Arme-Leute-Essen: Früher Igitt, heute ein Hit!

Wenn Frau Steckrübe wieder aufersteht und der feine Herr Lachs zur Beichte antritt ... feiert das Arme-Leute-Essen sein Comeback.

Arme-Leute-Essen: Früher Igitt, heute ein Hit!
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küchengötter Redaktion

Den Satz "Nie wieder Steckrüben" haben wir wahrscheinlich alle schon einmal in unserer Familie gehört. Eltern oder Großeltern die im Krieg dazu verdonnert waren Steckrüben zu essen, wollten dies danach nie wieder tun. Die Steckrübe wurde regelrecht vom Speiseplan verbannt.

 

Ein ähnliches Schicksal widerfuhr angeblich auch dem Lachs schon einmal. Den Fisch gab es bis zum Ende des 19. Jahrhunderts so reichlich, dass er zum Standard-Essen für die Bediensteten wurde. Natürlich hing er ihnen dann irgendwann zum Hals raus. Also wollten die Bediensteten Klauseln in ihren Verträgen vereinbaren, die sie davor schützten, jeden Tag Lachs vorgesetzt zu bekommen. So lautet zumindest die Legende. Einen solchen Vertrag hat bisher aber noch nie jemand als Beweismittel zu Gesicht bekommen. Wahr oder falsch – was früher verpönt war, gilt heute als Delikatesse.

 

Auch den Schwarzwurzeln ist es ziemlich schwer gefallen ihren Ruf als „Spargel des armen Mannes“ wieder abzuschütteln, aber sie haben es geschafft. Und selbst unsere Würz-Rituale stammen eigentlich aus längst vergessenen Zeiten. Dass man Zitrone über Fisch und Fleisch träufelt, haben sich nämlich nicht etwa die Franzosen oder Italiener ausgedacht. Nein, in kühlschranklosen Epochen half die Zitrone einfach nur dabei, den schlechten Geschmack von altem Fleisch zu überdecken. Eigentlich haben wir dem Arme-Leute-Essen also einiges zu verdanken. Wer möchte heute schließlich auf seine Zitrone über dem Wiener Schnitzel verzichten? Und auch die klassischen Gerichte, die früher nur zubereitet wurden, weil sie günstig waren und man kein Geld hatte, werden jetzt in unseren Küchen wieder geschätzt. Heute zaubern wir aus dem Arme-Leute-Essen von damals sogar ein leckeres 3-Gänge-Menü.

 

Arme-Leute-Essen: ein Menü 

 

  • Vorspeise: Die Schwarzwurzel galt viel zu lange als Arme-Leute-Essen. Jetzt wissen wir das Wintergemüse wieder zu schätzen und zaubern daraus tolle Gerichte. In die Schwarzwurzelcremesuppe unseres Menüs kann man sich nur verlieben.
  • Hauptgang: Bei der Hauptspeise feiert die Steckrübe ihr lang ersehntes Comeback. Und zwar als Gratin, zusammen mit Kartoffeln und Quark. Wenn die Rübe keine Saison hat, gibt’s natürlich auch eine Alternative: Pellkartoffeln mit drei Dips. Dazu einen Salat zubereiten und das einfache Gericht genießen.
  • Dessert: Selbst auf eine Nachspeise muss beim Arme-Leute-Menü nicht verzichtet werden. Arme Ritter mit Zimtzucker sind heute wieder voll im Trend und schmecken uns richtig gut.

 

Welche Gerichte sind Euch noch aus der Familiengeschichte bekannt? Und kocht Ihr heute das, was Eure Eltern oder Großeltern lange nicht mehr sehen konnten? Verratet es uns! 

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lundi
Wenn den Leuten

nix Neues mehr einfällt, kramen sie in der Vergangenheit, geben dem Kind einen neuen Namen oder ein neues Gewand. Beim Essen ist das nicht anders als in der Mode oder der Schulbildung. Dabei wurden die meisten Arme-Leute-Essen in den Küchen heimlich weitergekocht. Auch aus Kostengründen, weil es einfach ist und schmeckt. Solche Gerichte werden immer überleben, man redet nur derzeit mehr darüber. Mit armen Rittern macht man Kinder glücklich, früher wie heute. Brot, Eier Zucker, das ist Alltag pur. Nur war es vor ein paar Jahren viel schwieriger, eine Steckrübe käuflich zu erwerben. Ich bin sehr froh, dass es gerade die jetzt wieder gibt. Es gibt aber auch zahlreiche "alte", momentan hoch gelobte, Gemüsesorten, auf die ich gut verzichten kann, weil neue Züchtungen einfach besser schmecken. Spinat würde ich nie wieder gegen Giersch oder Brennnessel eintauschen. Topinambur ("Schweinekartoffeln") versuche ich seit Jahren erfolglos aus meinem Garten zu vertreiben. Ich habe es wiederholt mit essen versucht, aber nein, nicht solange noch was anderes da ist. Wer mag, kann gerne bei mir buddeln kommen. Na gut, die Blüten im Herbst sind ganz hübsch.

Sebastian Dickhaut
Topinambur und Zuckerrübe

@lundi

Also ich tät sofort kommen. Wenn man die Topis erst mal geschält hat, sind sie wirklich fein - roh schön nussig und gegart toll, zum Beispiel im Vierteln mitgeschmort beim Braten. Ein eigener Geschmack, den ich sehr mag. Brennessel als Spinat ok, eigen, aber als Würze auch und da mag ich das. Ansonsten stimmt's aber, nicht alles was vergessen war, muss wieder aufgewärmt werden.

 

Und irgendwann ist es einfach nur die Eintönigkeit, wie beim Lachs oder auch bei Flußkrebsen oder Hummer, von denen ähnliche Geschichten kursieren. So einen Krebsvertrag habe ich mal gesehen...

 

Apropos Würz-Rituale - Salz & Pfeffer stehen heute in jedem Wirtshaus, früher war das Königswürze. Wie auch Zucker, der lange aus den Tropen kam, bis die Zuckerrübe zu ihrem Namen kam, die vor der Entdeckung ihrer Inhalte einfach nur Viehfutter war. Hab mal versucht, mit ihr zu kochen. Vergesst es.

lundi
Dieses Thema taucht kaum im Juni auf

Man stelle sich in der Kaufhalle vor das Gemüseregal und errate anhand des Angebotes den Monat, oder wenigstens die Jahreszeit. Das ist schwer. Auf dem Markt eher möglich. Die "Wiederentdeckungen" sind oft Winter- oder zumindest Lagergemüse und bringen damit saisonale Abwechslung zurück. Das finde ich prima. Irgendwie dreht sich die Sache um. Die Eintönigkeit der Ganzjahrestomate wird gebrochen durch die gute alte Kohlrübe. Zeit wird`s. Man will doch immer, was man gerade nicht hat, das ist der Motor und nur so kommen wir voran. Nur dass wir die Wahl haben, Oma hatte die nicht. Deshalb steht es ihr zu, manches abzulehnen, was wir aus dem Winterschlaf holen.

 

Der Menüvorschlag sagt mir übrigens zu, das Gratin muss ich versuchen. Auf die Idee mit der Zuckerrübe kam ich bisher nicht.

Belledejour
Da wir ja schon lange beim Bauern einkaufen

sind diese sog. *alten aus der Mode gekommenen Gemüse* für mich nichts Neues. Aber Pastinaken, Steckrüben, Schwarzwurzeln u.ä. Sorten bekommt man auch in der gelieferten Biokiste. Dabei ist dann oft für die Ungeübten ein Rezept.

 

Kochmamsell
Pastinaken und Co ...

... habe ich auch nicht gekannt, bis ich sie in der Biokiste fand. Meistens liegt ein Rezeptvorschlag dabei, der Bauer hat eine eigene Rezepte-Ecke im Internet, so dass ich dann versuchen konnte, die entsprechenden Gemüse zu verarbeiten. Und ich muss sagen, das meiste von den Gemüsen, von denen ich noch nie gehört habe, schmeckt sogar sehr gut.

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