort Einzug). Dann werden die typischen “scones” aufgetragen – diese nur leicht gesüssten, etwas bröseligen Brötchen werden immer warm serviert, auf jeden Fall aber mit “clotted cream” und Erdbeermarmelade. Mancherorts wird auch getoastetes “tea bread “ mit kandierten Früchten angeboten. Piece de Resistance ist dann aber der kleinste Teller ganz oben… wer nach Sandwiches und Scones noch hungrig ist, kann sich auf verschiedenste Sorten feinster Patisserie in Miniaturform freuen.

 

Und der Tee? Der hat in diesen Etablissements natürlich einen ganz anderen Stellenwert als im durchschnittlichen englischen Haushalt, wo man sich üblicherweise mit “builders tea” (wörtlich: Handwerkertee) aus “PG Tips” mit Milch und viel Zucker zufrieden gibt. Tatsächlich trinken Engländer ihren Tee üblicherweise “white”, also mit Milch – zuhause strategisch klug, um den bitteren Nachgeschmack des billigen Schwarztees zu maskieren, in guten Hotels aber sicher unnotwendig. Die Teekarte ist hier mehrere Seiten lang und bietet von wirklich guten, aromatischen Schwarztees, über grünen, weissen und roten Tee auch oft Raritäten, die aufgrund der geringen Erntemengen im Handel meist nicht erhältlich sind. Erst seitdem ich mich durch diverse grosse Sorten und hoteleigene Hausmischungen getrunken habe, weiss ich, dass der englische Tee seinen guten Ruf nicht zu Unrecht hat – obwohl man darüber diskutieren kann, ob man ihn wirklich “englisch” nennen kann.

 

Diese Art am späten Nachmittag Tee zu zelebrieren lasse ich mir jedenfalls gerne schmecken – und ich bin nicht allein, denn der Afternoon Tea erlebt in London momentan zurecht einen sensationellen Aufschwung. Trotz “credit crunch” und Bankenpleite, die nicht nur Investmentbanker in ihren genagelten Schuhen erzittern lassen, erfreut sich diese erstmals im 18. Jahrhundert erwähnte und besonders in der Kolonialzeit hochgelebte Tradition wieder grösster Beliebtheit. Anstatt mit einem Latte Macchiato im Pappbecher zum nächsten Termin zu hetzen, lässt man den Aktienkurs Aktienkurs sein und in schönem Ambiente die Seele baumeln. Das mag angesichts der Preise verwundern (im Schnitt rechnet man mit £25 bis £30 Pfund, mit Champagner und Erdbeeren an die £40), Eingeweiht aber wissen, dass man bei allem (höflich und charmant) um Nachschlag bitten und dann beruhigt das Abendessen auslassen kann. Und in einer Stadt wie London muss man lange suchen, bis man ein vergleichbar stilvolles Dinner zu diesem Preis findet.

* Der Ausdruck “High Tea” ist übrigens ein Amerikanismus, der hierzulande unbekannt und selbst bei den Knigge-Päpsten in den USA verpönt ist. Der Ausdruck bezieht sich darauf, dass diese Mahlzeit nicht an den niedrigeren Couch- sonderen regulären Esstischen eingenommen wird.

 

Adressen:

Die zehn besten Adressen für Afternoon Tea werden jährlich von Afternoon Tea gewählt. Momentaner Spitzenreiter ist mein persönlicher Favorit, das Lanesborough am Hyde Park.

 

The Lanesborough
Die Crème de la Crème der Afternoon Teas: charmantes Personal, stilvoller Rahmen, tolle Klaviermusik – seit Jahren meine Lieblingsadresse.
Hyde Park Corner
London
SW1X 7TA

 

The Ritz
Opulenz in Reinkultur – eine der ältesten Adressen in der Stadt und besonders bei Touristen sehr beliebt.
150 Piccadilly
London
W1J 9BR

 

Brown’s Hotel
Was vom Dekor mehr wie ein “gentleman’s club” anmutet, überzeugt durch seine gemütlichen Sitzecken und die hervorragende Patisserie.
Albemarle Street
London
W1S 4BP

 

The Capital
Wer’s lieber intim mag und auf Musikuntermalung verzichten kann, fragt hier nach einem kleinen Zimmer mit maximal vier Tischen.
22 Basil Street
London
SW3 1AT

 

The Wolesley
Im Stil eines Wiener Kaffeehauses gehalten ist das Wolesley nicht ganz stilecht, bietet aber mit £20 einen der preiswertesten Afternoon Teas der Stadt.
160 Piccadilly
London
W1J 9EB

 

Afternoon Tea mal ganz anders:

Afternoon Tea “Light”
Besser für die Taille, mit brotlosen Sandwiches, Olivenöl-Muffins, Makronen mit frischer Fruchtfüllung, zucker- und glutenfreien Alternativen, Iced Teas und Eco-tinis – das Metropolitan geht mit der Zeit.
Old Park Lane
London
W1K 1LB

 

Nur für Männer
Im Mandeville Hotel treffen sich die Herren der Stadt bei etwas kräftigeren, “maskulineren” Alternativen wie Roastbeef Sandwich und Chicken Satay, dazu gibt’s gepflegte Whiskies und Brettspiele wie Schach und Backgammon.
Mandeville Place
London
W1U 2BE

 

Feel the Beat
Wem Klaviermusik zu altmodisch ist, findet sich im Mauve Dining Room des Swisshotel The Howard ein, wo jeden Freitag und Samstag ein DJ für Stimmung sorgt.
Temple Place
London
WC2R 2PR

 

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Petra Holzapfel
Hach,

man müsste mal wieder einen Ausflug nach London einplanen... Danke für die Tipps!

 

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