Slowfood in Slow Motion

Auch wenn die Slowfood-Messehallen am Wochenende höllisch voll waren und vieles ausverkauft war- unsere Gartengöttin Susanna Bingemer fand den Weg zu ihren Lieblingen

Slowfood in Slow Motion
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Susanna Bingemer

Am Wochenende war ich auf der Slowfood-Messe in Stuttgart. Die fand dieses Jahr zum zweiten Mal in Deutschland statt – nach dem Vorbild des Turiner „Salone del Gusto“ in Italien, dem Mutterland der Slowfood-Bewegung, die sich für den Erhalt landestypischer regionaler Lebensmittel und damit auch für Koch- und Esskultur einsetzt. Und es war die Hölle los, zeitweilig gab es kaum ein Durchkommen in den Stuttgarter Messehallen. Die Veranstalter freuen sich jetzt über 65.000 Besucher an vier Tagen.

Wobei: Die Leute konnten mit einer Eintrittskarte gleich drei Messen besuchen (noch „Garten” und „Antiquitäten“), also waren das wohl nicht alles reine Slowfoodies. Andererseits: Garten und Slowfood schließen sich ja nicht aus, wie man an mir sehen kann. Ich sage nur: Biodiversität! Die ist schließlich ein zentrales Anliegen sowohl engagierter (Klein-)Gärtner als auch der Slowfood-Anhänger.

Davon abgesehen ist die Slowfood-Idee, eh immer mehr im Kommen. Bio schön und gut, aber wenn die Bio-Erdbeeren im April aus Neuseeland kommen, ist das einfach nicht mehr angesagt.  Denn wer auf sich hält, kauft heute nicht nur bio, sondern auch regional - das hatten wir ja hier auch schon. Und das sagte auch Vorstand Otto Geisel in seiner Eröffnungsrede: „Bio ohne Slow ist nur eine halbe Sache. Denn Slow bedeutet nicht nur Sorgfalt der Zubereitung sondern auch Besinnung auf Saisonalität und Regionalität.“

Jazz zum Essen, Esser in Massen

An vier Tagen stellten in Stuttgart über 300 Produzenten ihren Produkte aus und es gab ein großes Rahmenprogramm mit Vorträgen, Kochen, Degustationen plus Kultur. Am Sonntagvormittag war ich zum Beispiel bei einer Matinée mit Lesung und Jazz-Musik. Was nicht nur mit Liebe zum Jazz zu tun hatte: Den zu lesenden Teil bestritt mein Gatte Hans Gerlach mit seinem „Alphabet der feinen Küche“ (seine gesammelten Kolumnen aus dem SZ-Magazin). Der Jazz versuchte dann, das Kulinarische in Klängen wiederzugeben.

Ich fand das natürlich toll, aber wie es so ist auf einer Messe: Im Grunde war das wohl ein bisschen zu intellektuell und der Lärmpegel insgesamt so hoch, dass man sich nicht wirklich einlassen konnte auf die Darbietung. Hier war die Hölle also nicht los, aber aufmerksam: Als wir am Ende unsere aus München mitgebrachte Weißwürste mit Brezen spendierten, waren plötzlich ganz viele Leute da und alles sofort weg getreu der alten Messeweisheit: Wenn’s was zu essen (!) umsonst (!!) gibt, kommen die Leute. Ich habe von Produzenten gehört, dass sie schon am zweiten Tag auf dem Trockenen saßen - alles weggefressen, -getrunken und auch –gekauft (dann das kann man auch, was aber längst nicht jeder macht). Die mussten dann ihre Stände am Freitag früher dichtmachen und fieberhaft für die nächsten Messetage Nachschub organisieren.

Slow oder nicht slow, das ist die Frage

Apropos Dichtmachen: Am Anfang der Messe haben „Slowfood-Sheriffs“ stichprobenartig die Produkte an den Ständen kontrolliert und (so erzählte mir Martina Tschirner, die Chefredakteurin des Slowfood-Magazins) es gab dann tatsächlich Fälle von Brühwurst mit Geschmacksverstärkern oder Aceto balsamico mit Farbstoffe, und diese Produzenten flogen raus.

Groß drin war dafür EDEKA. „Was wollen die denn hier?” war nicht nur mein erster reflexhafter Gedanke. Ich ließ mir erklären: Nicht nur, dass dieser Konzern die Messe finanziell unterstüzt, nein, auch von Seiten Slowfoods ist die Zusammenarbeit durchaus erwünscht. Wenn nämlich die regionalen Produzenten ihre Produkte mehr in Supermärkten verkaufen dürfen, können die sich natürlich viel mehr verbreiten. Na dann….!

Zwei meiner Lieblingsproduzenten jedenfalls scheinen auch so gut über die Runden zu kommen: Marius Wittur mit mustea, der im Rahmen seines Quitten-Rekultivierungsprojekts in Franken einen traumhaften Quittenwein produziert, war praktisch ständig am Probiergläser füllen. Genauso wie Erich Stekovics, der Kaiser der Paradeiser. Sein Stand war für mich Tomatengärtnerin ein Highlight - der Bauer aus dem Burgenland ist halt DER Tomatenguru. Saisonal korrekt habe ich mich bei ihm mit Eingemachtem eingedeckt: Fleischparadeiser-Chutney, Paradeiser-Tatar mit Distelöl, Tapenade mit schwarzen Nüssen und getrockneten Tomaten, eingelegte Johannisbeer- und Dattelweinparadeise… Für mich hat sich die Messe also auf jeden Fall gelohnt. Auf bald in unserem Garten!

Slowfood in Slow Motion
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Hande Leimer
Tomaten Führungen!

Hallo Susanna,

schöner Bericht! Ich war letztes Jahr bei dem ersten Slow Food Messe, und es war viel kleiner als Du hier beschreibst. Freut mich, dass sie erfolgreicher werden.

Warst Du schonmal bei Stekovics auf seinen Feldern? Im Spät-Sommer macht er Führungen, 3-4 Stunden lang und es ist die reine Freude. Dir als Gartengöttin kann ich es wärmstens empfehlen, falls Du es noch nicht gemacht hast. Kleiner Tipp: In der Gegend kann man auch wunderbaren Wein trinken!

Ananasbelle
Nächstes Jahr...

... bin ich auch da, versprochen - trotz wohl noch mehr Massen. Ich finde, Antiquitäten passt auch gut zu Slowfood, denn die kümmern sich ja um alte Gemüse usw. Wobei ich die hier in Deutschland schon recht antiquiert finde, so viele Tweedjacken und Oberlehrer habe ich noch selten gesehen wie auf dem Treffen meiner Truppe hier, wo es vor allem um Satzungen ging usw., nix für mich.

Das mit Edeka finde ich ok, wenn es auch regional gemacht wird. Mein Supermarkt wird von einer Unternehmerfamilie in unserem Landkreis gemacht, die zum einen von Edeka beliefert werden, zum anderen aber auch Produkte unserer Regionalmarke haben (Unser Land -Bauern um München, die unter einem Dach produzieren). wo es das nicht gibt und auch keinen engagierten Marktleiter, sehe ich eher schwarz.

P.S.: Hübsches Bild von Dir auf der Startseite ;))

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