FOOD TRENDS 2009 - was kommen darf, was gehen kann

Wie im letzten Jahr haben sich Nicole Stich und Sebastian Dickhaut Gedanken darüber gemacht, was 2008 in der Foodie Welt los war und was uns dieses Jahr erwarten kann.

FOOD TRENDS 2009 - was kommen darf, was gehen kann
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küchengötter Redaktion

WAS KOMMEN DARF

Mehr Entspannung beim Kaufen
Obwohl alle sagen, dass 2009 ein schlimmes Jahr wird, laufen die Leute nicht gleich in Scharen zu Aldi über, um auch noch den Kakao zu saufen, durch den man sie zieht. (Denn was ist das sonst, wenn man sein Geld sparen will, in dem man es den Reichsten des Landes gibt?) Genuss ist ganz offensichtlich selbstverständlicher geworden ebenso wie die Erkenntnis, dass die Gründe für Gammelfleisch und das Aussterben der regionalen Anbieter auch im eigenen Geiz liegen. Die Verdammung von Lebensmitteln hat nachgelassen, die Leute haben weniger Angst vorm fetten Speck (wenn er von einem guten Metzger in der Nähe kommt) und rufen beim Anblick einer Flugananas nicht gleich nach Foodwatch (wenn es einfach die beste Ananas im Angebot ist).

Think the big things small
Lange genug hat man zugeschaut, wie es Starbucks, McDonalds und Jamie machen – jetzt haben sich lokale Gastronomen davon was abgeschaut und machen in ihrem Viertel ihr eigenes Ding. Heraus kommen dabei Coffeeshops, in den der Röster der Stadt seine eigenen Kaffee-Rezepte serviert und dazu Schwarzwälder Brownies; oder die Chefs einer jungen Restaurantkette bringen eine eigene Produktlinie raus; oder jemand macht eine Nudelsuppenküche oder Tapasbar auf Deutsch auf.

Veggie wird schick
Wir wollen nur von München reden – und da man hier immer ein bisschen konservativer ist, gehen wir mal davon aus, dass wir von einem bereits mächtig rollenden Trend reden: Endlich gibt es auch hier vegetarische Lokale, die nicht nur alles richtig machen, sondern das auch richtig gut machen – professionell, mit Stil und Witz und vor allem mit einer originellen Küche. Und ganz vorne liege dabei sogar die Veganer wie das Cafe King oder das Zerwirk. Und wem das Essen dort nicht passt, der soll sich mal die Gäste anschauen – selten trifft man eine interessantere Mischung. Das Buch zum Trend: „Natürlich gut essen” von der Bio-Spitzenköchin Gabi Kurz aus Bischofswiesen, die nun mit ihrem vegetarischen Gourmet-Restaurant Magnolia in Dubai für Furore sorgt.

Das Food-Web wächst - in die Tiefe
Dass Food-Communities im Web ein gutes Ding sind, müssen wir Euch nicht sagen, wir pflegen ja hier selbst seit einem Jahr eine – die uns  durch ihren Hang zur Leidenschaft und durch ihre Abneigung gegenüber Larifari immer noch überrascht. Offenbar ist die Sehnsucht nach Anti-Allerwelts-Angeboten im WWW groß. So gibt es jetzt Kochportale für bestimmte Zielgruppen wie „nur für Männer”, Lieferanten, die einem lokale Lebensmittel speziell aus Europa servieren oder leidenschaftliche Foodies, die aus ihrer Passion einen  Blog-Nachrichtendienst schaffen wie nutriculinary oder bottleplot. Wir warten derweil auf die erste Twitter-Foodie-Community.


WAS GEHEN KANN

Molekularküche löst sich auf
Spätestens als zur Buchmesse 2008 gleich ein paar Verlage DAS lange erwartete Grundkochbuch zur Molekularküche herausgaben, war klar: Die braucht zu Hause kein Mensch. Und eine Küche, die nicht in den Küchen ankommt, hat wenig Zukunft – außer als subventioniertes Theater, das man einmal im Leben besucht haben muss. War toll und inspirierend, aber in der reinen Form reicht es jetzt wieder.

Very Slow Cooking schläft ein
Nicht mehr lesen wollen wir Rezepte, bei denen erst 48 Stunden mariniert und dann noch mal 48 Stunden bei 56 Grad poelliert, pochiert oder rumprobiert werden muss, bis dann das Kotelett samt Knochen löffelzart ist – Slow cooking und traditionelle Kochtechniken in allen Ehren, aber diese extreme Rückkehr zu Oma Neandertalers Töpfen scheint uns nur ein neue Finte der Großköche, uns die komplizierte Erhabenheit ihres Berufs zu zeigen. Ein gutes Kotelett sollte aber keinen Stress machen, außerdem sind wir noch voll im Leben und mögen Fleisch, das man mit Messer und Gabel statt mit dem Strohhalm isst

Kochtheater bitte absetzen
So oder so – in einem Kochzirkus wird man wohl nie ein Kotelett serviert bekommen, schon gar nicht ein wirklich gutes. Was auch Verschwendung wäre, weil man kommt eh nicht zum Genießen. Hier hoffen wir einfach mal, dass Jamie Oliver mit dem Scheitern seiner Show wieder einen neuen Trend gesetzt hat – und gehen auch weiter bloß essen, wenn wir gut essen wollen.

Mach’s gut Schuhbeck
Was ist das Tolle an Rom? Egal, wo man landet, man kann sofort in die Geschichte eintauchen. Was ist das Schlimme an München? Egal wo man steht, Schuhbeck ist schon da – als mannshohe Skulptur in der Kaufhausbuchabteilung, als Zirkuskoch mit zwei Schmuddelchristkindern auf den Litfasssäulen, als Marke über Eisdielen, Imbissen, Kaffeehäusern, Gewürzläden, Raststätten und Sternelokalen, die sich über die ganze Stadt und bald wohl auch übers ganze Land ausbreiten, als Stimme im Radio („im neuen Jahr gebt’s Gas”) und Spice-Doktor im Fernsehen („Ingwer sperrt die freien Radikalen so was von weg!”). Wir wünschen unserem gastronomischen Stehaufmännchen alles Gute – aber in Zukunft ohne uns.

Lass gut sein, Jamie
Unser liebster Starkoch hat ja schon tolle Dinger gedreht – das TV-Kochen neu erfunden, gestrandete Jugendliche zu Starköchen gemacht, das englische Schulessen revolutioniert. Jetzt hätte er uns auch noch vormachen können, wie eine jung und gut gemachte Kochzeitschrift geht, auf die wir gerade in Deutschland noch immer sehr warten. Stattdessen hat er mit „Jamie” die alten Muster nur gewohnt gekonnt aufgefrischt und nebenbei noch ein Fanzine und einen Bestellkatalog für seine Merchandising-Produkte geschaffen. Vielleicht sollte er langsam den Gates-Weg gehen und sich als Stifter zurückziehen – und mit seinem Geld die nächste Generation das nächste große Ding drehen lassen.

Fisch wird schlecht
Eigentlich gibt es nur eine Antwort drauf, dass trotz immer drohender Warnungen vor der Plünderung der Weltmeere Fischfangkommissionen weiter lächerlich hohe Fangquoten beschließen, damit die Fischer heute nicht arbeitslos werden, aber morgen vielleicht die ganze Industrie bankrott geht. Eigentlich dürfte man keinen Fisch mehr essen. Zumindest keinen Seefisch, der nicht aus der Zucht kommt. Auf keinen Fall aber noch Thunfisch. So wie es unser Japan-Spezialist und Sushi-Fan Sebastian Dickhaut schon seit einem Jahr nicht mehr tut: „Lieber hol ich mir ein Avocado-Nigiri bei meinem veganen Japaner.” Noch lieber würde er natürlich wieder Thunfisch essen - aber der stirbt leider gerade aus.

 

Unsere Ausblick im letzten Jahr liest sich hier

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Mausi23
Aus der Seele gesprochen!

Herzlichen Glückwunsch, Ihr Küchengötter, zu diesem tollen Rück- und Ausblick! Ihr sprecht mir damit absolut aus der Seele, sowohl was den "Geiz ist Geil-Aldi-Mist" betrifft als auch die allgegenwärtige Schubeck-Mania, beides geht mir sowas von auf die Nerven! Macht weiter so!

Solera
Stimmt!

Liebe Küchengötter, kann Mausi23 nur zustimmen. Ein toller Rück- und Ausblick! Ihr habt es auf den Punkt gebracht :-) Genau auch deshalb gefällt es mir hier bei Euch so gut. Ihr liegt genau auf meiner Linie! Laßt nicht nach und ich freu mich auf ein 2009 mit Euch und all den anderen hier!

kaltmamsell
Schuhbeck-Pessimismus

Ich bin nicht so optimistisch, wenn es um die Verbindung München und Schuhbeck geht. Eher schon sehe ich eine völlige Deckungsgleichheit kommen, in der "Schuhbeck" verwendet wird wie in Wien "Bezirk": Um wo wohnst du? Im 3. Schuhbeck.

Lustig

Erst letzte Woche habe ich mit einem Freund über das Thema Promiköche diskutiert und wir sind zu einem ähnlichen Schluß gekommen, dass es nur sehr wenige Köche verstehen, sich nicht zu hemmungslos zu vermarkten. Ich kann es verstehen, wenn ein Koch ein zusätzliches Steckenpferd (Bücher schreiben, Gewürze verkaufen, etc.) auslebt und damit auch Geld verdient, aber so eine Rundum-Vermarktung lässt leicht den Eindruck aufkommen, es ginge nur darum möglichst viel Geld zu scheffeln und den Leuten obendrein ordentlich auf den Senkel zu gehen.

Und die Lichter dürfen auch ausgehen...

Was war das originell, als der zwirbelbärtige, lustige Rheinländer von nebenan in die Phalanx der Spitzenköche eingebrochen ist und sie mit dem Verbrauch irrer Mengen von Sahne und Butter zum Staunen gebracht hat. Eine größere Revolution als der Bengel Mälzer mit seinem berühmten Tüten-Kartoffelpü.

Aber nichts ist vergänglicher als "Originalität". Ich möchte weder von einem Taxifahrer geflogen noch von Horst Lichter bekocht werden.

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