ICH KOSTE... Diät

Eigentlich ist ja schon alles gesagt zum Thema Diät, außer von dem, der hier zu allem Möglichen was schreibt. Alsdann: von drei Kartoffelpuffern und den Sieben Hungern.

ICH KOSTE... Diät
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Kommentare
Sebastian Dickhaut

"Diät hat am Ende ein t wie tot" - ich glaube, es war Garfield, der das gesagt hat. Aber das ist nur die viertel Wahrheit. Denn am Anfang steht das dicke D wie "Du kannst alles essen". Vor zwei Monaten war damit noch die wonnige Großzügigkeit gemeint, weil Winter, Weihnachten und dunkle Nächte, da müssen (!) wir uns was gönnen. Trüffelschokolade und Mandelbutter waren hach, weil das Leben ist doch eh schon ach.

 

Nur zwei Frauenzeit- und eine Mannsgesundheitsschrift später aber kriegt der innere Schweinehund den Tritt statt fein Fett, damit wir wieder Männchen und Weibchen machen können, sobald die Sonne rauskommt. Statt Comfort Diet gibt's jetzt Diät auf Deutsch, bei der einem nun lachend schöne Models zuzwinkern: "Du kannst alles essen" Nur halt so gut wie nix davon, zwinker, zwinker. Ja, ja, Ihr Hübschen, und was ist mit dem "iiih" und "bäh" in Diät?

 

Iss lustig und bunt!

 

Ruhig, Sebastian, sagt die Redaktion, iss erst mal einen Schokoriegel. Das sei doch jedes Frühjahr das gleiche, mit dem Versprechen wie dem Beschimpfen bei der Diät, weswegen sie auch gar nicht mehr wüssten, was sie schreiben sollen, aber sie müssten es halt, the show must go on, auch wenn schon alles gesagt sei, wobei... was hätte ich da nochmal letztes Jahr gesagt? Ich hätte ja schon über alles Mögliche geschrieben, aber noch nie über Diät? Dann könnte ich doch vielleicht...? Wo ich eh grad so am Wortspielen sei...?

 

Haha, Ihr kennt ja die Regel, je mehr Wortspiele, desto ferner ist mir das Thema, spielerische Annäherung nennt man das. Alsdann: Die einzige Diät, an die ich mich halte, heißt: "Iss lustig und bunt" Und das bezieht sich aufs Leben wie die Mittel beim Essen. Ob bei den Bubble Teenies, auf Streetfoodtour in Jakarta oder beim Witzeabendbrot. Das Ergebnis? Dass mich beim letzten Küchengötterkurs die Leute fragen, warum ich eigentlich kein dicker Koch bin.

 

Zeigt's mir einen dicken Thai-Koch

 

Das war ein Kurs durch die Thaiküche, die ja ziemlich bunt ist und scharfsüßsauer noch dazu, dabei nicht nur mager (Kokosmilch), dafür reichlich beweglich ("Rock the Wok!"). Und jetzt, bitte, zeigt's mir einen dicken Thaikoch. Oder die Thai-Diät. Gibt's nicht, genau und genauso wie der Chinese kein Feng Shui in der Schule hat und wir automatisch den Mund aufmachen, wenn ein Löffel in seine Richtung geht. Das ist einfach so.

 

Ok, was wollte ich sagen? Ach ja: Und bei mir ist das halt auch einfach so. Ich ess mich bunt und lustig durch die Welt und wenn die Hose mal spannt, wird der Hunger gleich kleiner, und dann passt's wieder. Gemein? Die Gene? Schon auch, aber ein guter Draht zum Körper muss dazu noch irgendwo verlegt worden sein, als ich bei meinen ebenso gerne, bunt und lustig essenden Eltern groß geworden bin. Also jetzt nicht so groß, aber klein fand ich mich nie, obwohl andere in meiner Größe... Ok, was wollte ich sagen?

 

Als ich mal Diät machte

 

Genau: Einmal fand ich mich dick. Als Geradeso-Teenager, von dem es nur keine Fotos gibt, also zumindest keine dicken, vielleicht mit einem kleinen Bauch, aber hey, mit zwölfeinhalb? Die Wahrnehmung war jedenfalls eine andere und so habe ich damals verkündet, ich mache Diät, was meine Mutter kopfschüttelnd hinnahm. Nicht etwa weil sie von Diäten nichts hielt - sie hatte alle probiert, von Ananas bis Atkins, von Fasten bis Weight Watchers. Aber sie war klug genug zu wissen, dass eine Verrückte in der Familie reicht. Also zumindest was das Diäten betrifft.

 

Wie bei allen wichtigen Momenten in meinem Leben erinnere ich auch diese Diät über etwas zu essen. Oder erst einmal eher über das "nichts zu essen". Eine ähnlich einengende Erfahrung, wie sie für Kollegin Katha bei ihrem veganen Experiment die größte Herausforderung war. Das Essen aber, das mir von meiner einmaligen Diät in Erinnerung geblieben ist, sind drei Kartoffelpuffer mit Apfelmus auf Klassenfahrt im Fantasialand, mit Blick auf den achterbahnfahrenden Rest der Klasse. Als ich meiner Mutter dann am Abend ein "ich hab gesündigt" beichtete, entschied sie, dass ich den Schmarren bitte jetzt lassen sollte und kochte mir Grießbrei.

 

Von den Sieben Achtsamen Hungern

 

Manchmal ist es so einfach. Manchmal kann es aber auch kompliziert werden, etwa wenn auf den Seufzer "Jede Woche erreichen uns neue Ernährungsempfehlungen" einem eine noch komplizierter Empfehlung serviert wird, etwa "Achtsam essen". Doch in jedem Binsenhuhn steckt ein Korn der Wahrheit (ja, gleich ist Schluss hier und damit auch mit den Wortspielen), und so habe ich am Ende des verlinkten Artikels mit Interesse von den Sieben Achtsamen Hungern gelesen und wie man die stillen kann, ohne sich vollzustopfen.

 

Am nächsten ist mir da der Herzhunger (Du brauchst Trost? Dann liebe Deinen Nächsten statt den nächstbesten Schokoriegel zu essen) und am besten gefällt mir der Geisteshunger: Du bist auf der Suche nach der neuesten Diät? Mach Dich schlau und komm zur Ruhe. Und - das kommt jetzt von mir - ess erst mal einen Schokoriegel.

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lundi
Das Plädoyer für achtsames Essen

unterschreibe ich sofort. Weniger denken, weniger bewerten, mir selbst vertrauen.

 

Mein täglicher Freund und Begleiter sind Augen- und Zellhunger. Damit kenne ich mich aus. Was wäre heute abend die Lösung? Prima, heute abend werde ich das allerschönste Glas aus der Vitrine holen (Schönheit) und ein gepflegtes Weizen (Nährstoffe, Flüssigkeit, Vitamine, Mineralien) einschenken und wenigstens den ersten Schluck bewusst zu mir nehmen, wenn die Bayernelf im Viereck auftaucht.

 

Ansonsten geht es mir wie dir, kneift die Hose, hab ich weniger Hunger und alles regelt sich irgendwie von selbst. Und zu dick fand ich mich früher auch mal. Ganz viel früher. Breite Schultern und breites Becken machen für ein junges Mädchen, das viel Sport betreibt, keine schöne weibliche Figur, doch daran hätte auch eine Diät nichts geändert.

Bettina Müller
Diäten, Diäten, Diäten

Wenn ich an mein Ökotrophologie-Studium denke, ist mir ein Satz ganz besonders in Erinnerung geblieben: Alles was sie heute lernen, hat in 5 Jahren keine Gültigkeit mehr. - Jede neue Diät, die auf den neuesten Erkenntnissen und Studien basiert und die neueste Zauberformel für den gesündesten Körper überhaupt kennt, ist genauso schnell überholt, wie sie auf der Bildfläche aufgetaucht ist. Was würden denn sonst auch die ganzen Frauenzeitschriften machen, wenn sie nicht andauernd ein neues Diät-Erfolgsversprechen abdrucken könnten? Was bei all diesem Wahn auf der Stecke bleibt, ist auch für mich ganz klar die Fähigkeit, auf seinen Körper zu hören, der uns sehr wohl schon von alleine zeigt, was ihm gerade fehlt und gut tun würde. Wir haben es einfach nur verlernt, auf ihn zu hören.

 

Auch ich hatte Zeiten, in denen ich jede erdenkliche Diät ausprobiert habe (die absurdeste überhaupt: die Hollywood-Star-Diät). Aber schon alleine die Tatsache, dass ich andauernd eine neue ausprobiert habe, zeigt doch, wie viel hinter dem Diätwahnsinn steckt: nämlich gar nichts. 

 

Wann haben wir eigentlich verlernt, ganz bewusst zu essen und zu genießen? Angefangen vom Einkauf, bei dem ich am frischen Obst und Gemüse rieche. Weiter über die Zubereitung zu Hause, bei der ich die Zutaten nicht einfach in eine komische Maschine stecke, die alles von Zerkleinern bis Erhitzen alleine macht. Bis hin zu dem bewussten Essen ohne Begleiterscheinung wie Fernseher & Co.? Seit wann zählt bei einem Essen die Kalorienangabe mehr, als der Geschmack? 

 

Ach, noch eine Sache, die ich im Studium gelernt habe: Je höher die Dichte von Ernährungsberatern in einem Land ist, desto höher ist der Anteil der übergewichtigen Bevölkerung. Eine Aussage, die mich schon immer zum Schmunzeln gebracht hat ...

Aphrodite
Schieflage.

@Bettina, eine übergewichtige Bevölkerung hat jetzt aber nichts mit den Ernährungsberatern zu tun? Der moderne Mensch ernährt sich falsch. Und diese Korrektur ist nicht einfach. Die Schulen gehen da massiv vor. Kinder werden getadelt, wenn sie von ihren Eltern (!) den falschen Pausensnack eingepackt bekommen. Vollmundig zu sagen: "Ess erst mal einen Schokoriegel!" Ich glaube ich dürfte gleich antanzen im Rekorat wegen Vorbildfunktion und so weiter. Ein beklommenes Gefühl, was sich dann breit macht: Nein, so etwas darf ich nicht mit in die Schule nehmen. Nur wegen eines Pausensnacks. Mini-Cheddars führen glatt zu Schulverweisen, wie kürzlich zu lesen war. Die Kinder sind zu fett! Dabei hatte der arme Riley eher einen Hang zu Untergewicht.

Ach, ich lese gerne Bücher über Diäten. Das ist doch spannend. Heute überlege ich schon die ganze Zeit, was meinem Zellhunger wohl am besten gefällt und komm' doch nicht drauf. Mittlerweile bin ich so unsicher, dass ich gar nichts mehr anfasse. Eigentlich wollte ich diese kleinen, süßen Schwarzwald-Muffins machen. Die schiebe ich schon tagelang vor mir her. Extra Kirschen (8 Stück für 10 EUR) aus Australien gekauft. Die waren mir dann aber zu schade für die Muffins. Alle Kirschen auf der Hand so gegessen. Dann war die Butter nicht weich. Jetzt muss ich noch Kirschen aus dem Glas kaufen. Essen wollte ich die Muffins nicht - nur angucken - solange bis die Zellen zuschlagen. @lundi, das ist nicht böse gemeint und alles was Du geschrieben hast, ist auch richtig. Im Augenblick sehe ich mich nur als unaufgeräumtes Zellknäul durch die Gegend laufen - einfach schrecklich!

Bettina Müller
Schieflage

@Aphrodite: Aber genau das ist ja das schlimme. Was ist denn da passiert, dass man so unsicher geworden ist und sich gar nicht mehr traut, etwas anzufassen? Und von diesem Schulverweis habe ich auch gelesen und war empört. Ich habe früher in jeder Pause mein Wurstbrot gegen den Nutellatoast meiner Freundin getauscht - welch ein Glück, dass sie für diesen Pausensnack nicht von der Schule geschmissen wurde.

 

Der Mensch ernährt sich falsch - ja, da widerspreche ich Dir überhaupt nicht. Das Bewusstsein für eine ausgewogene Ernährung ist vollkommen verschwunden, Rezepte werden durch Fertiggerichte ersetzt. Wir verlernen durch Aromen und Geschmacksverstärker, wie Gerichte und Zutaten eigentlich schmecken sollten. Und ist es nicht irgendwie traurig, dass Saisonalität und Regionalität zu Trends erklärt werden müssen und nicht selbstverständlich sind?

 

Und zu den Ernährungsberatern: Ein Professor von mir hat damals immer eine Studie, die genau dieses Ergebnis hatte, zitiert. Natürlich ist es provozierend gemeint. Und natürlich möchte ich mit dem, was ich da oben und hier geschrieben habe, Übergewicht und andere davon verursachte Krankheiten nicht verharmlosen. Ich frage mich nur, wann wir es wieder endlich schaffen, ein normaleres Verhalten zu Essen zu entwickeln.

 

lundi
Schieflage

Ich bin mir gar nicht so sicher, ob man so viel über Essen reden und auflären muss. Lesen und hören kann man von Ernährung an jeder Ecke, in jedem Medium. Nervt das?

 

Meine Freundin (kocht und bäckt alles selbst und nur Bio!) erzählte mir erst heute, dass ihr magerer Sohnemann, 1. Klasse, gestern abend eine ganze Stunde geweint hat. Die Grundschullehrerin hat ihn vor der ganzen Klasse runtergeputzt, weil er für die Pause eine Scheibe selbstgebackenes Weißbrot mit richtiger Butter und selbstgekochter Marmelade aus Früchten vom eigenen Garten mit hatte. Er wurde als das Paradebeispiel falscher Ernährung hingestellt und zum Thema des Tages erkoren. Der arme kleine schüchterne Kerl ist völlig verstört. Dazu bekam meine Freundin eine schriftliche Empfehlung bzw. Anweisung, eine Ernährungsberatung aufzusuchen. Er hat seine Mutter weinerlich angebettelt, sie möge doch beim Discounter für ihn ein "schwarzes Industriebrot" kaufen, dazu eine Februartomate und einen süßen Chemie-Joghurt ohne Fett und ohne Zucker. Nein, nicht zum Essen. Nur zum Vorzeigen in der Schule, damit es nicht wieder Ärger gibt. Sein Marmeladenbrot nimmt er dann heimlich mit aufs Klo. Wer erzieht hier wen und wer lässt sich nicht unterkriegen?

Bettina Müller
Sprachlos

@lundi: Bei solchen Geschichten bleibe ich doch einfach sprachlos zurück.

lundi
Höre auf deinen Körper...

solange er noch mit dir spricht, auch wenn es manchmal nur ein Flüstern ist. Wenn du nicht zuhörst, hört er irgendwann auf, mit dir zu sprechen. Kommunikation mit sich selbst ist von einer normalen Sache zu einer hohen Kunst mutiert. Das lässt sich kaum rückgängig machen, auch nicht mit Ernährungsberatung oder Yoga, allerhöchsten mildern mit ganz viel Optimismus.

JulietteG
Ist das Euer Ernst?

Nicht, dass ich wirklich oder absolut bezweifle, was Ihr schreibt, aber wird da nicht am falschen Ende eingegriffen?

 

Ich wollte hier fast einen etwas längeren Kommentar zur "achtsamen Ernährung" verfassen, aber Eure "Schulpolitik" entsetzt mich! Gut, ich hatte nie Süßes dabei, weil ich es nie mochte, aber unser Pausenbrot wurde nie in Frage gestellt! Dann müssten die Lehrer ja auch hinterfragen, was es denn den sonstigen Tag  zu Essen gibt! Und bei Euch beiden, liebe Aphrodite und lundi, gibt es doch wirklich nur gutes Essen!

 

Ich schüttel nur mit dem Kopf und wundere mich über gar nichts mehr!

Sebastian Dickhaut
Schuldiät?

Wow, das sind ja Geschichten - Bettina als Hollywoodstar, Weißbier gegen Zellhunger, Glaskirschen schlagen australische Edelstücke. Und JulietteG's Entsetzen lässt sich doch auf alles ausbreiten, also auch auf das, was da erzählt wird. 

 

Ich bin auch ein bisserl fassungslos über diese Schulbrotgeschichten. Und davon mal ganz unabhängig - eine negative Auffälligkeit eines Schülers vor allem zum Thema des Tages zu machen spricht ja nicht grad für gute Pädagogik oder? Mal abgesehen davon, dass der Lehrer hier bestimmt, was negativ und auffällig ist.

 

Ich find daher übrigens auch gar nicht, dass gute Ernährung ein Schulfach sein soll, da sollen sich mal schön weiter die Eltern drum kümmern und die Ernährungswissenschaft meinetwegen um die, weil die es im Zweifel und am Ende trotzdem besser wissen als die Ernährungsstudierten. Zumindest, was für ihr Kind besser ist. Und aus der Verantwortung soll man sie nicht rauslassen.

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