Auf der Alm, hier und jetzt

Wer im Almdorf Seinerzeit landet, verliert bald das Gefühl fürs Dies und Das und lässt den roten Faden laufen. Da ist es gar nicht so leicht, ihn wieder aufzunehmen.

Auf der Alm, hier und jetzt
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Sebastian Dickhaut

Wo ist eigentlich meine Uhr? Ach, die hab' ich gestern irgendwann ausgezogen, um gleich in den Alpenrhythmus zu kommen. Jetzt tippe ich mal auf morgens kurz vor zehn und darauf, dass sie an der Rezeption meinen Zettel gefunden haben, den ich ihnen in der Nacht vor die Lärchenholztür gelegt habe, mit einem kleinen Felsen drauf, gerade schwer genug, damit die Katzen in nicht wegkullern können. Es war gestern nämlich für Almhüttenverhältnisse doch recht spät geworden. Zum einen, weil Hüttenwirt Johann Landschützer einen echten Edelveltliner, grün, aus seinem imposanten Weinkeller geholt hatte, dessen stattliche 15 % „man überhaupt nicht merkt“. Das fand auch die charmante Signora von der Agentur in Italien, die dieses Dorf hier in ihrer Heimat bekannt machen will und die der Wirt kurzerhand an meinen Tisch gesetzt hatte.

Keine Frage, dass wir nur über Kochen und Essen redeten, vom japanischen Pizzabäcker (perfekter als die Originale, was ich so natürlich nicht sagte) bis zu unserem Saiblingsfilet, das frisch aus dem See um die Ecke kam und so italienisch-japanisch wie nur was war: ohne Schnickschnack darauf konzentriert, sein Bestes zu zeigen. Und so schmeckte der saftig und knusprig zugleich gebratene Fisch so schön nach sich selbst, dass ich an diesen wilden Barramundi beim Fischladen an der Bucht von Sydney denken musste, warum auch immer. Dazu Zucchini so bissfest und bittermild wie es sich gehört, mit Sonne vollgeschmorte Tomaten, Pellkartoffeln besser als von Oma - nun wussten wir wieder, warum diese Allerweltszutaten so beliebt in aller Welt sind. Hüttenküchenchef Andreas freute das, denn darum geht es ihm: der Welt zu zeigen, dass das Gute nah liegt. Was der Kärntner unter anderem als Koch in einem deutschen Fusion-Restaurant in Sydney kennen gelernt hat. So dass er natürlich auch diesen Fischladen kennt.

Alles mit der Ruhe

Äh, wovon sprachen wir ursprünglich? Richtig, die Zeit. Ich tippe auf zehn, weil ich das als Frühstückszeit auf dem Zettel mit dem Fels notiert hatte und es jetzt in meiner guten Stube unter mir knallt, knackt und klappert, klares Zeichen dafür, dass gerade mein Ofen eingeheizt und mein Jogeltisch gedeckt werden. Als dann unten MEINE Tür ins Schloss fällt, bleibe ich erst mal liegen, lausche aufs Ofenknacken und die lange, tiefe Stille dazwischen. "Es ist diese Ruhe", werden die Glonings am nächsten Tag auf die Frage antworten, was sie hier im Almdorf Seinerzeit am meisten beeindruckt hat.

Almdorf Seinerzeit? Gleich, wir haben ja Zeit. Die Glonings? Das sind die, ohne die ich nicht hier wäre. Daniela Gloning war im Januar unter den Ur-Küchengötter als die Gewinnerin eines langen Almdorfwochenendes ausgelost worden. Und außer ihrem Mann David durfte ich noch mit in die Kärntner Nockberge - um allen davon zu erzählen.

Bin ich ein Alpen-Weichei?

Sprechen wir aber erst noch ein bisschen über die Ruhe. Damit ist nicht nur diese Almgipfelstille hoch über dem Tal gemeint; es ist vor allem die Ruhe mit der man sich da aufs Hier und Jetzt einlassen kann - ich zum Beispiel darauf, dass ich für zwei Tage eine wunderschöne Almhütte samt Aussichtsterrasse, Grabgarten und Hauskatze für mich habe und dafür weder in einen unerforscht unwirtlichen Alpenwinkel kraxeln noch  mich ums Essenschleppen und -machen kümmern muss. Und bevor jetzt Reinhold Messner und der ganze Alpenverein "Weichei!" brüllen, stehe ich erst mal auf, geh auf den Balkon und strecke mich der Welt entgegen. Keiner brüllt. Und selbst wenn, sobald die mit mir nach unten gehen und in dieses Frühstücksidyll (im Bild oben) treten würden, wären sie so still und ruhig, wie ich es jetzt für die nächsten drei Stunden bin, die ich mit Rumnaschen, Bücherlesen, Aus-dem-Fenster-schauen und Am-Ofen-lehnen verbringe.

Kaum zu glauben, dass damals niemand so recht an die Idee von Karl Steiner glauben wollte, den Menschen ein kleines Almdorf nach seinerzeitigem Vorbild mit Service heutiger Art hinzustellen. Zum Glück hatte der Mann da seinen Energieplatz schon gefunden – die Fellacheralm hoch droben über Patergassen bei Bad Kleinkirchheim, wo einst jemand ein Hotel hinbauen wollte, vorher aber den Grund beim Kartenspielen verloren hatte, bis der dann zu Karl Steiner kam inklusive Hotelbaugenehmingung am Rande des Nockberg-Naturschutzgebietes – die hatte man damals einfach vergessen wieder zu streichen. Ein Glück auch, dass der künfitge Dorfpatron durch den Verkauf seiner Baumarktkette genug Geld auf der Seite hatte, um seine Idee auf den Weg zu bringen. So öffneten sich hier 1995 die ersten Almhütten aus heimischen Hölzern mit Kachelofenherz zu einem kleinen Traumdorf für die ganze Welt. Die Grundidee: internationalen Globetrottern und Gutverdienern den Weg zurück zur guten alten Natur gerade eben so weich zu pflastern, dass er nicht gleich in die Wellness-Hölle oder nach Disneyland führt.

 Vom Abenteuerurlaub zum First Class Resort

Ursprünglich war das ein wenig als Abenteuerurlaub gedacht, in dem man selbst sein Feuer machen und Essen kochen sollte. Tatsächlich wollen auch heute noch manche weltgereiste Manager in der kleinsten Hütte wohnen, um dort am Morgen persönlich den Holzherd fürs Rührei zu schüren (wenn es sein muss, sogar im Backrohr). Inzwischen ist das Almdorf aber auch für Araber, Amerikaner oder Australier auf ihrer „grand hotel tour“ durch Europa ein beliebter Rastplatz, Gäste aus 23 Nationen kam 2007 hier an. Deswegen sitzt man nun zumindest in der hölzernen Badewanne zentral geheizt, es gibt eine Hand voll noch komfortablerer Jagdhütten und Chalets inklusive Champagnerfalltür, dazu hat in diesem Jahr der Gründer den Betrieb in die Hände eines Mannes vom Fach gelegt. Allerdings ist Johann Landschützer als Berater des Almdorfs schon lange von dessen Grundidee infiziert und hat so die Aufgabe auch deswegen übernommen, damit es kein Edeltouristenkonzern in sein Portfolio einreihen kann.

Die etwas andere To-Do-Liste

So kann ich jetzt echtes, weil schlichtes Almhüttengeschirr an die Spüle stellen (wo sich seiner eine gute Fee später annehmen wird), mich ein wenig an der Antenne des Transistorradios auf der Anrichte versuchen und ganz alleine noch ein paar Scheite im Kachelofen nachlegen, um mir dann auf der Eckbank zu überlegen, was ich heute noch so anstellen werde:

1. Mir gleich aus den Resten vom Frühstück ein Omelette braten.

2. Danach mit einer der Almdorfkatzen auf dem Bauch Mittagsschlaf halten.

3. Anschließend einen Wanderversuch wagen, der an einem Bergbach endet, dem ich „Moon River“vorsinge (sorry, Almgötter).

4. Zurück im Dorf ins Haus der Sinne gehen, wo Meister Peter in dunklen Tiefen über prasselndem Feuer ein Sud aus 90 Almwiesenkräutern zieht, mit dem er mich in einen Lärchenholzzuber steckt und dann zwischen Heu bettet, bevor er und die ganze Welt sich in Luft auflösen.

5. Am Abend bei Bruder Horst in der Holzknechthütte landen, wo vorne das Panoramafenstersims zum Catwalk für die Almhauskatzen wird und der Horst hinten sein sechsgängiges Hüttenmenü inklusive auf den Punkt gebratener Steaks auf einer Ofenflamme zubereitet.

6. Es am Ende gerade noch auf die Eckbank meiner Hütte schaffen und kurz grübeln, ob ich morgen überhaupt noch was frühstücken kann und wie ich das eigentlich alles erzählen soll.

Schließlich aber: Ruhe. Jetzt. Hier.


Das Almdorf Seinerzeit liegt auf der Fellacheralm bei Patergassen in Kärnten und ist das ganze Jahr geöffnet. In insgesamt 28 Almhütten, Jagdhäusern und Chalets kann man sich ab 290 Euro pro Nacht (eine Almhütte z. B. reicht gut für 4, maximal für 6 Personen) rundum verwöhnen oder einfach nur gehen lassen - Frühstück und Abendessen inklusive. Erstklassige Regionalküche mit modernem Einschlag gibt es im nur für die Dorfbewohner reservierten Gasthaus Fellacher, in dessen Weinkeller auch Gourmet-Menüs serviert werden. Deftige Almkost wird im Zwei-Personen-Restaurant Holzhackerhütte serviert - und auf Wunsch kommen die Köche auch in die eigene Hüttenküche.

www.almdorf.com

 

Auf der Alm, hier und jetzt
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funnydani
Schöner Bericht
Auf der Alm, hier und jetzt  

Hallo Sebastian,

super geschrieben, alles genau getroffen! Die Tomaten zum Saibling - ich schwelge immer noch :-) Es war wirklich ein ganz großartiges Wochenende, noch einmal herzlichen Dank an alle Beteiligten! Das Almdorf kann man sehr guten Gewissens jedem ans Herz legen.

Liebe Grüße,Daniela

 

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